Papst Franziskus.
Papst Franziskus gibt der katholischen Kirche Schwung - ein Kommentar

Lehren aus Brasilien

Kommentar - Von Benedikt XVI. ist der Gedanke überliefert, der Heilige Geist habe sich wohl etwas dabei gedacht, als er dafür sorgte, dass ausgerechnet ein deutscher Professor Papst wird. Und so füllte er das Petrusamt aus mit seinen speziellen Gaben: Präzise, mit leiser Stimme und zurückhaltend - und mit hochgelehrten theologischen Ansagen. Nun hat sein Nachfolger Franziskus auf seinem Heimatkontinent gezeigt, was sich der Heilige Geist wohl bei der Wahl eines Lateinamerikaners gedacht haben mag.

Bonn - 30.07.2013

Er hat seine persönlichen, aber auch die theologischen und kirchenpolitischen Gaben seiner Herkunft eingebracht, und schon zeichnen sich die Konturen eines lateinamerikanisch geprägten Papsttums ab.

Kennzeichnend sind: eine erstaunliche - auch körperliche - Nähe zu den Menschen, eine radikale Besinnung auf die Botschaft Jesu und eine verständliche Theologie in eingängiger Sprache. Und die Zuwendung zu allen "am Rande" der Gesellschaft - seien es Drogenabhängige , Flüchtlinge oder Bewohner der Armensiedlungen . Begleitet wird dies von einer starken Gerechtigkeits- und Barmherzigkeitsrhetorik, die man früher als "Herz-Jesu-Marxismus" belächelt hätte. Nicht minder scharf sind die Ansagen an Priester und Bischöfe, die Franziskus vor klerikalem Gehabe, Luxus und Verweltlichung warnt und denen er Bescheidenheit und Einfachheit vorlebt.

Sind wir noch eine Kirche, die imstande ist, die Herzen zu erwärmen?

Noch ist nicht sicher, ob es Franziskus gelingt, das Kirchenschiff auch hierzulande neu in Fahrt zu bringen. Ein Problem sind die Übersetzungen. Die Worte, mit denen er in Rio Menschenmassen und Bischöfe zu Begeisterungsstürmen hinriss, klingen auf Deutsch manchmal sperrig. Und doch sind es starke Texte. So etwa die Sätze aus seiner Rede an die brasilianischen Bischöfe, in denen er fragt, wie die Kirche mit der Gottesferne im 21. Jahrhundert umgehen soll:

Ludwig Ring-Eifel ist seit 2005 Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Bild: © KNA

Ludwig Ring-Eifel ist seit 2005 Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

"Heute braucht es eine Kirche, die ... sich mit den Menschen auf den Weg macht ... eine Kirche, die sich bewusst wird, inwiefern die Gründe derer, die weggehen, bereits in sich selbst auch die Gründe für eine mögliche Rückkehr enthalten, doch dafür bedarf es einer mutigen Analyse. Ich möchte, dass wir heute uns alle fragen: Sind wir noch eine Kirche, die imstande ist, die Herzen zu erwärmen? Eine Kirche, die fähig ist, nach Jerusalem zurückzuführen? Wieder nach Hause zu begleiten? In Jerusalem wohnen unsere Quellen: Schrift, Katechese, Sakramente, Gemeinschaft, Freundschaft des Herrn, Maria und die Apostel ... Sind wir noch fähig, von diesen Quellen so zu erzählen, dass wir die Begeisterung für ihre Schönheit wiedererwecken?"

Interessant ist, dass derzeit auch im deutschen Sprachraum (fast) alle Franziskus-Fans sind. Da bejubeln die Papstgetreuen im Umfeld des Internetportals Kath.net den Papst aus Argentinien ebenso lautstark wie die Reformkatholiken der Gruppierung "Wir sind Kirche".

Sind wir noch fähig, von diesen Quellen so zu erzählen, dass wir die Begeisterung für ihre Schönheit wiedererwecken?

Zitat: Papst Franziskus

Der barocke Erzbischof Reinhard Marx äußert sich ähnlich zustimmend und begeistert wie sein asketischer Amtsbruder Ludwig Schick. Und auch Erzbischof Robert Zollitsch scheint vom Franziskus-Fieber angesteckt, wenn er in einer scharfen Attacke die "untragbare" Ausbeuter-Mentalität anprangert, die sich "im Souterrain des deutschen Arbeitsmarktes" im Umgang mit ausländischen Arbeitskräften entwickelt habe.

Vielleicht flaut Zölibat-Debatte durch Aufschwung wieder ab

Wenn es Franziskus tatsächlich gelingt, der Kirche neuen Schwung zu verleihen, könnten sich auch einige innerkirchliche Debatten entschärfen. Sollte beispielsweise als Folge der Franziskus-Begeisterung die Zahl der Priesteramtskandidaten wieder steigen, würde wohl demnächst auch die Debatte um den Zölibat spürbar abflauen.

Damit es dazu kommt, müssen Kleriker und Laien aber auf die Grundbotschaft des Papstes hören, die er bereits im Konklave formuliert und nun in Brasilien wiederholt hat: Die Kirche muss aufhören, sich um sich selbst zu drehen. Sie darf "sich nicht der Ernüchterung, der Entmutigung, dem Gejammer überlassen". Stattdessen soll sie - mit den Worten des lateinamerikanischen Papstes gesprochen - die Schönheit Gottes neu entdecken. Denn "allein die Schönheit Gottes kann eine Anziehungskraft ausüben. Er erweckt im Menschen den Wunsch, ihn in seinem Leben, in seinem Haus, in seinem Herzen zu bewahren."

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)