Staatsanwalt Nicola Gratteri warnt den Papst vor der Mafia

Gefährliche Nervosität

Aktualisiert am 14.11.2013  –  Lesedauer: 
Kriminalität

Bonn/Rom ‐ Gerät Papst Franziskus ins Visier der Mafia? Der italienische Staatsanwalt Nicola Gratteri hält dies für möglich. Der neue Kurs von Franziskus mache so manchen Mafioso nervös, sagte Gratteri am Mittwoch der italienischen Zeitung "Il Fatto Quotidiano" . Grund dafür seien die vom Papst angestoßenen Reformen in der Kurie und der Vatikanbank.

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In Sachen Mafia ist Gratteri Experte. Der Jurist zählt zu den bekanntesten Jägern der Verbrecher-Organisation, seit 1989 steht er wegen seines Kampfes gegen die kalabresische 'Ndrangheta unter Personenschutz. Im Kampf gegen organisierte Kriminalität hat er im Papst einen starken Verbündeten.

Noch am Freitag hatte Franziskus scharf gegen die Korruption gewettert. Bestechungsgelder anzunehmen sei "schwer sündhaft", hatte er in seiner täglichen Frühmesse im Vatikan gesagt. Gott habe den Menschen aufgetragen, ihr Geld durch ehrliche Arbeit zu verdienen "und nicht auf diesen Wegen, die einfacher sind, dir aber am Ende alles nehmen". Die Anhänger der "Göttin Schmiergeld" verlören ihre Würde.

Mehr als Worte wirken die Taten von Franziskus. Zum Beispiel bei der Vatikanbank IOR. Erstmals in seiner rund 70-jährigen Geschichte hatte das Finanzinstitut Anfang Oktober einen detaillierten Geschäftsbericht vorgelegt. Auch wurden Medienberichten zufolge Inhaber von über 1.000 Konten aufgefordert, diese zu kündigen.

Was die Paten denken

Seit Sommer arbeitet zudem eine Kommission aus Kurienmitarbeitern und einer Harvard-Professorin an Vorschlägen für eine Reform des "Instituts für die religiösen Werke", wie die Bank offiziell heißt. In der Vergangenheit war das Institut immer wieder wegen angeblicher schwarzer Konten und Geldwäsche in die Schlagzeilen geraten.

Damit aber nicht genug. Anfang Oktober war die Anti-Geldwäsche-Gesetzgebung im Vatikan verschärft worden. Die neuen Vorschriften weiten unter anderem die Kontrollbefugnisse der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde AIF auf alle Einrichtungen der Kurie und des Vatikanstaats aus.

Wie nötig dies ist, zeigt der Fall des Nunzio Scarano . Ende Juni wurde der frühere Chefbuchhalter der Päpstlichen Güterverwaltung Apsa wegen des Verdachts auf Geldwäsche festgenommen. Unter Hausarrest wartet der Geistliche auf seinen Prozess, der Anfang Dezember beginnen soll.

Franziskus sei auf dem richtigen Weg, bescheinigt Gratteri dem Papst im Interview mit "Il Fatto Quotidiano". Doch dieser Weg könnte sich dem Juristen zufolge gefährlich mit dem der Mafia kreuzen. Diejenigen, die bisher von Macht und Reichtum aus kirchlichen Kreisen profitiert hätten, seien nun nervös und beunruhigt, fügt er hinzu.

Eine akute Gefahr für den Papst sieht der Mafia-Experte bisher nicht. Er wisse nicht, ob das organisierte Verbrechen in der Lage sei, etwas Konkretes zu tun, aber man denke sicherlich drüber nach, so Gratteri. Falls die Paten ihn stolpern lassen könnten, würde sie nicht zögern.

Bleibt zu hoffen, dass sich Gratteris Befürchtungen nicht bewahrheiten. Der Vatikan sorgt sich jedenfalls nicht um eine mögliche Bedrohung des Papstes durch die Mafia. Das hat Vatikansprecher Pater Federico Lombardi an diesem Donnerstag klargestellt, wie Radio Vatikan meldet.

Von Christoph Meurer

Papst betet gegen Mafia

"Beten wir zu Gott, dass die Herzen dieser Mafiosi sich zu Gott bekehren", hatte Papst Franziskus Ende Mai auf dem Petersplatz gesagt. Anlass war die Seligsprechung des von der Mafia erschossenen Priesters Giuseppe Puglisi am 25. Mai in Palermo. Der sizilianische Geistliche war am 15. September 1993 vor seinem Haus in Palermo von einem Auftragskiller getötet worden. Er hatte in seinen Predigten die Mafia kritisiert und sich für die Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen eingesetzt. Don Puglisi sei ein vorbildlicher Priester gewesen, sagte Franziskus. Die Mafia habe ihn zwar durch seine Ermordung besiegen wollen, tatsächlich habe jedoch der Geistliche gewonnen, so der Papst. (KNA)