Wie Menschen über ihre Trauer reden – mitten auf dem Friedhof
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Der Tod steht im Vordergrund der Gespräche

Wie Menschen über ihre Trauer reden – mitten auf dem Friedhof

Mit Zuhörern über den Tod reden: Das können Trauernde auf der Friedensbank in Schwerte – auch in Zeiten der Corona-Krise unter bestimmten Sicherheitsmaßnahmen. Mit dabei ist auch Elisabeth Wächter. Nicht nur durch dieses Ehrenamt hat die 68-Jährige eine persönliche Sichtweise auf den Tod.

Von Melanie Ploch |  Schwerte - 18.04.2020

Manche gießen Blumen, andere pflanzen sie gerade erst ein. Wieder andere sprechen ein kurzes Gebet. Das sind Szenen auf jedem Friedhof – so auch auf dem Friedhof der Pfarrgemeinde St. Marien in Schwerte an einem Donnerstagnachmittag. Auf einer Bank in der Nähe der Kapelle sitzt Elisabeth Wächter. Sie sitzt nicht zufällig hier, wie an dem leeren Kissen neben ihr sowie der Kaffeekanne und der Flasche Wasser dazwischen zu erkennen ist. Sie sitzt hier, um denen zuzuhören, die trauern. Denen, die allein sind. Und auch denen, die einfach mal jemanden zum Reden brauchen. Denn Wächter engagiert sich ehrenamtlich bei der sogenannten Friedensbank.

Seit 2015 gibt es zweimal wöchentlich das Angebot, unverbindlich ins Gespräch zu kommen. Möglich ist das auch während der Corona-Krise, da sich die Personen im Freien befinden und der Mindestabstand von zwei Metern eingehalten werden kann. Ein Ansprechpartner aus einem elfköpfigen Team ist in dieser Zeit bereit, mit Besuchern darüber zu sprechen, was sie gerade beschäftigt. Das kann Trauer sein – muss es aber nicht, erklärt Ehrenamtlicher Alfons Gruner, der das Projekt mit der damaligen Gemeindereferentin Irmgard Paul ins Leben gerufen hat. "Wenn jemand, vielleicht aus Einsamkeit, über die Nachbarn oder die Fußballergebnisse vom letzten Wochenende reden will, ist das auch möglich."

Daher auch die Bezeichnung für das Projekt: "Friedensbank – Bank der Begegnung". Die Trauer kommt im Namen ganz bewusst nicht vor. "Der Friedhof ist nicht nur ein Ort für das Gestern, sondern auch ein Ort, an dem es um das Hier und Jetzt sowie das Morgen geht", erklärt Gruner. Die Ehrenamtlichen möchten einen Beitrag dazu leisten, den Menschen ein Stück inneren Frieden zurückzugeben.

Nicht nur auf der Friedensbank aktiv

Elisabeth Wächter ist seit 2016 dabei. Einmal im Monat hat sie auf dem Friedhof ein offenes Ohr für alle, die ein Gespräch suchen. Eigentlich wohnt sie im 20 Kilometer entfernten Unna, doch zur Gemeinde St. Marien in Schwerte hat sie schon lange Kontakt, erzählt die 68-Jährige. Zunächst nahm sie an einer Fortbildung des Friedensbank-Teams teil. Direkt wurde sie selbst Teil davon. Dass sie angefragt wurde, war kein Zufall. Seit sie 2015 Rentnerin wurde, arbeitet sie wöchentlich ehrenamtlich auf einer Palliativstation. Auch dort ist das Thema Tod immer wieder präsent. Wächter bringt den Patienten beispielsweise das Essen, unterhält sich mit ihnen, schweigt mit ihnen, fährt sie im Rollstuhl spazieren oder besucht mit ihnen die Kapelle des Krankenhauses. Dafür seien ihr die Angehörigen der Pateinten dankbar, erzählt sie.

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Auf der Friedensbank können Menschen mit Ehrenamtlichen auf einem Friedhof in Schwerte über ihre Trauer reden.

Bei der Friedensbank stehen trotz des Angebots, über verschiedene Themen zu reden, der Tod und die Trauer im Vordergrund. Schließlich wird man wohl an keinem anderen Ort so sehr damit konfrontiert wie auf dem Friedhof. Die Friedensbank hier zu platzieren, war eine bewusste Entscheidung, sagt Alfons Gruner: "Viele Menschen sind auf dem Friedhof im inneren Dialog – mit dem Grab, mit den Erinnerungen, die sie haben. Vielleicht möchten sie diese teilen."

Wächter findet es wichtig, die Themen Tod und Trauer wieder mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken. Sie selbst hat als Kind erlebt, dass die Großeltern nach ihrem Tod zu Hause aufgebahrt wurden. "Es war für mich selbstverständlich, dass ich zu ihnen ging, um abends noch einmal 'Gute Nacht' zu sagen." Dadurch hören Berührungsängste mit dem Tod auf, findet sie. "Eigentlich weiß jeder Mensch, dass er sterben muss." Viele Jahre leitete die Heilpädagogin eine Kindertageseinrichtung. Auch dort begegnete ihr das Thema Tod wiederholt. "Zum Beispiel verstarben Mütter von Kindern. Auch die Oma oder der Opa. Das Thema ist bei den Kindern präsent – sei es, wenn ein Haustier stirbt." Bereits damals hätten sich Angehörige nach dem Verlust eines Menschen an sie gewandt, erzählt sie. "Teilweise stundenlang" habe sie mit ihnen zusammengesessen. "Ich fühle, dass ich das gut kann." Das ist auch der Grund, warum sie sich für ihre beiden ehrenamtlichen Wirkungsorte – die Friedensbank und die Palliativstation – entschieden hat.

Manchmal bleiben die Besucher aus

Nicht immer findet jemand seinen Weg auf die Friedensbank. Besonders in den Wintermonaten kommt seltener jemand. Deshalb sprechen Wächter, Gruner und die anderen Ehrenamtlichen auch bei einem Gang über den Friedhof Menschen an. Belanglos fange es meist mit dem Wetter an, worauf sich ein längeres Gespräch ergeben kann, sagt Wächter. Die Erfahrung hat auch Gruner schon gemacht. Er erinnert sich an einen Mann, der länger über den Friedhof ging. Er sprach den Mann an, doch dieser wollte sich partout nicht auf die Friedensbank setzen. Ein Gespräch führten die beiden trotzdem. "Nach zehn Minuten flossen die Tränen. Innerhalb von 20 Minuten hat er sein halbes Leben erzählt."

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Die Friedensbank möchte zunächst einmal das Bewusstsein dafür schaffen, "dass da jemand ist, der eine Art von Begleitung und Seelsorge anbietet", erklärt Gruner. Aufgabe der Ehrenamtlichen sei es, anfangs zu ergründen, warum die Menschen zur Bank kommen. Dann gehe es darum, aktiv zuzuhören und nachzufragen. Elisabeth Wächter sieht vor allem einen Vorteil: "Es ist jemand da, der einfach mal zuhört und bei dem man die Themen Tod und Trauer ansprechen kann". Oft würden Trauernde auf weniger Verständnis von Nahestehenden treffen, wenn der Verlust bereits länger her ist.

Was die Friedensbank nicht sein will, ist ein Angebot für langfristige Gespräche, so Gruner. Zwar könne man öfter das Gespräch suchen, denn die Ehrenamtlichen seien fortgebildet – ausgebildete Trauerbegleiter seien sie jedoch nicht. Dafür hätten sie immer einen Ordner mit möglichen Ansprechpartnern parat. Mit konkreten Ratschlägen hielten sie sich ebenso zurück. Tipps seien möglich, diese müssten jedoch als solche gekennzeichnet sein. Entweder man beherzige sie oder man lasse sie fallen – das sei jedem Gesprächspartner selbst überlassen.

Die nötige Distanz kann Elisabeth Wächter halten, findet sie. Schwieriger sei das auf der Palliativstation. Sie hat ihre eigene Art, das zu verarbeiten: "Da hilft mir der Fußweg oder auch ein kleiner Umweg nach Hause“." Was sie durch ihre beiden Ehrenämter gelernt hat, sei "eine andere Dankbarkeit". Die 68-Jährige sieht es als Pflicht an, Menschen zu helfen. "Mir geht es gut, ich bin gesund. Ich bekomme jeden Monat meine Rente. Das ist Luxus. Und ich denke, da muss ich auch etwas zurückgeben."

Und noch etwas hat sie vor allem bei ihrem Ehrenamt auf der Palliativstation beobachtet:  "Ich denke, dass jeder Mensch so stirbt, wie er möchte." Das habe sie bereits in mehreren Situationen erlebt. Sie erzählt von einer Frau, die im Sterben lag. Die ganze Nacht war die Tochter bei ihr. Nur kurz ging sie am Morgen danach ins Badezimmer. Als sie wiederkam, war ihre Mutter tot. "Sie wollte allein sein mit sich. Da glaube ich dran."

Von Melanie Ploch

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