Matthias Gschwandtner
Matthias Gschwandtner wohnt als Eremit in den Pinzgauer Bergen

Allein, aber nicht einsam: So lebt der Saalfeldener Einsiedler

Wer sich als Eremit versuchen will, muss vieles auf sich nehmen. In der Saalfeldener Klause, einer der letzten bewohnten Einsiedeleien Europas, probiert es nun Matthias Gschwandtner. Mesner, Handwerker, Seelsorger: Er ist alles in einem – und sorgt für ein Novum in der langen Geschichte.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Saalfelden - 15.09.2020

Manche Menschen planen für die Zeit nach ihrem Renteneintritt eine längere Reise oder widmen sich verstärkt ihrem Hobby, beispielsweise der Gartenarbeit. Matthias Gschwandtner wollte nach seiner Pensionierung mal etwas Anderes ausprobieren. "Ich wollte schon länger eine Art klösterliches Leben führen, mit fixer Struktur, und Zeit dafür haben, das eine oder andere persönliche Thema zu bedenken und zu bearbeiten", sagt er. Zeit, die er auch der Reflexion, der Meditation und dem Gebet widmen wollte.

Sein Wunsch hat sich erfüllt: Seit Juni ist Gschwandtner Einsiedler. Er wohnt 1.001 Meter hoch in der Klause am Palfen, einem Berg oberhalb der österreichischen Stadt Saalfelden im Pinzgau, im Bundesland Salzburg unweit der deutschen Grenze. Sie ist eine der letzten bewohnten Einsiedeleien in Europa und blickt auf eine über 350-jährige Geschichte zurück. 1664 wurde dort eine natürliche Felshöhle, in der bereits seit dem 16. Jahrhundert ein Bildnis des heiligen Georg verehrt wurde, zu einer Kapelle ausgebaut. Parallel dazu wurde die Klause errichtet. Diese ist seither nahezu durchgehend bewohnt, zumindest von Frühling bis Spätherbst. Im Winter bleibt sie wegen der Lawinengefahr leer.

Einsiedelei am Palfen

Die Klause am Palfen, dahinter die in den Felsen hineingebaute Kapelle.

Gschwandtner, der aus dem oberösterreichischen Bad Ischl kommt, ist in der Reihe der Einsiedler die Nummer 35. Wer einen Mann mit weißem Rauschebart und Mönchskutte erwartet, könnte eventuell enttäuscht werden: Er hat zwar einen Vollbart, dieser ist allerdings gestutzt. Zudem trägt er meistens bergkonforme Freizeitklamotten.

Wie seine Vorgänger ist auch er mit den besonderen Lebensverhältnissen in der Eremitage konfrontiert: Sie ist weder an Strom- noch Wassernetz angeschlossen. Wasser muss er von einem etwas weiter unten am Berg gelegenen Brunnen holen, sämtliche Lebensmittel muss er sich in der Stadt besorgen und dafür ein- bis zweimal die Woche hinuntersteigen. Die Küche ist nur eine Herdstelle, auch ansonsten ist das Häuschen aus dem 17. Jahrhundert nur sehr spartanisch eingerichtet. Immerhin gibt es auf dem Dach ein Solarpanel, das für Strom für Licht und den Handy-Akku sorgt. Somit kann der Einsiedler bei einem Notfall auch Hilfe rufen.

Das Leben auf eine "Basisversion" herunterfahren

Schwierigkeiten hat Gschwandtner mit alldem nicht. "Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse." Für ihn ist es eine gute Erfahrung, sich einmal auf das Notwendigste zu beschränken und den Alltag mit einfachen Mitteln zu gestalten. "Es tut gut, das Leben auf eine 'Basisversion' herunterzufahren und zu sehen, was mir fehlt oder auch nicht fehlt."

Doch die Corona-Pandemie hätte ihm beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zunächst hatten Stadt und katholische Pfarrei Saalfelden Anfang April, dem gewöhnlichen Einzugstermin, verkündet, dass man wegen des Lockdowns keine Bewerbungsgespräche führen könne und die Eremitage deshalb unbewohnt bleiben müsse. Doch nach der Lockerung der Schutzmaßnahmen konnte man Anfang Mai die Bewerber schließlich doch einladen. Im Anschluss fiel die Entscheidung auf den 63-jährigen früheren kaufmännischen Angestellten.

Matthias Gschwandtner und Dechant Alois Moser

Matthias Gschwandtner wurde von Dechant Alois Moser (links) im Rahmen eines Gottesdiensts bei der Klause als neuer Einsiedler von Saalfelden vorgestellt.

"Es ist eine große Ehre für mich, in die Reihe der Einsiedler treten zu dürfen", sagt Gschwandtner. Er sorgte für ein Novum am Palfen: Er ist der erste Protestant, der die Klause bewohnt. Doch das störte beim Auswahlverfahren niemanden, auch den Ortsfarrer Alois Moser nicht. Denn katholisch zu sein ist – genauso wie die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht – keine Voraussetzung, um in die Eremitage einziehen zu dürfen. Ohnehin spielt für Gschwandtner die Konfession an diesem in seinen Worten "einzigartigen, geistlichen Ort" keine Rolle. Das Ensemble im, auf und unter den Felsen sei ein Besinnungs- und Kraftort, der zum Verweilen, zur Selbstreflektion und zum Genießen einlade. "Dogmatische Unterschiede sind hier – wie ich meine – nicht relevant."

Dennoch steht Gschwandtner während seines Aufenthalts im Dienst der katholischen Kirche. Die Kapelle gehört nämlich zur Pfarrei – und der Eremit ist gleichzeitig ihr Mesner. Die damit verbundenen Aufgaben prägen auch den Tagesablauf in der Einsiedelei: dreimal am Tag, morgens, mittags und abends, die Glocke läuten, jeweils anschließend öffentliche Gebetszeiten, für die die Kapelle vorbereitt werden muss. Daneben finden auch regelmäßig andere Andachten und Gottesdienste statt, zu denen Gläubige und Wanderer hinauf zur Kapelle steigen. Neben dem Mesnerdiest und den regelmäßigen Besorgungen hat Gschwandtner auch ansonsten alle Hände voll zu tun. An der Klause fallen immer wieder kleine Reparaturarbeiten an, er muss auch auf die Sauberkeit auf dem Aussichtsplatz bei der Kapelle achten.

Immer ein offenes Ohr für die Wanderer

Ganz abgesehen von seiner allerwichtigsten Aufgabe: dem Dienst als "Seelsorger". Die Klause am Palfen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten regelrecht zum Besuchermagneten entwickelt. An einem Tag, so schätzt Gschwandtner, können es schon mehr als 100 Touristen und Wanderer sein, die an der Kapelle vorbeikommen und kurz innehalten möchten. "Es ist diese besondere Mischung aus Ausflugs- und Aussichtsplatz und der Kapelle als Gebets- und Andachtsort, die sie anzieht", weiß der Eremit auf Zeit. Viele suchen dabei auch das Gespräch mit ihm. Gschwandter versucht, immer ein offenes Ohr für sie zu haben. Bei den Gesprächen gehe es oft um den Glauben, aber oft auch um Themen wie Schöpfungsverantwortung. Manche hätten Interesse an der Geschichte der Einsiedelei, manche auch daran, wie er auf die Idee gekommen sei, dort einzuziehen. Manche hätten auch Persönliches auf dem Herzen. "Da nehme ich mir gerne die Zeit, zuzuhören. Ich durfte auf diesem Weg schon ganz viele wunderbare Menschen kennenlernen."

Wenn das Tagwerk vollbracht ist und die Touristen über den Berg weitergezogen sind, zieht sich Gschwandtner in die Eremitage zurück. Dann nimmt er sich Zeit für die innere Einkehr, für ein kleines Gebet, für spirituelle Impulse, für ein gutes Buch – und für das Nachdenken über Gott und die Welt. "Vor der Zeit am Palfen habe ich gespürt, dass ich geistlich etwas träge geworden bin. Diese Trägheit möchte ich gerne überwinden." Er will lernen, besser auf "Gottes Stimme" zu hören. "Es schadet uns Menschen nicht, wenn wir wieder Gott mehr die Führung überlassen. Er fügt so vieles in unserem Leben, darauf dürfen wir vertrauen."

Einsiedelei am Palfen in Saalfelden im Salzburger Pinzgau

Eine schmale Treppe führt hinauf zur Einsiedelei.

Das Weltgeschehen ist zwar im Moment weit weg für ihn – es gibt aber irgendwann auch ein Leben außerhalb der Einsiedelei. Es gebe vieles, was nicht so bleiben könne, wie es ist, findet Gschwandtner. "Es gilt, als Christ dagegen aufzutreten, in der Gesellschaft selbstbewusster christliche Standpunkte aufzuzeigen." Er will in seiner Zeit als Eremit neue Kraft und neuen Mut tanken, um auch in der Gesellschaft etwas konsequenter wirksam zu sein. Die Abgeschiedenheit macht ihm dabei nicht zu schaffen. "Ich bin gerne immer wieder einmal allein", sagt Gschwandtner. Mit Einsamkeit, betont er, habe das aber nichts zu tun.

Sein unmittelbarer Vorgänger als Eremit am Palfen, der Belgier Stan Vanuytrecht, hatte nach drei Sommern als Einsiedler bekannt gegeben, Priester werden zu wollen. Steht bei Matthias Gschwandter eventuell nach seiner Zeit als Einsiedler ein ähnlicher Schritt an – zumindest eine Konversion? Das kann er ausschließen. "Ich habe das Glück, als evangelischer Lektor bereits Gottesdienste halten zu dürfen. Da müssen die Katholiken noch einiges lernen, aber das wird sicherlich noch", sagt er mit einem Augenzwinkern. Seine unmittelbare Zukunft wird sich im Oktober klären – dann entscheidet er gemeinsam mit Stadt und Pfarrei, ob er auch nächstes Jahr wieder in die Saalfeldener Klause zieht.

Von Matthias Altmann