Kruzifix in der Kirche Johannes XXIII. der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Köln
Konflikt um Positionspapier der Hochschulgemeinde

Kölner KHG-Seelsorgerin: "Kirche der Angst muss endlich vorbei sein"

Immer noch schwelt der Konflikt um ein kritisches Positionspapier der Katholischen Hochschulgemeinde Köln. Nun äußert sich die Pastoralreferentin der Gemeinde und fordert eine inhaltliche Auseinandersetzung statt Drohungen.

Köln - 20.11.2020

Das Team der Kölner Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) steht weiterhin zu seinem Positionspapier zur Zukunft der Kirche. Gegenüber katholisch.de erklärte die Pastoralreferentin der KHG, Martina Schäfer-Jacquemain, dass der größte Wunsch der Unterzeichnenden sei, mit dem Erzbistum über die Inhalte des Positionspapiers ins Gespräch zu kommen. Bisher habe es nur Drohungen mit arbeitsrechtlichen Schritten gegeben. "Es muss endlich vorbei sein mit einer Kirche der Angst", so Schäfer-Jacquemain. Über die vom Generalvikariat angekündigten arbeitsrechtlichen Schritte und deren Umfang sei noch nichts bekannt.

Das Erzbistum Köln hatte in der vergangenen Woche die Webseite der KHG abgeschaltet, nachdem im Semesterprogramm für das Wintersemester entgegen der Anweisung der zuständigen Hauptabteilung des Generalvikariats wieder einen Hinweis auf  das  bereits 2019 veröffentlichte Positionspapier enthalten hatte. Die gedruckten Semesterprogramme mussten wieder eingezogen werden. Am Donnerstag war die Seite der KHG wieder online zu finden, jedoch ohne das Semesterprogramm und Hinweise auf das Positionspapier. Schäfer-Jacquemain spricht von Zensur, freut sich aber, dass mit der Webseite Studierende wieder Hinweise auf das Beratungsangebot der KHG finden können. In der Corona-Krise sei die psychologische und soziale Beratung der Gemeinde für viele Studierende besonders wichtig, die Webseite oft der erste Anlaufpunkt.

Papier übt Kritik an der Kirche

Das Papier "Wir wollen glaubwürdig bleiben" beklagt, dass viele junge Menschen zwar auf der Suche nach Spiritualität, Glauben und Orientierung seien, dies aber immer weniger im Kontext der katholischen Kirche suchten. Als Gründe führt das Team der Hochschulgemeinde eine "Unantastbarkeit amtskirchlicher Deutungshoheit", "Engführung kirchlicher Sexualmoral", "religiöse Aufladung von Macht" und "mangelnde Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung" durch die Kirche an. Zu den Forderungen des Papiers gehört Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit für die Theologie, das Annehmen unterschiedlicher Lebens- und Glaubenswege, die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern und eine wertschätzende Haltung "gegenüber Beziehungen von homosexuellen und heterosexuellen Paaren".

Seite 5 und 6 des Semesterprogramms, das den Konflikt eskalieren ließ.

Seite 5 und 6 des Semesterprogramms, das den Konflikt eskalieren ließ. Viele der Veranstaltungen sind mit dem Hinweis "fällt aus Protest aus" versehen.

Das Interesse der Öffentlichkeit erlangte  der Vorgang um die Abschaltung der KHG-Webseite, nachdem die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) Köln das Papier und das Semesterprogramm mit einer Solidaritätsadresse auf ihrer Onlinepräsenz veröffentlicht hatte. Gegenüber katholisch.de erklärte der evangelische Hochschulpfarrer Jörg Heimbach am Donnerstag, dass die ESG das Papier inhaltlich mittrage. "Was darin steht, ist wichtig, gut und klug", betont Heimbach. Schäfer-Jacquemain zeigte sich erfreut über eine Welle der Solidarität, die mit dem Bekanntwerden des Vorgangs entstanden sei.

Solidarität aus Hochschulgemeinden und Verbänden

Neben der ESG haben sich auch andere Hochschulgemeinden und Verbände mit der KHG Köln solidarisiert und das Positionspapier veröffentlicht. Am Freitag drückten die Bundesorganisationen der Hochschulseelsorge Unverständnis und Empörung über die Vorgänge aus. In einer Stellungnahme wiesen die Konferenz für Katholische Hochschulpastoral und die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Hochschulgemeinden darauf hin, dass die von der KHG Köln angesprochenen Themen auch die Themen des Synodalen Weges seien: "Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, weshalb ein Bistum mit so drastischen Schritten gegen ein solches Papier vorgeht", so die Stellungnahme. Das Kölner Vorgehen hätte "sämtliche Vereinbarungen über einen offenen, angstfreien Diskurs innerhalb unserer Kirche konterkariert, wie sie zuletzt von den Bischöfen und allen anderen Beteiligten im Synodalen Weg vereinbart worden sind". Diese "Diskrepanz im Reden und Handeln" verunsichere die in den Hochschulgemeinden Tätigen. Das Erzbistum müsse "das verlorene Vertrauen in die Freiheit der Meinungsäußerung" wiederherstellen.

Bereits zuvor hatten sich andere Verbände geäußert. "Eine Kirche, die kritische Stimmen unterdrückt, hat keine Zukunft", erklärte der Diözesanverband Köln des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Die Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) drückte in ihrer Erklärung den Wunsch nach einer Kirche aus, "in der Kritik als Zeichen der Liebe und des Glaubens verstanden wird, in der Macht nicht dafür genutzt wird, Meinungen zu unterdrücken und in der wir miteinander auf Augenhöhe diskutieren können. Die Katholische Studierenden- und Hochschulgemeinde Münster sprach in einer Stellungnahme von einer "Grenze", die überschritten worden sei, "was wir als Kirche nicht nur peinlich finden, sondern was auch die Idee einer Hochschulgemeinde als Ort des freien Austausches und der Diskussion untergräbt". Gegenüber katholisch.de erklärte eine Sprecherin des Erzbistums Köln am Mittwoch, dass der Diözese "grundsätzlich die intensive und auch kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Positionen ein wichtiges Anliegen" sei, forderte jedoch auch einen Diskurs in einer "sachlichen und angemessenen Weise" ein. (fxn)

(20. November 2020, 13.40 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme der Bundesorganisationen der Hochschulseelsorge)