Eine Patientin (Symbolbild)
Zwischen veränderter Religiosität und medizinischer Professionalisierung

Wie die Krankenhausseelsorge zukunftsfähig bleiben will

An sich ist die Krankenhausseelsorge in Deutschland gut abgesichert. Dennoch wirft ein Blick in die Zukunft Fragen auf: Kann sie angesichts veränderter Religiosität und medizinischer Professionalisierung ihren Platz behaupten? Ja, sagen Experten – wenn sie sich auf bestimmte Entwicklungen einlässt.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 04.01.2020

Kranke zu besuchen, Trauernde zu trösten und Sterbenden beizustehen, gehört seit ihren Anfängen zum Kerngeschäft der Kirche. Gebündelt sind diese existenziellen Ausnahmesituationen im Krankenhaus anzutreffen. Deshalb arbeiten dort von den Kirchen beauftragte und bezahlte hauptamtliche Seelsorger, die den Patienten und Angehörigen Beistand leisten. In Deutschland sind es auf katholischer Seite mehr als 1.000 pastorale Mitarbeiter, Priester wie Laien. Ihr Wirken ist sogar verfassungsmäßig garantiert: Maßgeblich ist hierfür das Zusammenspiel zwischen dem Grundrecht auf freie Religionsausübung (Art. 4, Abs. 2 GG) und dem Selbstbestimmungsrechts der Kirchen (Art. 140 GG in Verbindung mit Art. 141 der Weimarer Reichsverfassung).

Strukturell ist die konfessionelle Krankenhausseelsorge in Deutschland nach wie vor gut abgesichert. Sie steht weder im gesellschaftlichen noch im medizinischen Bereich zur Disposition; für viele Krankenhäuser ist sie ein wichtiger Qualitätsausweis. Doch ein Blick in die Zukunft wirft Fragen auf: Wie kann sie Schritt halten mit den dynamischen Entwicklungen eines hochspezialisierten Gesundheitssystems? Wie stellt man ihre Professionalität sicher angesichts des zunehmenden Personalmangels in der Kirche? Und wie gehen die Seelsorger mit der sinkenden Kirchenbindung und der immer stärker abnehmenden "klassischen" Glaubensverwurzelung der Patienten um?

Krankenhaus

Die Medizin und das Gesundheitssystem entwickeln sich ständig weiter. Wie die Krankenhausseelsorge damit Schritt halten kann, ist eine der zentralen Fragen, die die Verantwortlichen in den Diözesen beschäftigt.

Generell hat die veränderte Religiosität der Menschen nicht dazu geführt, dass die konfessionelle Krankenhausseelsorge keine Arbeit mehr hat. In lebensbedrohlichen oder -verändernden Situationen, wie Patienten sie im Krankenhaus erleben, seien selbst Kirchenferne offen für christliche Zugänge zum Thema Leben und Tod, hat Pfarrer Christoph Kreitmeir festgestellt. "Die Leute sind gut erreichbar, wenn man als Seelsorger zuhört und nicht gleich mit fertigen Antworten kommt", sagt der Krankenhausseelsorger am Klinikum Ingolstadt. Am Wichtigsten sei daher nicht mehr die an Sakramenten orientierte Pastoral, sondern ein existenziell-menschlicher Beistand – mit der Offenheit für Glaubens- und Lebensfragen.

Unter den veränderten Umstanden könne es sich die Krankenhausseelsorge allerdings nicht mehr leisten, bloß auf Besuchs- oder Sakramentenwünsche zu reagieren, betont Kreitmeir. Er steht stattdessen für eine "Hingeh-Pastoral": Das heißt, seine Kollegen und er suchen von sich aus neu eingelieferte Patienten auf und bieten sich als Gesprächspartner an. Dabei spielt die jeweilige Religionszugehörigkeit zunächst keine Rolle. "Bis auf einige Hardcore-Atheisten wird das sehr gut angenommen", sagt der Pfarrer. Entscheidend für die Akzeptanz der Seelsorge ist auch ihre Erreichbarkeit. In Ingolstadt etwa ist das Telefon durchgehend besetzt. Auch die Zusammenarbeit zwischen den katholischen Seelsorgern, Priestern wie Laientheologen, und ihren evangelischen Kollegen ist laut Kreitmeir sehr eng.

Nachfrage nach Zeichenhandlungen

In existenzbedrohenden Situationen bekommen vor allem Zeichenhandlungen eine ganz besondere Bedeutung. Gefragt ist nach wie vor die Krankensalbung. Viele Patienten, die sich nicht unbedingt als christlich sozialisiert verstehen, schätzen ein gemeinsames Gebet oder einen Segen. "Wir haben da als Kirche natürlich einen großen Schatz an Riten, den wir pflegen müssen", ist Kreitmeir überzeugt.

Dabei ist der Beistand am Krankenbett nicht nur wichtig für die mentale Krankheitsbewältigung, sondern auch für die physische. Die medizinische Forschung hat bereits vor einiger Zeit herausgefunden, dass Spiritualität als ein zentrales menschliches Bedürfnis zum Genesungsprozess beitragen kann. Studien belegen, dass Menschen Ressourcen zur Krankheitsbewältigung auch aus einer starken Verbundenheit zum Göttlichen, zu Mitmenschen oder zum inneren Selbst beziehen. Im Zuge dieser verstärkt ganzheitlichen Sicht auf die Patienten wird die Krankenhausseelsorge als wichtiger und hilfreicher Dienst erfahren. Das Stichwort lautet "spiritual care".

Linktipp: Ärzte halten Klinikseelsorge für unverzichtbar

Medizin auf "Raumfahrtstandard" reicht nicht, Patienten brauchen auch menschliche Zuwendung. Dafür sind Klinikseelsorger da. Und für die sind auch die Ärzte selbst dankbar. (Artikel aus dem Jahr 2017)

Darauf sollte die kirchliche Seelsorge eine Antwort haben, findet der Pastoraltheologe Michael Fischer. Er arbeitet für die St.-Franziskus-Stiftung in Münster, einem katholischen Krankenhausträger. Die konfessionelle Seelsorge könnte die Klammer sein, die versucht, "spiritual care" in Zusammenarbeit mit der Medizin und anderen Religionsgemeinschaften federführend zu gestalten. "Sie könnte sich sozusagen den Hut aufsetzen und die verschiedenen Prozesse zusammenbinden", sagt der Experte.

Wenn die Seelsorge zunehmend zu einem integralen Teil der Behandlung wird, muss das Personal dementsprechend geschult werden. Das bedeutet für Priester und Pastoralreferenten zunächst die Klinische Seelsorgeausbildung. Dort erhalten sie das pastorale Rüstzeug für ihren Job. Zusätzlich müssen sie in diversen Fortbildungen die wichtigsten medizinischen Grundkenntnisse erwerben. Nur so können sie im System Krankenhaus als adäquate Partner wahr- und ernst genommen werden.

Wie stellt man die Qualität sicher?

In den vergangenen Jahren hat man in der Krankenhausseelsorge sehr viel investiert und die Strukturen professionalisiert. Um ihre Qualität weiterhin sicherzustellen, müssten allerdings konkrete Ziele festgelegt werden, betont Michael Fischer. Diese sollen einem Seelsorgeteam in einem Krankenhaus dabei helfen, die eigene Arbeit zu reflektieren. "So ist auch Weiterentwicklung möglich", glaubt der Pastoraltheologe. Einige Einrichtungen oder Diözesen haben bereits eigene Kriterien formuliert oder sind gerade dabei.

Neben der Qualifizierung der Seelsorger besteht eine weitere Herausforderung darin, eine ausreichende Personaldecke zu gewährleisten. Deswegen werfen die Verantwortlichen momentan ein Auge auf Quereinsteiger. Menschen, die schon länger im Gesundheitswesen arbeiten, sollen sich zusätzlich zu Seelsorgern ausbilden lassen können. Eine Möglichkeit dazu bietet beispielsweise der dreijährige "Würzburger Theologie-Fernkurs". Daneben sucht man auf überdiözesaner Ebene nach weiteren Wegen.

Ehrenamtliche Seelsorgerin im Krankenhaus

Ehrenamtliche leisten im Bereich der Krankenhausseelsorge einen wichtigen Beitrag – die Hauptamtlichen können und sollen sie aber nicht ersetzen.

Klar ist aber: Wegen der steigenden Bedeutung der Seelsorge muss sie weiter in professionellen Händen sein und kann nicht ausschließlich – wie auf Gemeindeebene zum Teil üblich – in die Hände von Ehrenamtlichen gegeben werden. Die übernehmen im Bereich von Krankenbesuchen bereits einen wichtigen Job – der aber an seine Grenzen stößt." Es besteht ein großer Unterschied zwischen vier Wochen Zusatzausbildung für den Krankenbesuch und einer mehrjährigen Ausbildung, nach der man sich als Teil des therapeutischen Teams in einen Behandlungsprozess begibt", sagt Pfarrer Leo Wittenbecher. Er ist im Bistum Münster zuständig für die Krankenhausseelsorge und gleichzeitig Vorsitzender der Bundeskonferenz der Diözesanbeauftragten der katholischen Krankenhausseelsorge. Ehrenamtliche täten zwar einen wichtigen Dienst, aber nur in einem Teilbereich der Krankenhausseelsorge. "Man darf nicht der Versuchung erliegen, zu sagen, die Hauptamtlichen werden weniger, deswegen geben wir das an Ehrenamtliche ab", betont Wittenbecher. Wichtig sei stattdessen eine enge Verzahnung zwischen Haupt- und Ehrenamt. So könnten sich beispielsweise professionelle Krankenhausseelsorger verstärkt um die Ausbildung der Ehrenamtlichen kümmern, die sich im Besuchsdienst engagieren.

In einer säkularer werdenden Gesellschaft muss sich die Krankenhausseelsorge strukturell und personell fit für die Zukunft machen. Für Michael Fischer wird eine ihrer Hauptaufgaben sein, ihre Kompetenz in existenziellen Fragen in einen zunehmend säkularen Kontext zu integrieren. "Entscheidend für das Wohl und Wehe wird aber das Da-Sein am Bett des Patienten bleiben", ist Pfarrer Kreitmeir überzeugt.

Von Matthias Altmann