Versetzung ins Nichts: Wie der Papst Bischof Gaillot "loswurde"
Vor 25 Jahren in die Wüste geschickt

Versetzung ins Nichts: Wie der Papst Bischof Gaillot "loswurde"

Jacques Gaillot war fast schon ein Fall für die Kirchenhistoriker: der französische Eugen Drewermann, 1995 aus dem Amt entfernt. Doch Papst Franziskus hat ihn noch einmal aus dem drohenden Vergessen gerissen. Angeblich haben die beiden einiges gemeinsam.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Paris - 13.01.2020

Die Mitteilung aus dem Vatikan war so kurz wie all diese Personalien: Papst Johannes Paul II. hat den Bischof im französischen Evreux, Jacques Gaillot, in die Diözese Partenia in Algerien versetzt. Warum also der Aufruhr? Nun: Bischof Gaillot war der sehr präsente Liebling der französischen Linken und das "Enfant terrible" der französischen Bischöfe – und seine "neue Diözese" gab es seit Jahrhunderten gar nicht mehr! Die Versetzung war also de facto eine Absetzung. Angeblich hatte auch Frankreichs konservativer Innenminister Charles Pasqua Druck gemacht. Gaillots Bistum in der Normandie stand Kopf.

Am 13. Januar 1995, vor 25 Jahren, gab der Vatikan Gaillots Absetzung bekannt – zwei Tage, nachdem der Papst zu seiner Asien-Reise aufgebrochen war. Zu oft hatte das "Schwarze Schaf" unter Frankreichs Oberhirten in den Augen des Vatikan mit notorischer Unbotmäßigkeit die Grenzen überschritten. Die ungewohnte, harte und – nach Einschätzung des Bonner Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke – rechtlich zumindest fragwürdige Maßnahme löste Proteste im In- und Ausland aus.

Anreise aus Solidarität

Als Gaillot in Evreux seinen Abschiedsgottesdienst feierte, war die Stadt in der Normandie im Ausnahmezustand. Mit 300 Bussen und drei Sonderzügen reisten aus Solidarität Menschen an. Der scheidende Bischof warnte damals vor einer "Kirche des Ausschließens" und plädierte für eine "Kirche der Ausgeschlossenen". Bei aller Kritik am Vatikan wandte er sich aber gegen eine Abkehr von der Kirche. "Geben wir ihr eine Zukunft, jeder auf seine Weise", sagte er in seiner Abschiedspredigt.

Papst Johannes Paul II. in Polen
Bild: © KNA-Bild/KNA

Papst Johannes Paul II. versetzte Bischof Gaillot in die Wüste.

Schon lange vor der Amtsenthebung hatte es Reibereien zwischen Gaillot und seinen Mitbrüdern gegeben. Der schmächtige Mann mit der Metallbrille eckte in den streitbaren 80er Jahren regelmäßig mit TV-Auftritten an, als er den Zölibat oder die Haltung der Kirche zu Homosexualität, Aids oder zu Frankreichs nuklearer Abschreckung kritisierte. Im Interview des Männermagazins "Lui" nannte er Geschlechtsverkehr "großartig und schön". Und in einem Zeitschriftenbeitrag schrieb er: "Homosexuelle werden uns im Himmel vorausgehen."

Gaillot kündigte zunächst an, tatsächlich an den im 5. Jahrhundert untergegangenen Bischofssitz von Partenia in Algerien zu ziehen und seine Arbeit von dort aus fortzusetzen. Doch angesichts der politischen Lage in Nordafrika verlegte er "sein Bistum" als "Diözese ohne Grenzen" ins damals noch junge Internet. In seiner "ersten virtuellen Diözese" www.partenia.org sammelten sich andere linke Dissidenten. Erst nach eineinhalb Jahrzehnten zog sich Gaillot 2010 auch dort zurück. Einstweilen blieb er auch nach seiner Amtsenthebung als "Bischof der Ausgeschlossenen" bekannt. In Frankreich kämpfte er in verschiedenen Initiativen für die Rechte von Arbeitslosen und Obdachlosen. Gelegentlich wurde er als Vermittler angerufen, etwa wenn illegale Ausländer mit den Behörden über Bleiberechte stritten.

Gespräch mit Papst Franziskus

2000 kam es zwar zu einer Versöhnungsgeste mit dem damaligen Bischofskonferenzvorsitzenden, Kardinal Louis-Marie Bille. Doch außer der Versicherung, Brüder zu bleiben und in der Kirche geeint zu sein, hatte dies kaum praktische Konsequenzen. In Kirchenkreisen hieß es, Gaillot habe seine Mitbrüder bald danach abermals mit unfreundlichen Bemerkungen verärgert.

Später wurde es ruhiger um ihn - hätte ihn nicht Papst Franziskus kurz vor Gaillots 80. Geburtstag im September 2018 ins Bewusstsein zurückgeholt: Er empfing den fast gleichaltrigen Gaillot im Vatikan zu einem 45-minütigen "privaten Gespräch". Ein Vertrauter Gaillots berichtete anschließend, es sei ein Treffen von Gleichgesinnten gewesen. Mit Blick auf die Segnung von wiederverheirateten Geschiedenen oder homosexuellen Paaren habe der Papst gelächelt und gesagt: "Der Segen Gottes ist für alle da." Und zur Sorge für Flüchtlinge und Migranten, eine der zentralen Aufgaben Gaillots seit seiner Absetzung, habe Franziskus betont: "Die Migranten waren und sind immer das 'Fleisch' der Kirche." Diesem ersten Schritt zu einer möglichen Rehabilitierung Gaillots ist bislang kein weiterer gefolgt. Eine typische Franziskus-Geste war es in jedem Fall.

Von Alexander Brüggemann (KNA)