Ein Klinikseelsorger mit Schutzkittel und Atemschutzmaske spendet einem Patienten die Krankenkommunion.
Kirche müsse sich "die Schuhe staubig" machen und bei Menschen sein

Kritik an Kirche "eine Anmaßung" – Wie ein Pfarrer die Pandemie erlebt

Kirche habe die Menschen in der Krise allein gelassen: Diese Kritik lässt Pfarrer Alexander Eckert nicht gelten. Im Gegenteil, teilweise seien nur die Seelsorger und nicht die Familienmitglieder zu den Kranken vorgelassen – für ihn ein Skandal.

Von Christian Wölfel (KNA) |  Esselbach - 17.06.2020

Alexander Eckert ist katholischer Pfarrer im unterfränkischen Esselbach. Außerdem hat er einen Masterstudiengang Psychotherapie und Seelsorge absolviert. In einem Gastbeitrag für das Aschaffenburger "Main-Echo" hat er sich mit der Kritik der früheren thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht auseinandergesetzt, die den Kirchen Versagen in der Corona-Krise vorwarf, da sie Hunderttausende Menschen allein gelassen hätten. Im Interview spricht Eckert über seine Erfahrungen und den seiner Meinung nach eigentlichen Skandal der letzten Monate.

Frage: Was stört Sie an der Kritik von Christine Lieberknecht?

Eckert: Es ist eine Anmaßung, wenn eine der CDU angehörende ehemalige thüringische Ministerpräsidentin, noch dazu als ehemalige Pastorin, den Kirchen vorwirft, in den Corona-Zeiten seelsorglich nicht oder ungenügend tätig gewesen zu sein. Sie stellt eine These in den Raum, die sie überhaupt nicht überschauen kann und die sie selbst nicht überprüft hat.

Frage: Was entgegnen Sie der Kritik?

Eckert: Ich war während der Ausgangsbeschränkungen mehrfach in drei Krankenhäusern. Nur als Pfarrer wurde ich überhaupt zu den Patienten vorgelassen - die engsten Angehörigen, wie Frau Lieberknecht behauptet, nicht. Die hatten zumindest in Bayern gar keinen Zutritt zu ihren Angehörigen. Ich habe etwa einen jungen Mann besucht, der nach einem Sturz aus großer Höhe schwer verletzt im künstlichen Koma lag. Weder die Ehefrau noch seine Eltern durften zu ihm. Nicht auszudenken, wenn er ohne jeglichen Beistand der Angehörigen verstorben wäre. Auch bei der Frau, der ich die Krankensalbung vor dem Sterben gegeben habe und die dann kurz darauf verstorben ist, durften die Angehörigen nicht mehr kommen.

Krankensalbung

Ein Priester spendet die Krankensalbung. Mit Salböl zeichnet der Priester ein Kreuz in die Handflächen des Mannes.

Frage: Aber sind Sie da vielleicht nicht ein Einzelfall?

Eckert: Ich habe auch mit vielen anderen Seelsorgern gesprochen, nicht nur im Bistum Würzburg. Die meisten haben alles getan, um Menschen in dieser Krisenzeit nahe zu sein, auch den Einsamen zu Hause, denen Kinder und Enkelkinder fehlten. Wir Seelsorger waren der Ersatz für die nicht zugelassenen Familienangehörigen. Ohne das hätte die Krise für viele Risikopatienten noch ganz anders ausgehen können, denn auch die psychischen Nöte sind gerade angesichts von Krankheit und Tod nicht unerheblich.

Frage: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesen Erfahrungen?

Eckert: Die letzte Sehnsucht eines Menschen nach Nähe in seinem Sterben wurde durch die Besuchsverbote mit Füßen getreten. In einer so großen Krise diese Sehnsucht auszublenden, ist für mich ein echter Skandal. Mich erstaunt, dass die Hospizvereine sowie kirchlichen Wohlfahrtsverbände hier nicht auf die Barrikaden gegangen sind. Wenn man die Sterbenden gefragt hätte, ob sie es erlauben, dass ihre Angehörigen zu ihnen kommen, hätten sie sicher eine mögliche Ansteckung mit Corona eher in Kauf genommen, als ohne jeglichen Beistand einsam und verlassen letztlich doch sterben zu müssen, eben an einer anderen Todesursache.

Ein Desinfektionsmittelspender hängt während der Corona-Krise im Johannes-Sondermann-Haus des AWO Altenzentrums während im Hintergrund Seniorinnen spielen.

Frage: Was wäre die Alternative?

Eckert: Man hätte in den Krankenhäusern einen eigenen Raum für Sterbende schaffen können, in dem Angehörige sich hätten verabschieden können. Die Besucher wären dann nicht in Kontakt mit anderen Patienten gekommen. Die Sterbenden in den Pflege- und Altenheimen hätte man auch in die Krankenhäuser fahren und in diesem Raum mit Begleitung würdevoll verabschieden können.

Frage: Welche Konsequenzen muss Kirche ziehen?

Eckert: Kirchliche Mitarbeiter mussten von jetzt auf gleich neue Wege der Pastoral und der Begleitung von Menschen finden. Da sind viele neue Ideen entstanden. Die müssen wir weiterentwickeln. Eine Kirche, die gerade in Zeiten wie der Corona-Krise nicht für die Menschen da ist, ist keine Kirche nach dem Wort und Beispiel ihres Gründers, Jesus Christus. Eine Kirche, die in Notzeiten Menschen in Not nicht nahe ist und ihnen dient, dient zu nichts.

Frage: Der Papst benutzt gern das Bild von der Kirche als Feldlazarett. Was bedeutet das übertragen auf solche Krisen wie Corona?

Eckert: In einem Feldlazarett arbeiten haupt- und ehrenamtliche Pflegekräfte, Ärzte und Seelsorger, aber auch Freiwillige, etwa Hospizhelfer, daran, die Würde des Menschen bis zum Schluss zu achten und den Menschen noch das mitzugeben, was möglich ist. Das bedeutet für mich auch, dass Kirche und ihre Seelsorger sich die Schuhe staubig werden lassen müssen, um bedingungslos bei den Menschen zu sein. Insgesamt wünsche ich mir für unsere Kirche, dass weniger Worte gemacht und dafür mehr Taten vollbracht werden, dass nicht nur schöne Bilder wie das vom Feldlazarett in Predigten aufgemalt werden, sondern dass diese Bilder in der Realität der Menschen Konturen bekommen.

Von Christian Wölfel (KNA)