Hagencord für "Ruck durch Gesellschaft und Kirche" beim Thema Fleisch

Theologe kritisiert Weihnachtsbraten und Fleischindustrie

Aktualisiert am 21.12.2020  –  Lesedauer: 

München ‐ Für den Priester und Biologen Rainer Hagencord ist der gesellschaftliche Umgang mit Tieren ein Unding. Er kritiert, dass die Schlachthöfe vor Weihnachten besonders viel zu tun haben, um den Hunger nach Fleisch zu bedienen – und fordert ein Umdenken.

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Der Theologe Rainer Hagencord (59) hat die zahlreichen Braten zum Weihnachtsfest und die Zustände in der Fleischindustrie kritisiert. Er frage sich, "warum Gewalt gegen Tiere völlig selbstverständlich ist" und warum "just an Hochfesten unseres Glaubens die Schlachthöfe hochgefahren werden", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" (Montag): "Auch nach den Corona-Ausbrüchen unter den schlecht bezahlten Mitarbeitern in vielen Schlachtfabriken verstehe ich überhaupt nicht mehr, wieso kein Ruck durch die Gesellschaft und die Kirchen geht und munter weiter Fleisch gekauft wird."

In Deutschland würden pro Jahr etwa 750 Millionen Tiere geschlachtet, so Hagencord, und 98 Prozent der Fleisch- und Wurstprodukte kämen aus der industriellen Tierhaltung: "Ein System der strukturellen Sünde, in dem fast alle verlieren: die Tiere, die Artenvielfalt, das Grundwasser, die Böden, unsere Gesundheit, kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe."

Hagencord ist Theologe, Biologe sowie katholischer Priester und leitet aus der Bibel ab, dass auch Tiere eine Seele haben und deshalb einen würdevollen Umgang verdienen. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Hagencord: Bekomme viel Gegenwind aus Landwirtschaft

Der Theologe lobte die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus. Darin habe er vom Eigenwert aller Geschöpfe gesprochen, auch der Tiere und Pflanzen. Leider sei dies aber längst nicht bei allen in Politik, Gesellschaft und Kirche angekommen.

An der kirchlichen Basis gebe es viele, die eine andere Theologie forderten, ergänzte der Tierschützer, doch "von einer hierarchisch verfassten und männlich dominierten Kirche ist nichts zu erwarten. Dort, wo Frauen oder generell Eltern mitbestimmen, sieht die Welt anders aus."

Aus der Landwirtschaft bekomme er viel Gegenwind, so Hagencord weiter. Zuletzt habe ihm eine Tierhalterin gesagt: "Wenn ich mit der Vorstellung, meine Schweine haben eine Würde, in den Stall gehe, kann ich die Arbeit nicht mehr machen. Aber ich muss sie machen." Viele Menschen in der Branche würden seelisch krank dabei.

Der Priester sieht diese Entwicklung als "Frucht einer völlig falschen Politik der vergangenen 15 Jahre". Es herrsche eine "unheilige Allianz von Bauernverband und Landwirtschaftsministerium. Ministerin Julia Klöckner ist fast schon eine Karikatur, die sich nicht schämt, Großkonzernen öffentlich für angeblich gesunde Lebensmittel zu danken." (rom/KNA)