Zwei Dominikaner stehen im Habit in einer Kirche
Bild: © OPChant
Über 15.000 Menschen haben YouTube-Kanal "OPChant" abonniert

Wie zwei junge Dominikaner versuchen, der Welt das Singen beizubringen

Kann man mit gregorianischer Musik erfolgreich auf YouTube sein? Man kann! Zwei junge Dominikaner aus dem schweizerischen Fribourg machen es mit ihrem Kanal "OPChant" vor – und erreichen damit überraschende Zielgruppen.

Von Christoph Brüwer |  Fribourg - 21.03.2020

"Te Deum laudamus, te Dominum confitemur"  – "Dich, Gott, loben wir, dich, Herr, preisen wir" schallt es lateinisch durch die Klosterkirche Unserer Lieben Frau in Chalais im Westen Frankreichs. Im strahlend weißen Habit stehen die beiden jungen Dominikaner Stefan Ansinger und Alexandre Frezzato im Altarraum und singen den jahrhundertealten Hymnus. Ihnen gegenüber steht aber keine Gemeinde – die beiden singen vor einer Kamera, weil sie das erste Video für ihren YouTube-Kanals "OPChant" aufnehmen. Und das wird nicht ihr letztes bleiben.

Über 80.000 Aufrufe hat das Video mit dem Titel "Te Deum O.P." mittlerweile. Über 15.000 Menschen haben den Kanal abonniert – obwohl die beiden Ordensmänner ihr Projekt erst im Oktober 2019 gestartet haben. Der Erfolg hat Stefan Ansinger überrascht, denn die Videos haben ein didaktisches Ziel: Dominikaner auf der ganzen Welt sollen mit ihnen lernen, gregorianische Gesänge im Stile ihres Ordens zu singen. Darauf deutet schon der Kanaltitel hin, denn das "OP" steht für "Ordo Praedicatorum" und ist das offizielle Kürzel des Predigerordens. Aber nicht in jedem Konvent gibt es Gesangskurse wie in Fribourg. "Das Problem war, dass es kaum Vorbilder auf YouTube gibt, um den Gesang zu üben", sagt Ansinger. "Wir haben deshalb gesagt: Wir müssen selbst damit anfangen."

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In der Beschreibung ihrer Videos posten die beiden den Link zu einer Internetseite, auf der man Text und Noten abrufen und mitverfolgen kann. "Man braucht schon Basiskenntnisse der gregorianischen Musik", erklärt er. "Aber wenn man die hat, dann ist es einfach, zusammen mit uns zu üben." Jede Woche veröffentlichen Ansinger und Frezzato auf diese Weise mindestens ein Video. Dabei orientieren sie sich am liturgischen Kalender. "Das Schöne ist, dass wir das Offizium und die Heilige Messe für das ganze liturgische Jahr in der dominikanischen Form haben", sagt der 25-jährige Theologie-Student. Die dominikanische Tradition der Gregorianik sei dabei einfacher und nüchterner als in anderen Orden – aber trotzdem festlich. "Das passt ganz gut zu unserer Spiritualität", findet Ansinger.

Die Musik hat eine besondere Qualität

Aber nicht nur Dominikaner interessierten sich für die Videos von "OPChant". Neben eingefleischten Gregorianik-Fans gibt es gläubige wie nicht gläubige Menschen, die die Gesänge schön finden – oft sogar, ohne den lateinischen Text zu verstehen, berichtet der junge Ordensmann. Dabei seien die Texte mit der gregorianischen Musik so schön verbunden und präsentiert, dass man beides eigentlich nicht voneinander trennen könne.

Neben der Musik scheinen auch die Kirchen, in denen die Ordensmänner singen, die Zuschauer anzusprechen. Den beiden Dominikanern ist es wichtig, die Gotteshäuser zu wechseln. "Wenn jedes Video den gleichen Hintergrund hätte, wäre das ja ein bisschen langweilig", sagt Ansinger. In verschiedenen Kirchen klingen auch die Lieder unterschiedlich. Vor allem die Kirchen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert in der Umgebung von Fribourg hätten oft eine sehr besondere Akustik, weil sie für diese Art der Musik gebaut worden seien: "Dann singt eigentlich die Kirche und wir müssen nur noch dabei sein."

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Die dominikanische Tradition des gregorianischen Gesangs hat Ansinger in seinem Noviziat im englischen Cambridge erlernt. Für sein Theologiestudium ist der 25-Jährige dann nach Fribourg gegangen. Dort lebt und studiert der Niederländer jetzt gemeinsam mit Ordensbrüdern aus zwölf Nationen. Manche von ihnen haben Erfahrungen im gregorianischen Gesang, andere nicht. "Das Schöne ist, dass der Gesang eine Universalität hat." Allerdings fehle vielen Mitbrüdern das Grundwissen über die lateinische Sprache und den Gesang selbst, bedauert Ansinger. "Wenn ein Novize das am Anfang lernt, kann er eigentlich in jedem Konvent singen und so auch effektiv am Gebet teilnehmen."

Er ist überzeugt, dass auch die Gemeinschaft unter den Ordensbrüdern vom Gesang profitiert. Über 100 Stunden habe er schon zusammen mit Alexandre Frezzato gesungen. So lerne man sich gegenseitig sehr gut kennen und komme durch die Übungen irgendwann an den Punkt, dass man "mit einer Stimme" singt, so Ansinger. Das sei das Schwierigste in der Gregorianik. Bis man das erreicht habe, brauche es aber viel Geduld, beispielsweise, wenn das Gegenüber mal einen Fehler macht und man von Neuem beginnen muss.

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Die Rückmeldungen zum gregorianischen Gesang der jungen Ordensmänner fallen durchweg positiv aus – und das nicht nur im Internet: Während eines Besuchs in seinem Heimatland, den Niederlanden, sang er auch in einem Konvent von Dominikanerinnen gregorianische Lieder. Mit Tränen in den Augen habe auch eine 80-jährige Ordensschwester eingestimmt. "Sie hat den Gesang wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr gesungen. Offenbar gibt es in dieser Musik etwas, das Menschen über Generationen hinweg verbindet", vermutet der 25-Jährige. "Diese Musik und ihre Qualität bleiben."

Dass die Musik bleibt merkt Ansinger auch ganz persönlich: Im Anschluss an die oft stundenlangen Dreharbeiten taucht in seinem Kopf manchmal ganz plötzlich eine Antiphon auf und der Dominikaner beginnt zu singen. Das habe etwas von den Gebeten, die schon die Kirchenväter gebetet, wiederholt und meditiert haben. "Ich glaube, die gregorianische Musik hat auch etwas von diesem Charakter", sagt Ansinger. "Auf diese Weise ist Gott immer präsent."

Von Christoph Brüwer