Bischof Neymeyr fordert anderen Umgangston in Politik und Gesellschaft
Erfurter Oberhirte äußert sich zur Krise in Thüringen

Bischof Neymeyr fordert anderen Umgangston in Politik und Gesellschaft

Nach der umstrittenen Ministerpräsidentenwahl ringt Thüringen um einen Weg aus der Krise. Damit dieser gelingt, fordert der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr eine andere Gesprächskultur. Dazu könne auch die Kirche ihren Beitrag leisten.

Erfurt/Osnabrück - 12.02.2020

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr mahnt nach der umstrittenen Ministerpräsidentenwahl in Thüringen zu einer anderen politischen und gesellschaftlichen Gesprächskultur. "Ein guter Anfang wäre, den Nächsten bewusster als Mensch wahrzunehmen und sich nicht über ihn erheben zu wollen", sagte Neymeyr den Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse (Wochenendausgabe 16. Februar).

"In Thüringen ist viel politisches Vertrauen verloren gegangen, zwischen den Politikern im Landtag untereinander genauso wie zwischen Bürgern und Politik", kritisierte der Bischof des Bistums Erfurt. Immerhin hätten "die heftigen Reaktionen in allen demokratischen Parteien und der Zivilgesellschaft klar gemacht, dass ein Paktieren mit der Rechten, bewusst verabredet oder billigend in Kauf genommen, von der überwältigenden Mehrheit in unserem Land nicht geduldet wird", so Neymeyr.

Fragen aus christlicher Perspektive reflektieren

Die Kirche könne mit ihren politischen Bildungsveranstaltungen dazu beitragen, demokratische Prozesse einzuüben und die Fragen aus christlicher Perspektive heraus zu reflektieren, erklärte der Geistliche. Sie habe immer mit AfD-Anhängern gesprochen und werde das auch weiterhin tun. Der Leiter des Katholischen Büros Erfurt, Claudio Kullmann, betonte, auch AfD-Anhänger seien mit ihren Fragen und Sorgen in kirchlichen Räumen willkommen, wenn sie die grundlegenden Regeln des freien und respektvollen Austausches akzeptierten: "Das heißt aber noch lange nicht, dass wir AfD-Funktionären eine Bühne bieten müssten. Das machen wir auch nicht."

Kullmann wandte sich dagegen, AfD und Linkspartei als rechte und linke Extremisten gleichzusetzen. "Wir wenden uns gegen jede Form von Extremismus, von links, von rechts, im Namen einer Religion." Dass sich allerdings die Linkspartei in Thüringen extremistisch verhalten würde, "davon merke ich nicht viel. Dass wir derzeit ein deutlich größeres Problem mit Rechtsextremismus haben, kann wohl keiner abstreiten", so Kullmann. Er leitet die Verbindungsstelle der Bistümer Erfurt, Dresden-Meißen und Fulda zur Landespolitik.

Der FDP-Kandidat Thomas Kemmerich wurde in der vergangenen Woche mit den Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt, was bundesweit Empörung auslöste. Am Wochenende erklärte er seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung. (KNA)