Flüchtlingslager auf Lesbos
Zum Weltflüchtlingstag

Helfer und Bischöfe fordern Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik

Zum Weltflüchtlingstag machen Helfer und Kirchenvertreter auf die Lage von Flüchtlingen aufmerksam. Gerade jetzt müsse die Politik handeln, heißt es von mehreren Seiten. Denn weltweit gibt es derzeit mehr Flüchtlinge als je zuvor.

Bonn - 20.06.2020

Zum Weltflüchtlingstag am Samstag fordern Helfer und Kirchenvertreter eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik. "Das Jahr 2020 muss zu neuen Antworten auf die Not der Flüchtlinge führen", mahnte Caritas Internationalis, der Dachverband von 165 nationalen Verbänden, die in der Not- und Entwicklungshilfe sowie in Sozialdiensten tätig sind. Genauso wie die Corona-Krise erfordere die Flüchtlingsproblematik globale Solidarität, betonte Generalsekretär Aloysius John. Nur dann sei es möglich, Fluchtursachen effektiv zu bekämpfen und ein Wirtschaftssystem mit gleichen Chancen für alle zu schaffen. Weltweit gibt es mehr Flüchtlinge als je zuvor. Rund 79,5 Millionen Menschen waren 2019 auf der Flucht, mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung, wie aus dem jüngsten Jahresbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hervorgeht.

Der Papst mahnte erneut zu mehr Solidarität mit den Betroffenen. "In den Flüchtlingen und Vertriebenen ist Jesus gegenwärtig", schrieb Franziskus am Samstag auf Twitter. "Wir sind aufgerufen, in ihren Gesichtern das Antlitz Christi zu erkennen, der uns fragend anblickt. Und dann werden wir es sein, die ihm dafür danken, dass wir ihn lieben und ihm dienen durften", so das Kirchenoberhaupt.

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Der Weltkirche-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Ludwig Schick, rief die reichen Staaten dazu auf, ihren Beitrag zu leisten, damit in den Entwicklungsländern ein menschenwürdiges Leben in Sicherheit und Freiheit möglich werde. Ein Bruchteil der Summen, die jetzt für die Rettung von Fluggesellschaften und anderen Unternehmen bereitgestellt würden, könne den Flüchtlingen und ihren Herkunftsländern helfen, so der Bamberger Erzbischof.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki fordert von der Politik "ein echtes, humanitäres Signal". Auf den griechischen Inseln hausten Menschen seit Monaten "in erbärmlichen Lagern", was beendet werden müsse, forderte der Erzbischof in einer am Freitag in Köln veröffentlichten Videobotschaft. Die Flüchtlinge seien traumatisiert, krank und der Corona-Pandemie nahezu schutzlos ausgeliefert. Besonders unbegleitete Minderjährige sowie alte Menschen müssten in Deutschland aufgenommen werden und eine neue Lebenschance erhalten. Laut Bundesinnenministerium erklärten sich unterdessen auch Finnland, Portugal, Irland und Frankreich bereit, Minderjährige aus diesen Lagern einreisen zu lassen. Damit beteiligen sich nun zwölf europäische Staaten an der von der EU in Aussicht gestellten Aufnahme von insgesamt 1.600 Flüchtlingskindern.

Kritik an Ankerzentren

Caritas-Präsident Peter Neher forderte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die EU-Länder auf, das gemeinsame EU-Asylsystem neu auszurichten: "Dabei sollte die Solidarität im Vordergrund stehen" und nicht "Abschreckung, Ausgrenzung und Inhaftierung von Schutzsuchenden".

Auf die Lage von Mädchen und Jungen auf der Flucht machte das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" aufmerksam. Die Organisation terre des hommes kritisierte menschenunwürdige Zustände in sogenannten Ankerzentren in Deutschland. Dort sollen Flüchtlinge unterkommen, bis sie in Kommunen verteilt oder aber wieder in ihr Herkunftsland abgeschoben werden. Diese Zentren ignorierten die Bedürfnisse von Mädchen und Jungen und schadeten ihrer Integration.

Bedford-Strohm: "Verschließt eure Herzen nicht"

Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm rief zur Unterstützung für Menschen auf der Flucht auf. "Verschließt euer Herz nicht. Und helft", sagte Bedford-Strohm in einem am Samstag veröffentlichen Facebook-Video. "Indem ihr Menschen, die hier Zuflucht suchen, begleitet. Indem ihr euch politisch für mehr Solidarität mit Geflüchteten einsetzt. Indem ihr mit eurem Geld dazu beitragt, dass Menschen in Würde leben können, wo immer sie sind. Indem ihr für sie betet."

Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz (CDU) mahnte zu einer raschen Wiederaufnahme von Familienzusammenführungen und Resettlement-Porgrammen. "Viele Menschen warten händeringend auf Unterstützung, auch im Erst-Zufluchtsstaat, etwa im Libanon oder in Jordanien. Es sind alleinstehende Frauen, Eltern mit kleinen Kindern oder Flüchtlinge mit schwersten Erkrankungen." Sie könnten mit dem Programm "Neustart im Team" im Rahmen des Resettlements legal und sicher nach Deutschland kommen.

Die Bundesregierung hatte in der vergangenen Woche zugesagt, 243 kranke Kinder mit ihren Familien Ende in den kommenden Wochen nach Deutschland zu holen. Mitte April waren 47 Kinder und Jugendliche von den griechischen Inseln nach Deutschland gekommen.

Der Weltflüchtlingstag wurde von den Vereinten Nationen als Aktionstag eingerichtet. Seit 2001 findet er jährlich am 20. Juni statt. Daneben gibt es bereits seit 1914 den katholischen Welttag der Migranten, der jährlich am 19. Januar begangen wird. Eingerichtet wurde dieser ursprünglich, um auf das Schicksal der aus Europa auswandernden Menschen aufmerksam zu machen und diese zu unterstützen. (KNA/epd)

20.6., 16 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme von Bedford-Strohm. 16:25 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme des Papstes und um weitere Informationen.