Schachfigur
Standpunkt

Die alten Masken werden wieder aufgesetzt

Viel ist nicht mehr übrig von der Solidarität am Anfang der Corona-Pandemie, findet Pater Nikodemus Schnabel. Deshalb wünscht er sich, dass die Kirche weiterhin an der Seite der Gefährdeten steht – und nicht gleich wieder große Reden schwingt.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 23.06.2020

Wir leben gerade in einer Phase, in der die neuen Masken fallen und die alten wieder aufgesetzt werden. Der französische Sprachraum hat für dieses Phänomen sogar ein neues Wort geboren: "Déconfinement", was man im Deutschen nur äußerst holprig mit "Aufhebung der Ausgangsbeschränkung" übersetzen kann. Es ist in ganz Europa nicht zu übersehen: Die Mund-Nasen-Masken verrutschen immer mehr zu einem Mundschutz oder werden zu einem Einstecktuch, die Abstandsräume werden geringer und geringer und dem medizinischen und pflegerischen Personal applaudiert schon lange keiner mehr. Die Aufforderung, doch besser zu Hause zu bleiben, auf seine Mitmenschen und sich selbst achtzugeben und solidarisch zusammenzustehen, um den Verlauf der Pandemie-Kurve möglichst flach zu halten, wirken mittlerweile aus der Zeit gefallen, ja ängstlich und altbacken.

Die große Frage scheint nicht mehr zu sein: "Wie bewältigen wir diese Gesundheitskrise?", sondern "Wie bewältigen wir diese ökonomische Krise?" Also werden wieder die alten Masken der Leistungsdemonstration und der Verkaufsstrategien angezogen. Der Rubel muss wieder rollen! Der Hashtag #Risikogruppe, unter dem vor ein paar Wochen noch sehr fleißig gepostet wurde, auch von den großen Leitmedien in Deutschland, scheint jetzt irgendwie nur noch zu stören: Unter ihm finden sich jetzt nur noch Klagen der Risikogruppe über die rasant fortschreitende Entsolidarisierung der Mehrheitsgesellschaft mit ihnen. Auch der Überlebenskampf der Patienten auf den Intensivstationen ist mittlerweile ein verborgener geworden.

Es wurde viel darüber diskutiert, ob sich die Kirche zu Beginn der Corona-Krise richtig verhalten hat oder nicht. Der Vorwurf der Sprachlosigkeit ist hierbei immer wieder erhoben worden. Ich möchte diese Diskussion nicht neu entfachen. Meines Erachtens schlägt aber genau jetzt, in dieser Phase der Pandemie, die Bewährungsprobe für die Kirche! Ist sie diejenige, die sich weiterhin konsequent solidarisch an die Seite der Risikogruppe stellt, indem sie auch in den nächsten Wochen in ihren Gottesdiensten und Versammlungen mit achtsamer Aufmerksamkeit Abstands- und Hygieneregeln beachtet, und auch bewusst die Mund-Nase-Masken im Gesicht lässt, auch wenn die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung das nicht mehr en vogue findet?

Ich würde mich sogar freuen, wenn die Kirche nicht zu schnell wieder das große Wort schwingt, sondern sich in gelebter Solidarität an die Seite aller Nicht-Privilegierten stellt. Oder wünschen wir uns wirklich eine Kirche, die inmitten einer Welt, die gerade intensiv über Rassismus diskutiert, Menschen in Deutschland öffentlich als "Affen" bezeichnet?

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

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