Eine Frau schneidet mit einer Nagelschere einen Grashalm auf einer frisch gemähten Rasenfäche ab.
Kolumne: Unterwegs zur Seele

Das Streben nach Perfektion – eine Gefahr?

Perfekt sein zu wollen – das scheint zu einer Art Religion der Gegenwart geworden zu sein. Große Teile der Gesellschaft wollen allen Ansprüchen an sich gerecht werden. Doch das berge Gefahren, schreibt unsere Kolumnistin Brigitte Haertel.

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 18.06.2020

In der jüdisch-christlichen Tradition galt der Mensch als fehlerhaft und brauchte göttliche Vergebung. Heutzutage ist perfekt-zu-sein die neue Theologie, ja, die Neurose unserer Zeit scheint das Streben nach Perfektion zu sein. Der Theologe und Soziologe Heinz Bude spricht von der Generation-Null-Fehler.

Doch der Perfektionismus birgt Gefahren: Er macht uns leicht intolerant und wütend, wenn Menschen nicht so sind, wie wir sie haben möchten – und er ist Gift für jede Beziehung. Wenn zwei Liebende der Ansicht sind, du bist perfekt und ich auch, dauert es nicht lange bis Probleme auftauchen, ist doch das Sich-perfekt-wähnen eine Illusion.

Das Adjektiv "perfekt" meint so viel wie makellos und fehlerlos aber auch endgültig und abgeschlossen. Nichts auf Erden ist perfekt, nicht einmal die Natur, wie könnte es der Mensch je sein? Alles ist immer im Wandel, im Werden. In der Genesis heißt es: Gott sah, dass es gut war. Dass es perfekt war, sah er offensichtlich nicht.

Perfektionisten sind Getriebene

Das Paar, das sich für perfekt hält, fühlt bald das Ende der Liebe nahen und häufig folgt die Trennung. Dabei wäre es ein guter Augenblick, sich wirklich kennenzulernen. Wahre Liebe besteht vor allem aus Vergebung und darin, schlechtes Verhalten gut zu interpretieren.

Perfektionisten sind Getriebene, sie wollen in jedem Lebensbereich alles richtig machen: In der Partnerschaft, im Job, in der Kindererziehung – sie schuften ohne Unterlass an der Selbstoptimierung. Dies führt zu Stress, schlimmer noch in eine Sucht und gönnt dem Perfektionisten keine Ruhe. Er kommt nie an.

Wer ein Flugzeug besteigt, muss sich auf die Sorgfalt dessen verlassen, der es geplant und gebaut hat.

Perfektionismus ist einerseits das Ergebnis unserer auf Leistung fixierten Gesellschaft, anderseits aber auch Veranlagung: Und es werden schon Kinder vorzugsweise aus der sogenannten Oberschicht auf Perfektionismus hin gedrillt. Ihr Leben lang machen sie ihr Selbstwertgefühlt von der eigenen Perfektion abhängig – nicht selten scheitern sie. 70 % aller Frauen mit Essstörungen, so belegen Studien, sind getrieben vom Perfektionismus, der übrigens als kaum heilbar gilt: "Von einer Perfektionistin zu verlangen, sie solle fünf gerade sein lassen ist ungefähr so erfolgreich wie einem Alkoholiker zu sagen, er solle nicht mehr trinken", sagt die Psychologin Christine Altötter. "Perfektionisten sind gefangen zwischen der Angst, ihren Ansprüchen nicht zu genügen und jener, die Ansprüche zu senken."

Geliebt werden wollen

Ein häufiges Motiv der Perfektionisten ist gefallen, eher noch geliebt werden zu wollen. Doch nicht jeder derart veranlagte Mensch gerät in diese ungesunde Falle. Es gäbe auch so etwas wie einen positiven Perfektionismus, sagt Christine Altötter, die an der Universität Koblenz zum Thema lehrt und forscht, und die dem Perfektionismus auch gute Seiten abgewinnt.

"Wer im Flugzeug oder auf einem OP-Tisch jede Kontrolle aufgeben muss, ist darauf angewiesen, dass der Flugingenieur oder der Chirurg um bestmögliche Arbeit bemüht sind und nicht schludern." In der Tat: In solchen Fällen tut Perfektionismus not, wobei es sich eher um Sorgfalt handelt, was etwas völlig anderes ist. Perfektionismus hat zwanghafte Züge, Sorgfalt nicht und sollte eigentlich im Leben jedes Menschen eine Rolle spielen.

Zum Perfektionismus neigen Menschen mit narzisstischen Zügen. Sie brauchen den Stress, um sich lebendig zu fühlen, sie können furchtbar anstrengend sein für andere. Die dauerhafte Frustration, die aus der Erkenntnis erwächst, dass 100-prozentiger Perfektionismus nie erreicht wird, kann sogar in Depressionen münden. So sind nicht-perfekte Menschen häufig beliebter, weil entspannter und umgänglicher – ein weiterer Frustfaktor für Perfektionisten.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.