Nach 25 Jahren verlässt Wunibald Müller das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach.
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"Wegspiritualisieren" sexueller Bedürfnisse beseitige nicht deren Macht

Wunibald Müller: Künftige Priester müssen Sexualität thematisieren

Für den Psychotherapeuten und Theologen Wunibald Müller steht fest: Angehende Priester müssen sich intensiv mit der eigenen Sexualität befassen – das verlange die Redlichkeit sich selbst gegenüber. Die Macht sexueller Bedürfnisse lasse sich nicht "wegspiritualisieren".

Paderborn - 19.05.2021

Nach Ansicht des Psychotherapeuten und Theologen Wunibald Müller ist es "unerlässlich", dass sich Priesteramtskandidaten mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen. "Auch für die Person, die vorhat, ehelos zu leben, ist es wichtig, sich dem emotionalen Reifungsprozess, der zur Beziehungsfähigkeit führt, zu stellen", schreibt er in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Theologie und Glaube" (Mittwoch), die von der Theologischen Fakultät Paderborn herausgegeben wird. Künftige Priester müssten fähig sein, "tiefe, bedeutungsvolle und innige Beziehungen mit anderen Menschen eingehen zu können".

Sexualität dürfe nicht "wegspiritualisiert" werden, erklärt der Psychotherapeut. Die Entscheidung für den Verzicht auf Sexualität beseitige nicht deren Macht und Kraft. Priester stillten mitunter ihre "Defiziterfahrung an Intimität" auf unterschiedliche Art – "von Cybersex über Bordellbesuche bis hin zu sexuell übergriffigem Verhalten". Viele lebten ihre sexuellen Bedürfnisse durch Selbstbefriedigung, vorübergehende und feste Beziehungen und Pornografie aus.

Konfrontation mit sexuellem Verlangen aus persönlicher Redlichkeit

"Hier verlangt es die Redlichkeit eines Priesters sich selbst gegenüber", schreibt Müller, "seinem Verlangen nach sinnlichen, sexuellen Erfahrungen ins Gesicht zu sehen und sich nicht davor zu drücken." Nur dann könnte er realistisch mit seinen Bedürfnissen umgehen.

Zudem sollten die eigenen psychischen Anliegen nicht außer Acht geraten, rät der Theologe. Hier könnten unter anderem Hobbys und Konzertbesuche hilfreich sein. "Es kann heißen, eine Kunstausstellung zu besuchen, mit anderen etwas zu spielen, z. B. ein Kartenspiel, was früher unter Priestern oft üblich war."

Müller war von 1991 bis 2016 Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach, eine Einrichtung der dortigen Benediktinerabtei. Dort sollen sich Priester, Ordensleute und Mitarbeitende in der Seelsorge körperlich, psychisch und geistlich-spirituell sammeln können, um sich für die pastorale Aufgabe zu stärken. (KNA)