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Standpunkt

Weg mit der Mitra? Ein Denkanstoß

Bischöfe sollten auf ihre Mitra verzichten, fordert eine 95-jährige Ordensfrau, denn die Kopfbedeckung widerspreche der Botschaft Jesu. Tobias Glenz sieht das als durchaus berichtigten Denkanstoß – man müsse jedoch differenzieren.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 20.05.2020

Eine 95-jährige Ordensfrau sorgt für Aufsehen: "Könnte man den Papst bitten, den Bischöfen diese nutzlosen Hüte [die Mitra] wegzunehmen?", fragte Schwester Mercedes Loring in einem Leserbrief. Sie könne sich nicht vorstellen, dass Jesus so etwas getragen hätte. Fest steht: Mit ihrer Aussage hat die Ordensfrau einen Nerv getroffen, was die vielen zustimmenden Reaktionen aus aller Welt zeigen.

Doch muss in der Sache noch einmal differenziert werden. Auch unter den Lesern von katholisch.de führte die Forderung der Schwester bei Facebook zu angeregten Diskussionen. Zu Recht verweist die eine Seite darauf, dass es in vielen Berufen eine Amtskleidung gebe – etwa den Arztkittel, die Richterrobe etc. – und somit auch bischöfliche Kleidung und Insignien ihre Berechtigung hätten, da sie den Oberhirten als solchen erkennbar machten. Zudem sei die Mitra als Kopfbedeckung gute Tradition der Kirche – seit mindestens 1.000 Jahren existiert sie.

Aber auch die Argumente der Gegenseite sind nicht von der Hand zu weisen: Nicht wenige Gläubige sehen in den Pontifikalinsignien – neben der Mitra auch Hirtenstab, Bischofsring usw. – eben doch Machtsymbole, Zeichen einer Vorrangstellung in der Kirche, Sinnbild des zuletzt viel diskutierten Klerikalismus. Daher seien sie gerade nicht vergleichbar mit gewöhnlicher Amtskleidung oder anderer religiöser Bekleidung wie etwa einem Ordensschleier.

Neu ist diese Diskussion natürlich nicht. Schon vor über 50 Jahren haben sich Bischöfe im sogenannten "Katakombenpakt" am Rande des Zweiten Vatikanums verpflichtet, auf Pomp und Prunk in der Kirche zu verzichten. Und in der Tat wurde nach dem Konzil auch mit Blick auf die Bischofs- und Priesterkleidung die Reißleine gezogen, sodass allzu pompöse Kirchenmode der Vergangenheit angehört. Ein Kardinal Raymond Leo Burke, der mit sechs Meter langer Schleppe ("Cappa magna") auftritt, ist somit heute glücklicherweise die Ausnahme.

Wenn auch die Forderung nach einer vollständigen Abschaffung der – heute meist eher simplen – Mitra etwas über das Ziel hinausschießt, so hat Schwester Mercedes zumindest einen wichtigen Denkanstoß gegeben: Die Hirten – nicht nur Bischöfe, sondern alle Kleriker – sollten ihr öffentliches Auftreten und ihren Lebensstil immer wieder kritisch daraufhin überprüfen, ob beides wirklich ihrem Amt und der Botschaft Jesu entspricht.

Von Tobias Glenz

Der Autor

Tobias Glenz ist Redakteur bei katholisch.de.

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