Plädoyer für eine erreichbare Kirche vor Ort
Um auf menschliche Sehnsüchte adäquat eingehen zu können

Plädoyer für eine erreichbare Kirche vor Ort

Zu oft stehen Gläubige und interessierte Fernstehende vor verschlossenen Kirchentüren oder landen mit ihren Anliegen nur auf dem Anrufbeantworter des Pfarrbüros, kritisiert der Theologe Jonas Lietz. In seinem Gastbeitrag plädiert er zum neuen Jahr für eine offene und einladende Kirche – und macht dafür konkrete Vorschläge.

Von Jonas Lietz |  Dresden - 01.01.2020

Als Kind war ich jedes Jahr aufs Neue von den Krippen-Szenen fasziniert: filigran geschnitzte und eindrucksvoll gestaltete Landschaften, in denen sich eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Figuren auf den Weg begibt. Alle haben das eine Ziel: den ersehnten Retter. Von dem kleinen Stall scheint geradezu eine Sogwirkung auszugehen. Das größte Wunder von Weihnachten ist, dass sich die Freude angesichts der "Erdung" Gottes niemandem verschließt.

"Denn verschlossen war das Tor..."

Auch außerhalb der Modelllandschaften zieht diese Geburt weiterhin Menschen an: Sie finden in der Weihnachtszeit den Weg in die Kirchen, um sich anhand der Krippen auch plastisch zu vergegenwärtigen, dass Gott in die Welt tritt. Die Sehnsucht nach wahrem Angenommen-Sein, Gerechtigkeit und Frieden ist brandaktuell. Es lässt nicht unberührt, wenn ein bedingungslos liebender, gerechter und friedenbringender Gott Mensch wird. "Vor der Krippe ist man mit allen verbunden, die in aller Welt zerstreut sind, und auch über alle Welt hinaus. Das ist ein trostvolles Geheimnis", schrieb Edith Stein.

Um auf menschliche Sehnsüchte adäquat eingehen zu können, muss Kirche indes vor Ort gut erreichbar sein – sowohl für "Gemeindenahe" als auch für "Gemeindeferne". Viele Kirchgebäude sind außerhalb der Gottesdienstzeiten jedoch fest verriegelt, so dass man vor verschlossenen Pforten steht. Wenigstens während der Weihnachtszeit sollten hier Zeiten der offenen Kirchen ermöglicht werden. Kirchen bieten im Alltags- oder Festtagstrubel einen Ort der Stille. Und wie verbindend ist es, wenn man im Erinnern an die Lieben, mit denen man nicht mehr zusammen feiern kann, eine Kerze im Vertrauen auf ihre geborgene Ewigkeit entzündet.

"Sie rufen außerhalb unserer Bürozeiten an"

Verschlossen wirkt Kirche nicht allein saisonal, sondern auch, wenn es darum geht, telefonisch mit den Seelsorgern oder dem zuständigen Pfarrbüro in Kontakt zu treten. Oft erwischt man lediglich den Anrufbeantworter. Wenn mancherorts ganze pastorale Teams zusammen mit dem Pfarrer ihren freien Tag auf den Montag legen, ist das ein nicht zu unterschätzendes Problem. Nicht nur für Bestattungsunternehmen ist es ein Graus, in existenziellen Notlagen der Angehörigen von Verstorbenen niemanden erreichen zu können. Werden Pfarreien und pastorale Teams vergrößert, so ist die Etablierung eines Notfall-Handys samt vertrauter und breit gestreuter Rufnummer möglicherweise hilfreich. In den Dienst des Entgegennehmens von Anrufen könnten sich Haupt- und Ehrenamtliche gleichermaßen hineinteilen, wie es etwa bereits bei der Notfallseelsorge üblich ist.

In Schaukästen vor den Kirchen wird man gelegentlich mit Phrasen wie "Beichtgelegenheit nach Vereinbarung" konfrontiert. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich das Denken, dass die Leute schon herbeikommen, wenn sie etwas wollen. Hürden sollten möglichst niedrig sein. Gerade aufgrund gemachter negativer pastoraler Erfahrungen während des Beichtgesprächs ist vor allem das Sakrament der Versöhnung angstbehaftet. Da gilt es, mit den Angeboten der Kirche sensibel aufzuwarten. Das Kirchenrecht schützt klar die Rechte der Gläubigen: Jeder Pfarrer ist dazu verpflichtet, zu regelmäßigen Zeiten den Gläubigen die Möglichkeit zum Bußsakrament zu gewähren (c. 986 § 1 CIC/1983). Beichtorte müssen in Kirchen darüber hinaus frei zugänglich und leicht zu finden sein.

Wegweiser zum Pfarrbüro

Verschlossen wirkt Kirche auch, wenn es darum geht, telefonisch mit den Seelsorgern oder dem zuständigen Pfarrbüro in Kontakt zu treten.

Immer wieder sind während der Vermeldungen Formulierungen wie "zu den gewohnten Zeiten" zu hören. Diese Plattitüde irritiert doch jedes Mal aufs Neue. Wenn die Gottesdienstzeiten scheinbar so fest etabliert sind, erübrigt sich auch dieser Verweis darauf. Wie aber ergeht es wohl Gästen, die einmal wiederkommen möchten? Ist es eine Schande, nicht zu wissen, wann vor Ort üblicherweise Gottesdienst gefeiert wird? In der Fremde wird man aufgrund solcher Exklusivität zum Ausgeschlossenen.

Kirchliche Orte im Ländlichen nicht unterschätzen

Kirche darf sich nicht allein auf eine Präsenz in den (Groß-)Städten fokussieren, sondern muss auch im Ländlichen anzutreffen sein. Es wäre geradezu fatal, sich von einem reinen Zahlen-Denken – etwa mit Blick auf Gottesdienstbesuche oder Sakramentenspendungen – verleiten zu lassen und ausschließlich die Ballungszentren zu begünstigen. Von kirchlichen Orten im ländlichen Raum wie Kindergärten, Caritas-Einrichtungen oder Filialkirchgemeinden kann ebenso eine Strahlkraft, können gleichermaßen Initiativen von regionaler Relevanz und mit Breitenwirkung ausgehen. Diese gilt es in ihrem spezifischen Wirken zu unterstützen und mit entsprechenden Freiräumen auszustatten. Keinesfalls ist es immer vonnöten, Kleriker, Theologen und Religionspädagogen hinzuzuziehen. Auch Kirchenmusiker und Sozialarbeiter können im Dienst der Kirche unterwegs sein. Mancherorts ist womöglich der Bedarf genau danach groß.

Der Soziologe Gert Pickel wies vor Kurzem darauf hin, dass "alle religionssoziologischen Studien belegen, dass die Bindung an die beiden Großkirchen im ländlichen Raum pro Kopf wesentlich höher ist als in den Städten". Es wäre geradezu – so Pickel weiter – "eine Art Selbstaufgabe von Kirche, wenn sie sich in die Großstädte zurückzöge".

Frust angesichts regionaler Schrumpfungsprozesse

Wenn angesichts der demografischen Entwicklungen zunächst die Schule und der Supermarkt im Ort schließen, die Hausärztin, die Bankberaterin und zuletzt auch noch der Dorfpfarrer abgezogen werden, macht sich verständlicherweise Frust und Protest breit. Gerade Kirchenbauten werden häufig als "lebendige Wahrzeichen für die soziale und geschichtliche Identität einer Stadt oder einer Region" aufgefasst, sagt der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn. Werden sie (teil-)profaniert oder gar abgerissen, so bedeutet dies einen schmerzlichen Einschnitt. In solch einem Fall ließe sich beispielsweise ein Fahrdienst organisieren, der gerade die älteren Gottesdienstbesucher an einer etablierten Stelle einsammelt, zur nächstgelegenen Kirche bringt und auch wieder heimwärts mitnimmt.

Generell werden von denen, die zurückbleiben, der Wegzug anderer sowie die schrumpfende Infrastruktur als Vertrautheits-, Identitäts- und Zugehörigkeitsverlust empfunden. Die eigene Lebensqualität leidet darunter. Zudem beklagen die Zurückgebliebenen, dass ihre konkrete Situation nicht angemessen wahrgenommen würde. Ein Eindruck abnehmender oder gänzlich fehlender Fähigkeit zur Einflussnahme kommt auf. Gerade im Ländlichen braucht es Kreise, in denen man sein (Glaubens-)Leben offen artikulieren kann und wo erfahrbar wird, dass es anderen ganz ähnlich geht. Eine mit Sendungsauftrag ausgestatte "pilgernde Kirche" (LG 48) darf der Peripherie von 500-Seelen-Orten keineswegs ausweichen, will sie sich ernsthaft einer Deutung der "Zeichen der Zeit" (GS 4) annehmen und angemessen auf die "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute" (GS 1) reagieren. In seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" schreibt Papst Franziskus, dass "eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit [...] an d[en] eigenen Sicherheiten" klammere, "krank" sei (EG 49). Lässt es sich an Leuchttürmen nicht durchaus bequemer festklammern als an zarten Ranken?

Jonas Lietz, der Autor dieses Textes, ist Theologe und Referent an der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Kirchliche Orte müssen unbegrenzte und gastfreundliche Erfahrungs-, Gestaltungs- und Begegnungsräume sein, wo man Gemeinschaft mit Gott sowie anderen Sinnsuchenden auf vielfältige Weise erleben und prägen kann. Die Sehnsucht nach einer nicht allein territorialen, sondern zeitgerechten und passgenauen Gemeindepastoral existiert vielerorts. Für eine individualisierte Gesellschaft ist charakteristisch, dass Menschen zwar selbstorganisierte, aber keineswegs einsame Gestalter ihres spirituellen Lebens sein möchten. Die eine lebensprägende Pfarrgemeinde gibt es heute im Leben vieler nicht mehr. Wer punktuell mit Kirche in Kontakt kommt – etwa bei Anlässen wie Taufe oder Hochzeit –, erwartet zu Recht, einer Aufgeschlossenheit zu begegnen. Wer dann Unerreichbarkeit erfährt oder mit berechtigten Anliegen abprallt, fühlt sich langfristig verprellt. Gewiss fehlt es hierzulande an Priestern für eine ausschließlich auf die Sakramente zentrierte Seelsorge. Umso entscheidender ist es, dass engagierte Laien darin bestärkt und unterstützt werden, als Getaufte und Gefirmte ihre Berufung zum pastoralen Dienst eigenverantwortlich wahrzunehmen (LG 33). Diese Seelsorge sollte gerade nicht in geschlossenen Netzwerken und für die immer gleiche Stammklientel erfolgen. Durchlässige Strukturen sind erforderlich.

Offenes Ohr der Kirche

Ein gutes Beispiel sind hierfür die oftmals von nichtkirchlichen Trägern organisierten Lebendigen Adventskalender, an denen sich in vielen Kommunen kirchliche Orte beteiligen. Christen können im Rahmen der gestalteten Adventstürchen-Programme ihre Professionen, ihre Überzeugungen und ihre gastfreundliche Kultur unter Beweis stellen.

Vielerorts kann man caritative Nachbarschaftshilfe der Kirchen in Anspruch nehmen. In den Räumen der katholischen Kirchgemeinde St. Mauritz in Münster findet immer mittwochs eine Caritas-Sprechstunde statt. Hilfesuchende treffen dort auf Haupt- und Ehrenamtliche, die ihnen zuhören und dabei Diskretion garantieren. Aufgrund des Gehörten wird überlegt, wie ganz praktische und einzelfallbezogene Unterstützung geleistet werden kann. Das können unter anderem Lebensmittelgutscheine sein. Es ist Christusnachfolge par excellence unter der Überschrift "Was willst du, dass ich dir tue?" Solche Sprechstunden könnten auch andernorts Schule machen. Mithilfe sensibler Ohren und aufmerksamer Augen kann Kirche, selbst wenn die Initiativen überregional organisiert sind, hinsichtlich der Befindlichkeiten vor Ort gut im Bilde sein und ihre Netzwerke für Hilfestellungen fruchtbringend nutzen.

Ausgedehnte Mahlgemeinschaft

Zugezogene berichten häufig davon, wie schwer es in der Wahlheimat ist, Anschluss zu bekommen und neue Bekanntenkreise zu erschließen. Auch hier könnte Kirche vor Ort "Starthilfe" leisten. Im Münchner Pfarrverband Isarvorstadt kann man "Schlag 12 – eine Messe für Ausgeschlafene" mitvollziehen. Nach einem kompakten Gottesdienst besteht im Anschluss die Möglichkeit zum gemeinsamen Mittagessen in einem Restaurant des Viertels.

Die Weihnachtszeit bietet reichlich Anlässe dafür, Überlegungen anzustellen und pastorale Vorsätze für das neue Jahr zu entwickeln. Das Faszinierende an den Krippenszenen ist doch, dass der karge Stall für die unzähligen Gäste einladend genug ist. Niemand muss sich ausgeschlossen fühlen – ganz egal, mit welchem Anliegen, in welcher Verfasstheit und mit welchem Hintergrund sie oder er vor Ort sind. Der Erfahrungsraum der Liebe Gottes steht allen offen. Lohnt es nicht, sich dieser Herausforderung anzunehmen?

Von Jonas Lietz

Der Autor

Jonas Lietz ist Theologe und Referent an der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.