Schönborn träumt von Hagia Sophia als interreligiösem Zentrum
Umstrittene Umwandlung des Gotteshauses

Schönborn träumt von Hagia Sophia als interreligiösem Zentrum

Die Hagia Sophia in Istanbul wird wieder Moschee – eine Entscheidung, die viel Gegenwind erntet. Der Wieder Kardinal Christoph Schönborn hat einen Kompromissvorschlag: Er schlägt eine Doppelnutzung vor.

Wien - 18.07.2020

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn setzt der geplanten Nutzung der Hagia Sophia als Moschee eine interreligiöse Vision entgegen: "Ein Traum wäre es, wenn die Hagia Sophia ein Zentrum der Begegnung der Religionen würde", schreibt Schönborn in seiner wöchentlichen Kolumne in der Gratiszeitung "Heute" (Freitag). Ein solches Zentrum wäre "für alle ein Sieg und ein Segen", so der Wiener Erzbischof.

Schönborn erinnerte an die wechselvolle Geschichte der Hagia Sophia als "unvergleichliches Juwel im Herzen von Istanbul". Politik und Religion hätten immer wieder um Kirchen gestritten - das gelte für die großen Gotteshäuser in aller Welt wie die Hagia Sophia oder die große Moschee von Cordoba. Ebenso sei etwa die Wiener Leopold-Kirche nach der Vertreibung der Juden 1670 an der Stelle einer Synagoge errichtet worden, so der langjährige Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.

"Ausgrenzung und Konfliktwilligkeit"

Auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ümit Vural, plädierte in einem Kommentar in der Zeitung "Der Standard" (Freitag) für eine "gemeinsame Nutzung" der Hagia Sophia als Ort des Gebets und als Zeichen des "Zusammenwachsens unserer Kulturkreise". Prinzipiell müsste es Gläubige jeder Religion freuen, dass das Bauwerk wieder zu einem Gotteshaus und einem Ort des Gebets werden solle. Die geplante Umwidmung in eine Moschee allein werde allerdings der Geschichte der Hagia Sophia "nicht gerecht", so Vural: "Dieses Gotteshaus war zuvor beides: Kirche und Moschee. Es sollte im Sinne eines Zusammenwachsens unserer Kulturkreise, um Ausgrenzung und Konflikte zu vermeiden, eine gemeinsame Nutzung möglich sein."

Vural kritisierte, in der Debatte um die Umwidmung seien "Ausgrenzung und Konfliktwilligkeit" auf beiden Seiten zu spüren gewesen. Schließlich habe die Kritik "genau jene antitürkischen und antimuslimischen Ressentiments bedient und sich aus ihnen befeuert, die wir überwinden sollten", so Vural. Die Zeit einfacher Umwidmungen sollte vorbei sein: "Wir können keine Moscheen mehr in Kathedralen umwandeln, wie es in Cordoba geschehen ist, und keine Kathedralen mehr in Moscheen. Kirchen, Synagogen und Moscheen sind alle Gotteshäuser, und wir glauben alle an den einzigen wahren Gott", betonte der Repräsentant der Muslime in Österreich.

Die im sechsten Jahrhundert erbaute Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) war damals die größte Kirche der Welt. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wurde sie 1453 zur Moschee, der türkische Staatsführer Atatürk wandelte sie 1934 zu einem Museum um. Das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei hatte vergangenen Freitag diesen Status aufgehoben. Präsident Recep Tayyip Erdogan unterzeichnete daraufhin ein Dekret zur Nutzung der Hagia Sophia als Moschee. (cph/KNA)