Bischof Bode: Gottesdienst darf nicht zur Gefährdung werden
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Bischof Bode: Gottesdienst darf nicht zur Gefährdung werden

Vor zwei Jahren hat sich der Bischof von Osnabrück über Monate aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen. Jetzt ist er dankbar für diese Erfahrung, weil sie ihn auch auf die Corona-Zeit vorbereitet hat. Außerdem: Wie funktionieren Video-Konferenzen zwischen den Bischöfen und beim Synodalen Weg? Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Renardo Schlegelmilch |  Osnabrück - 20.05.2020

Im Podcast wollen wir heute nach Osnabrück gehen, eine Region, die wie alle anderen vom Corona-Virus betroffen ist und sich jetzt mit der Zeit wieder zurück in den Alltag bewegt. Wir wollen wissen, wie es dort und im Bischofshaus aussieht und sprechen mit Bischof Franz-Josef Bode.

Frage: Machen wir es mal ganz anders, Herr Bischof. Was geht ihnen durch den Kopf, das gerade nicht mit Corona zu tun hat?

Bode: Ich überlegte gerade, wie ich guten Freunden eine gute Wohnung verschaffen kann.

Frage: Also Sie befassen sich nicht nur mit dem Virus und den Konsequenzen im Moment.

Bode: Nein, das will ich bewusst nicht.

Frage: Wie ist bei Ihnen die Lage? Wie geht es Ihnen gerade?

Bode: Insgesamt geht es mir gesundheitlich ganz gut und ich habe ja durch diese Corona-Zeit ruhigere Abende, obwohl es bei Tage eigentlich hektischer ist. Ich würde sagen, es gibt zwar mehr Zeit, aber nicht wirklich Muße oder Ruhe, weil man immer angespannt ist wegen der Ungewissheit, ob wieder neue Dinge kommen. Im Moment befassen wir uns sehr stark mit den Öffnungen für die Gottesdienste, da müssen ja tausend Sachen bedacht werden. Das ist schon ziemlich anstrengend.

Frage: Sie haben gesagt, dass die Abende ein bisschen ruhiger sind. Was machen Sie da jetzt?

Bode: Ich gucke mir manchmal kurz unsere Livestream-Gottesdienste an, wie es so gelaufen ist und gucke natürlich die Nachrichten, was das Neuste mit Corona ist. Meistens schaue ich auch noch irgendeinen schönen Krimi.

Frage: Sie sind ja ein Mensch, der gerne unter Menschen ist. Fehlt Ihnen das?

Bode: Ja, das fehlt mir sehr. Ich bin natürlich telefonisch mit vielen in Kontakt und treffe, sagen wir mal, durch kleine Sitzungen und mit Abstand den Tag über viele Leute. Ich bestelle mir auch Einzelgespräche ins Haus, da ich keine Visitationen machen kann. Gespräche mit Leuten habe ich genügend, aber dieses gesellige Zusammensein, das fehlt mir sehr. Wir mussten jetzt auch den Urlaub absagen, ich wollte mit einer Priestergruppe los nach Italien, das wird auch nicht gehen. Das ist schon alles ein bisschen traurig, meine Geschwister sehe ich nie, das ist schon nicht so schön.

Linktipp: Bode zu Corona: "Ich selbst habe keine besondere Angst vor dem Virus"

Die Corona-Krise ist eine große Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Viele fürchten sich vor einer Ansteckung mit dem Virus – nicht so Bischof Franz-Josef Bode. Das sind seine Tipps, um die schwere Zeit der Pandemie durchzustehen.

Frage: Was sagen Sie eigentlich als Seelsorger dazu? Wie sollen Menschen mit so einer Situation umgehen, wo man im Prinzip gar kein privates gesellschaftliches Leben mehr hat?

Bode: Ich glaube, man muss schon sehr die Möglichkeiten nutzen per Telefon oder mit Skype und Video Kontakte zu schaffen, sodass man möglichst mit Leuten am Tag eine gewisse Zeit im Gespräch ist. Man sollte seinen Tag auch immer gut strukturieren, das wird ja auch immer gesagt. Das ist dann besser zu ertragen, als wenn man in den Tag hineinlebt. Diese gewisse Ordnung ist wichtig. Ich glaube, dass jetzt Geduld notwendig ist und man muss sich Kontakte anderer Art schaffen. Man muss sich eben mehr hören im Moment als berühren und sehen.

Frage: Jemand hat ja auch gesagt, dass Berührung nicht gleichzusetzen ist mit Körperkontakt.

Bode: Nein, das ist richtig. Ich denke auch, es gibt ein Berührtsein von etwas und da sind ja auch andere Dinge wie Gottesdienst, wie Musik, wie auch jetzt die Natur. Wir haben natürlich eine ganz große Hilfe dadurch, dass jetzt so schönes Wetter ist, und ich habe einen riesigen Garten. Also ich bin sehr privilegiert, ich habe ein großes Haus und einen großen Garten. Wenn ich das vergleiche mit Menschen, die auf ein paar Quadratmetern mit Familie zusammenwohnen müssen, ist das vollkommen anders. Ich habe das Ganze ja ein bisschen einüben können, ich war ja vor zwei Jahren sehr lange krank und habe eine sehr lange Rekonvaleszenz-Zeit gehabt, das war fast genauso, allerdings konnten mich da Leute besuchen. Das war der Unterschied.

Frage: Was haben Sie aus der Zeit für jetzt mitgenommen? Was können Sie da für Ratschläge geben?

Bode: Dass man wirklich geordnet den Tag anfängt, ich stehe jeden Morgen weiterhin um sechs Uhr auf und mache mich in aller Ruhe fertig und bete bei mir. Wir feiern irgendwann am Tag die Messe, sei es, dass es gestreamt ist im Dom oder dass ich das privat hier bei mir tue. Es ist noch ein Domkapitular, der hier mit mir wohnt im Haus, mit mir isst, sodass ich nicht alleine bin auch beim Essen. Dann gehe ich meine normalen Bürodinge an, wir haben ja jetzt sehr viele Videokonferenzen, das musste ich ein bisschen lernen. Wir haben ja auch mit der Bischofskonferenz das erste Mal eine Videokonferenz gemacht. Da habe ich einen schönen Platz hier im Haus. Ich mache viele Vorbereitungen für die Predigten für die Gottesdienste, weil ich da sehr bewusst auch immer kurz etwas sage zu den Texten, was die Leute sehr dankbar aufnehmen. Dadurch habe ich jeden Tag etwas zu schreiben und kreativ zu produzieren und insofern ist der Tag eigentlich gut gefüllt. Ich kann da nicht klagen.

Frage: Sie haben gerade die Sitzung der Bischofskonferenz per Videokonferenz angesprochen. Da ging ja dieses herrliche Bild um wie Sie da alle 27 Leute in Ihren Videofenstern sind. Wie haben Sie das von Ihrer Seite erlebt? Funktioniert das sich auf diese Art auszutauschen oder ist das kompliziert?

Bode: Also ich bin ein bisschen erstaunt. Ich bin sonst immer ein Gegner dieser Dinge gewesen. Ich bin erstaunt, wie gut das klappt, wenn es gut moderiert wird. Selbst mit 30 Leuten können Sie das gut machen. Man spricht ja sehr geordnet, man muss sich kurzfassen, man wird aufgerufen, in der Chatfunktion stehen ja die Namen, und ich muss sagen, bei Sachen wo man jetzt nicht zu sehr die atmosphärische und argumentative Seite braucht wie bei längeren Diskussionen zum Beispiel im Fall eines Missbrauchs, da wird es schwieriger. Aber wenn Sie Dinge nur abhandeln, besprechen oder ein paar Argumente zum weiteren Vorgehen sammeln, um Entscheidungen zu treffen, kann das manchmal sogar zielführender sein. Ich denke, dass es so ein bisschen auf die Materie ankommt.

Frage: Funktioniert das denn auch beim Synodalen Weg? Da sind ja die Foren im Moment auch per Video gestaltet.

Bode: Ja, ich bin erstaunt. Ich kann das nur vom Frauenforum sagen, da bin ich ja Vorsitzender mit Frau Sattler zusammen, wir haben das in drei Arbeitsgruppen geteilt. Die sind dann nicht so groß. Wir haben mit allen drei Arbeitsgruppen eine Videokonferenz gehabt. Da ist eine Moderatorin, die das ausgezeichnet macht, die Frau Singer vom Zentralkomitee, und Frau Kunz macht ein Protokoll. Das ist gut vorbereitet, wenn man da zwei Stunden rangeht, kann man manchmal mindestens so viel erreichen wie ansonsten mit vier Stunden, weil man dann einfach etwas konzentrierter ist. Es ist zwar anstrengender, aber es ist eine gute Möglichkeit, sodass wir in unserem Frauenforum mit diesen Gruppen ganz gut vorwärtskommen. Wir wissen ja noch nicht, ob die Gesamtsynodalversammlung stattfindet, aber wenn, könnten wir schon einen ersten Teil einbringen.

Der romanische Dom St. Petrus in Osnabrück.

Der romanische Dom St. Petrus in Osnabrück.

Frage: Lassen Sie uns mal ein bisschen aufs Bistum schauen. Sie sind in Osnabrück ja eher ländlich geprägt. Grundsätzlich gesprochen sind ja ländliche Regionen nicht so heftig vom Virus betroffen und wünschen sich auch mehr und schnellere Öffnungen. Wie sieht denn das bei Ihnen alles aus?

Bode: Ja, also bei uns in den ländlichen Räumen ist das was die Zahlen angeht nicht so dramatisch. Aber der Corona-Virus war uns sehr nahegekommen, ein Domkapitular ist daran mit 87 Jahren gestorben und zwei weitere waren infiziert. Also wir hatten es also sehr nahe und dadurch, dass wir hier große Krankenhausträger sind in Osnabrück, haben wir mit ganz vielen Problemen zu kämpfen. Wir haben 250 Kindergärten im Bistum. Das sind natürlich viele Dinge, die man in der Krisenstabsstelle ständig bedenken muss. Der Druck auf die Gottesdienstfrage ist nicht so dramatisch. Ich habe immer gesagt, dass man auch auf andere Weise mit Gott verbunden sein kann und dass man nicht nur das über das Sakrament kann. Diese virtuellen Gottesdienstgemeinden haben durchaus eine hohe Funktion und auch die anderen Gottesdienstformen sind sehr wichtig. Das betrifft nicht nur die Eucharistie. Wir sollten auf keinen Fall dahinkommen, dass der Gottesdienst wieder zur neuen Gefährdung für die Leute wird. Wer Zuhause bleibt, um sich und andere nicht zu gefährden, den muss man auch stützen und man darf ihn nicht in eine falsche Gewissensnot bringen.

Frage: Ich hatte da ein Zitat von Ihnen gelesen, dass mir so ein bisschen aus der Seele gesprochen hat. Ich habe da auch viel drüber nachgedacht, ob ich in die Kirche gehe oder nicht. Mein persönliches Empfinden, in der Situation, in der wir jetzt stecken, ohne Gesang, mit Hygiene, mit Abstand, ohne Friedensgruß und wie auch immer die Kommunion geregelt wird, ich finde das irgendwie noch bedrückender als überhaupt nicht zu gehen.

Bode: Ja, viele haben ja doch diesen Eindruck, wenn sie Livestream-Gottesdienste verfolgen, dass sie eine Beziehung zur Gemeinde aufbauen können. Dabei konzentriert sich das Ganze doch sehr. Das ist ja nicht eine Teilnahme an einer feiernden Gemeinde, wie das beim Fernsehgottesdienst der Fall ist, sondern da nimmt man Teil an dem Geschehen im Altarraum, mit Cantor und mit Lektor und mit dem Zelebranten und Organisten. Es entsteht eine kleine Beziehung, aber jeder weiß, dass Tausende mithören und diese virtuelle Gemeinde stellt man sich mit der Zeit auch immer mehr vor, sodass schon eine innige Teilnahme stattfinden kann, die vielleicht intensiver ist als wenn man in der letzten Reihe des Doms steht oder in einer Kirche nur in jeder zweiten Bank jemand sitzt. Unter diesen Umständen, die Sie erklärt haben, kann man schon abwägen und den Weg wählen, wo man innerlich am besten dabei sein kann. Das ist ja das Entscheidende.

Frage: Ich glaube, das ist das Wichtige, dass man nicht sagt, das ist der richtige Weg, sondern dass das jeder selber entscheiden muss.

Bode: Wir wollen das auch weiter machen. Wir wollen Gottesdienste anbieten im Dom und auch in den anderen Kirchen der Diözese. Wir werden aber weiterhin Livestream-Gottesdienste, zumindest vom Dom machen, sodass Leute, die Zuhause bleiben wollen oder müssen jeden Sonntag und dann auch dreimal in der Woche die Möglichkeit haben.

Frage: Herr Bischof Bode, die Abschlussfrage ist bei diesen Gesprächen immer die gleiche und ich finde es interessant wie unterschiedlich die Antworten darauf sind. Ich will Sie das auch fragen: Was bringt Ihnen im Moment Hoffnung in dieser Zeit?

Bode: Also die Hoffnung ist für mich, dass Menschen doch durch diese vollständig neue und außergewöhnliche Situation nachdenklicher werden. Sie verändern ihren Umgang mit allem, mit der Zeit, mit der Schöpfung und mit Menschen. Das alles ist nicht selbstverständlich und man lebt bewusster, weil dies alles so in Frage stellt, das dürfen wir nicht verlieren. Wir werden durch diese Situation offener und barmherziger. Das muss bleiben. Mein großer Wunsch und meine Hoffnung ist, dass sich etwas verwesentlicht, möchte ich mal sagen und wir nicht wieder in so einen leichtfertigen Umgang mit dem Leben verfallen.

Von Renardo Schlegelmilch