Österreichs Kardinalsmutter – Eleonore Schönborn wird 100
Familiengeschichte prägte den Sohn

Österreichs Kardinalsmutter – Eleonore Schönborn wird 100

Die Familie von Wiens Kardinal Christoph Schönborn wurde stark vom Krieg beeinflusst. Seine Mutter Eleonore hielt die Familie leidlich zusammen. Und es sollten noch schwierige Jahre folgen. Nun blickt die Jubilarin auf ein ganzes Jahrhundert zurück.

Von Johannes Pernsteiner (KNA) |  Feldkirch - 14.04.2020

Sie ist nicht die einzige, der das Coronavirus am Geburtstag die Pläne durchkreuzt. Beim runden Jubiläum schmerzt es aber doppelt. Eleonore Schönborn, Mutter des Wiener Kardinals Christoph Schönborn, wird am Dienstag (14. April) 100 Jahre alt. Wegen des Reiseverbots wird es nur Glückwünsche am Telefon geben. Das anvisierte Familientreffen im Vorarlberger Montafon mit ihren Kindern Philipp (76), Christoph (75), Barbara (73) und Michael (66) und den Enkeln und 15 Urenkeln muss verschoben werden.

2019 hat nicht nur den Wiener Erzbischof gesundheitlich stark mitgenommen. Eleonore Schönborns Bewegungsfähigkeit sank zuletzt stark. Sie erblindete fast völlig; für die hoch aktive Frau ein großer Einschnitt. Auch nach ihrem 90. saß die leidenschaftliche Kartenspielerin weiter selbst hinter dem Steuer und lernte entschlossen den Umgang mit E-Mail und Internet. Auch aus dem Rollstuhl referierte sie 2019 noch dem von ihr mitbegründeten Krankenpflegeverein - über "Einsamkeit im Alter".

Ein "hellwacher Geist" wird der Jubilarin überall attestiert. Und große Gelassenheit, die sie in einem im Februar geführten "Krone"-Interview zutage legte: Der Erblindung verdanke sie, dass ihre Gebete "ehrlicher" geworden seien; dass sie nun endlich "in Ruhe über vieles nachdenken" und ihr Leben ordnen könne. Und sie betonte, dass ihr der Ausspruch "Wer an Gott glaubt, ist nie allein" des sieben Jahre und zwei Tage jüngeren Papstes Benedikt XIV. eine große Stütze sei. Sie habe dieses Zitat oft gebraucht - wohl auch, um nachträglich die dunklen Zeiten der eigenen Vergangenheit zu verstehen.

Spross einer Adelsfamilie

Ihre eigene Kindheit in Mähren beschreibt Schönborn als "wundervoll". Eleonore Freiin von Doblhof, so ihr Geburtsname, wird 1920 als jüngstes Kind einer Adelsfamilie geboren und besucht ein Internat für höhere Töchter. Nach dem frühen Tod des Vaters lernt sie um ihren 22. Geburtstag bei einer Party den Maler Hugo-Damian Schönborn kennen, der schon beim dritten Treffen um ihre Hand anhält. Sein Faible für moderne Kunst, Philosophie und Literatur fasziniert sie und lässt sie alle Vorbehalte der Verwandten überhören.

Das Glück ist nach der Hochzeit im Mai 1942 nur von kurzer Dauer. Hugo-Damian, der wie viele Adlige eine NS-Offizierskarriere ausschlug und einfacher Gefreiter blieb, wird an die Front nach Stalingrad einberufen. Er desertiert und läuft zur britischen Armee über, hat sich aber Tuberkulose eingehandelt, an der er lebenslang laborieren wird; zur Heilung wird er in die Schweiz geschickt. Inmitten der Wirren der Zeit bringt Eleonore im Januar 1945 Christoph Schönborn zur Welt.

Eleonores Sohn, der Wiener Kardinal Christoph Schönborn.

Und dann, kurz nach Kriegsende, jener Moment, der für die damals 25-jährige Guts- und Schlossherrin alles verändert: Der Dorfgendarm steht an der Türschwelle von Burg Skalka bei Leitmeritz und teilt mit, die Familie müsse binnen einer Stunde das Land verlassen. Die sogenannten Benes-Dekrete in der Tschechoslowakei ordnen die Vertreibung aller Angehörigen der seit Jahrhunderten hier ansässigen deutschen und ungarischen Minderheit an.

Alles mit einem Schlag zerstört

Eleonore mit ihren Kindern im Schlepptau darf nur mitnehmen, was sie tragen kann - lässt aber in der Panik allen Familienschmuck zurück. Heimat, Heim, die beschützende Großfamilie und auch ihr Lebensplan - alles ist mit einem Schlag zerstört. Es folgt eine Odyssee über Verwandte in Niederösterreich nach Graz, wo sie auch ihren Mann wiedertrifft; schließlich ab 1950 nach Schruns im Vorarlberger Montafon, wo sie eine Arbeit findet.

Auch wenn in dieser Wanderzeit zwei weitere Kinder geboren werden, sei es die "dunkelste Etappe" ihres Lebens gewesen, sagt sie auch mit Blick auf die glücklose Ehe. Das Paar lässt sich 1958 einvernehmlich scheiden. Bei ihren Kindern hinterlässt das tiefe Spuren. Erfahrungen, die ihrem zweiten Sohn viel Einfühlungsvermögen verleihen sollten, als es bei der vatikanischen Familiensynode sechs Jahrzehnte später um Scheidungsfamilien geht.

Ganz auf sich gestellt, verdient Eleonore Schönborn den Lebensunterhalt der Familie bei einer Textilfirma in Bludenz, wo sie 30 Jahre bleibt und bald Chefsekretärin und später Vorarlbergs erste Prokuristin und Pressesprecherin wird. Sie baut das Haus ihrer Familie, engagiert sich in Schruns in der Pfarrei und in der Krankenpflege. Erst nach 25 Jahren - ihr Sohn Christoph ist 1970 zum Priester geweiht und zum Professor an der Schweizer Universität Freiburg ernannt worden - fühlt sie sich in der neuen Heimat integriert und nicht mehr als "Zugereiste".

Interesse für Politik und Kultur

Ihr politisches und kulturelles Interesse legt Eleonore Schönborn nie ab. Sie initiiert die Errichtung von Museen im Montafon und wird dafür 1997 vom Land geehrt. Sie ist hellhörig, als das Asylthema Österreich später erneut betrifft. Plattformen, die sich gegen die Abschiebung von integrierten Flüchtlingsfamilien einsetzen, unterstützt sie vehement. "Niemand geht freiwillig von zuhause weg", und: "auch ich war einmal Flüchtling", begründet sie dies aus ihrer eigenen Vergangenheit.

Internationale Schlagzeilen macht sie kurz vor ihrem 93. Geburtstag: Ihr Sohn, der Wiener Kardinal, wird nach dem Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. für dessen Nachfolge gehandelt. Die ganze Familie habe Angst davor, sagte sie. Christoph sei "viel zu gütig" für den Job, das Papstamt eine zu große Belastung für ihn.

Doch das Befürchtete tritt nicht ein. Bis heute ist Schönborn Wiener Erzbischof und Bischofskonferenz-Vorsitzender. Christoph sei "immer ein sehr guter Sohn gewesen" und habe ihr stets sehr nahe gestanden, sagt sie. Und der Erzbischof verweist in seinen Predigten und Zeitungskolumnen oft auf die Mutter. So erinnere sie ihn etwa stets daran zu lächeln - "dass die Mundwinkel oben bleiben, auch wenn einem gar nicht danach zumute ist".

Von Johannes Pernsteiner (KNA)