Mariä Opferung: Warum wir "Unserer Lieben Frau in Jerusalem" gedenken
Protevangelium nach Jakobus offenbart Festinhalt

Mariä Opferung: Warum wir "Unserer Lieben Frau in Jerusalem" gedenken

Beim Gedenktag Mariä Opferung ist anhand des Namens nicht sofort klar, um welchen Festinhalt es geht. Antwort darauf, was es damit auf sich hat, findet man im apokryphen Jakobusevangelium. Das Marienfest würdigt Maria in besonderer Weise und zeigt, wie ein christliches Leben gelingen kann.

Von Fabian Brand |  Bonn - 21.11.2020

Es gibt Gedenktage im Jahreskreis, deren Festinhalt nicht auf Anhieb aufgrund ihres Namens zugänglich ist. Dazu zählen zum Beispiel die beiden Marienfeste "Mariä Namen" und "Unsere Liebe vom Rosenkranz": Beide Gedenktage haben ihren Ursprung in historischen Ereignissen, die nichts mit dem Leben der Gottesmutter zu tun haben: Als Dank für den Sieg der christlichen Flotte bei der Seeschlacht von Lepanto wurde das Rosenkranzfest eingeführt; in Erinnerung an die Zweite Wiener Türkenbelagerung und ihre Überwindung durch christliche Truppen der Gedenktag Mariä Namen.

In ganz ähnlicher Weise steht es um ein drittes Marienfest, das alljährlich am 21. November begangen wird: "Mariä Opferung". Freilich wird der Tag nur noch im Volksmund so genannt, offiziell trägt das Fest heute einen anderen Namen: "Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem". Doch auch dieser Titel offenbart nicht gleich, was denn der eigentliche Festinhalt dieses Tages ist. Denn zwar ist der Gedenktag tatsächlich mit einem Ereignis aus dem Leben Mariens verbunden, doch wird dieses nicht in den Evangelien geschildert, die in den Kanon des Neuen Testaments Eingang gefunden haben. Vielmehr muss man, um dem Fest auf die Spur zu kommen, einen Blick in das apokryphe Jakobusevangelium wagen. Dieses Protevangelium ist wohl in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden und beschäftigt sich in erster Linie mit dem Leben Mariens. Wahrscheinlich wollte der Autor die spärlichen Angaben, die sich in den vier kanonischen Evangelien finden, reichhaltig ergänzen und ausweiten. Das ist ihm auch gelungen, da sich das Protevangelium des Jakobus einer großen Leserschaft erfreute. Bis heute gehen manche Vorstellungen auf diese apokryphe Schrift zurück: Zum Beispiel, dass Josef schon ein alter Mann war, als er sich mit Maria verlobte, oder dass die beiden Eltern Mariens Joachim und Anna hießen. Wahrscheinlich, weil es so schöne Geschichten erzählte und damit so manche Lücke schloss, welche die kanonischen Evangelien im Blick auf die Mutter Jesu hinterließen, war das Jakobusevangelium über viele Jahrhunderte hinweg eine sehr beliebte Lektüre.

Joachim und Anna bringen Maria in den Tempel

Auch der ursprüngliche Festinhalt des Gedenktages "Mariä Opferung" wird im Protevangelium nach Jakobus beschrieben. Dort heißt es, Joachim und Anna hatten beschlossen, ihr Kind Maria zum Jerusalemer Tempel hinaufzubringen, um es dort Gott zu weihen, genauso, wie sie es vor der Geburt versprochen hatten. Im Alter von drei Jahren brachten sie Maria schließlich in den Tempel und übergaben sie dem Priester, welcher über das Kind den Segen sprach. Dort, im Tempel, blieb Maria bis sie zwölf Jahre alt war und Josef übergeben wurde, der sich mit ihr verlobte. Soweit erzählt es zumindest das Jakobusevangelium. Die Motive, die hinter dieser Geschichte stehen, lassen sich gut nachvollziehen: Es geht dem Autor darum, Maria von Anfang an als diejenige darzustellen, die sich ganz und gar Gott hingibt, die ihr ganzes Leben dem Dienst an dem lebendigen Gott widmet. Und dieses Leben beginnt eben nicht erst mit der Verkündigung der Geburt, sondern Maria wächst von klein auf in der Gegenwart Gottes auf, von Anfang an zeichnet sie eine besondere Heiligkeit aus. Ihr Aufwachsen im Tempel soll dies verdeutlichen. Damit knüpft die Erzählung des Protevangeliums an eine bekannte alttestamentliche Geschichte an: Die Nähe zu Samuel, der ebenfalls als Kind in den Tempel gebracht wird (1 Sam 1,24-28) und dort in der Obhut des Priesters Eli aufwächst, sind unübersehbar.

heilige anna

Das Gemälde zeigt Maria mit ihren Eltern Anna und Joachim.

"Mariä Opferung" bedeutet in diesem Zusammenhang: Maria wird von ihren Eltern Gott symbolisch geopfert, indem sie ihr ganzes Leben in seinen Dienst stellt. Sie ist ein lebendiges Opfer, weil sie ganz und gar in der Gegenwart des lebendigen Gottes lebt. Auch später in der katholischen Kirche hat es eine ähnliche Einrichtung gegeben: Bei der sogenannten Oblation wurden Kinder von ihren Eltern in die Obhut eines Kloster übergeben, damit die Jungen oder Mädchen später einmal als Mönche oder Nonnen in diesen Konvent aufgenommen werden. Auch hier steht der Gedanke im Hintergrund, dass ein Mensch ganz und gar an Gott hingegeben wird. Menschen opfern sich für den Dienst an Gott und den Nächsten auf: Das feiert die Kirche exemplarisch an Maria, die von ihren Eltern für diesen besonderen Dienst in den Tempel gebracht worden ist.

Namens- und teilweise Inhaltsänderung

In der gesamten Ostkirche wurde das Fest "Mariä Opferung" schon sehr früh, nämlich wohl im 8. Jahrhundert begangen. Erst viele Jahrhunderte später, im 15. Jahrhundert, wurde es auch im Abendland für die ganze Kirche in den Festkalender übernommen, jedoch im Laufe der Zeit immer wieder auch aus demselben entfernt. Seit der Liturgiereform durch das Zweite Vatikanische Konzil trägt der Gedenktag, der am 21. November begangen wird, den Namen "Unsere Liebe Frau in Jerusalem". Damit hat das Fest nicht nur einen neuen Titel erhalten, es hat teilweise auch seinen Inhalt gewandelt. Denn der 21. November erinnert in Jerusalem zuerst an den Weihetag der bedeutenden Kirche "Nea Maria".

Die sogenannte "neue Kirche der Gottesmutter" hat ihren Namen in Abgrenzung zu den alten Marientraditionen im Kedrontal und am Löwentor, der heutigen Anna-Kirche, erhalten. Verkürzt nennt man sie bis heute häufig nur "Nea Maria". Entstanden ist die Kirche unter dem Kaiser Justinian, an den vom Mönchsvater Sabas der Wunsch herangetragen wurde, ein Krankenhaus in der Heiligen Stadt zu errichten und die bereits im Bau befindliche neue Marienkirche endlich fertigzustellen. Die Bauinschrift der Kirche, die bei Ausgrabungen gefunden wurde, benennt Kaiser Justinian als Bauherrn und gibt das Jahr 534/35 als Zeitpunkt der Fertigstellung an. Die Kirche war reichlich ausgeschmückt, was wohl daran lag, dass Justinian mit der "Nea-Kirche" die größte Marienkirche Palästinas errichten wollte. Mit dem Einfall der Perser in Jerusalem 614 wird bereits das Ende der "Nea Maria" eingeläutet: Sie wurde zwar wahrscheinlich nur beschädigt, doch war es wohl ein Erdbeben in einem der folgenden Jahrhunderte, welches das Übrige leistete. Jedenfalls verschwindet die Kirche ab der Mitte des 9. Jahrhunderts aus der Geschichte; nicht einmal mehr die Kreuzfahrer machten sich die Mühe, an der entsprechenden Stelle ein neues Heiligtum zu errichten. Bis heute kann man die Fundamente der Nea-Kirche in Jerusalem besichtigen; man findet sie im heutigen jüdischen Quartier, am südlichen Eingang zur Altstadt.

Maria stellte ihr Leben in den Dienst Gottes

Aus dem Gedenktag "Unsere Liebe Frau in Jerusalem – Mariä Opferung" lässt sich ein schöner Gedanke ableiten: Das alte Fest "Mariä Opferung" mit seinem Inhalt aus dem Protevangelium des Jakobus erinnert an Maria, die ihr ganzes Leben in den Dienst an Gott und den Menschen gestellt hat. Dadurch zeigt sie, wie ein gelingendes christliches Leben aussehen kann. Ganz in der Gegenwart des lebendigen Gottes zu leben, das prägt nicht nur das eigene Selbst, sondern auch eigene Verhaltens- und Handlungsweisen. Wer ganz für Gott lebt, der ist auch ganz für die Mitmenschen da, der opfert sich auch im Dienst am Nächsten auf. Gottesdienst und der Dienst an den Menschen gehören ja untrennbar zusammen. "Mariä Opferung" erinnert daran und macht deutlich, dass alle Getauften zu einer solchen Aufgabe berufen sind.

Kurz vor dem Beginn der Adventszeit feiert die Kirche ein Marienfest, das jene Maria betrachtet, die von ihren Eltern in den Tempel gebracht worden ist. Und zugleich zeigt die kommende Vorbereitungszeit: Maria ist selbst zum Tempel geworden, weil sie Gottes Sohn in ihrem Leib getragen hat. Sie ist die glaubende Frau, die treu ihre Berufung lebt, die offen ist für Gottes Anruf. Deswegen kann sie sein Wort ganz und gar in sich aufnehmen, deswegen kann sie selbst zum "Tempel des Heiligen Geistes" werden. Eine Auszeichnung, die Maria als Erste empfangen hat, die aber zugleich allen gilt, die wie Maria offen sind für Gottes heilbringende Gegenwart.

Von Fabian Brand