Neuer Weg bei der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs

Bistum Münster: Missbrauchsbetroffene organisieren sich selbst

Aktualisiert am 30.06.2021  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Missbrauchsbetroffene im Bistum Münster wollen bewusst keinen Betroffenenbeirat. Dieses Modell habe an vielen Stellen "gnadenlos versagt", erklärt der Betroffene Martin Schmitz. Nun wollen sie sich selbst organisieren – mit der Hilfe des Bistums.

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Missbrauchsbetroffene im Bistum Münster wollen sich selbst organisieren. Dazu werden weitere Betroffene aufgerufen, sich zusammenzuschließen und bei der Aufarbeitung zu beteiligen, teilte das Bistum am Mittwoch mit. Ein erstes Treffen solle es bereits im Herbst geben.

Bislang seien in deutschen Bistümern Betroffenenbeiräte eingerichtet worden, deren Mitglieder durch den Bischof oder ein anderes Gremium bestimmt würden. "Dieses Modell hat an vielen Stellen – siehe Köln – gnadenlos versagt", sagte Martin Schmitz, Sprecher der Selbsthilfegruppe im münsterländischen Rhede, im Interview dem Internetportal "Kirche + Leben" (Mittwoch). Betroffene würden dadurch instrumentalisiert, begutachtet und abgelehnt. "Eine Beteiligung kann aber nur dann funktionieren, wenn die Betroffenen sich selbst organisieren und von sich aus sagen, wie und was sie gemeinsam mit dem Bistum angehen", so Schmitz weiter.

Die Selbstbestimmtheit der Betroffenen müsse daher erhalten bleiben. "Sie müssen sagen können, was schief läuft und was gut läuft. Das geht nicht in der klassisch hierarchischen Weise der Kirche, in der das Bistum oben steht und die Betroffenen unten", so Schmitz.

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Das Bistum Münster unterstützt die Vernetzung der Betroffenen. Es übernehme lediglich "eine mit den Betroffenen abgesprochene dienstleistende Funktion" und werde Betroffene kontaktieren, die der Diözese bekannt sind, sowie die Organisation durch finanzielle Mittel unterstützen, heißt es in der Pressemitteilung. "Wenn die Täter-Organisation nun Menschen in einen Beirat beruft, kann von Unabhängigkeit keine Rede mehr sein", erklärte Stephan Baumers von der Interventionsstelle des Bistums gegenüber "Kirche + Leben". An dem Treffen der Betroffenen im Herbst nehme kein Bistumsvertreter teil.

Die Betroffenen sollen per Brief zu dem Treffen eingeladen werden. "Wir halten es für wichtig, dass nicht über uns und – von wem auch immer – für uns als Betroffene gesprochen wird, sondern dass nur wir für uns selbst sprechen, und zwar als unabhängige Gruppe", heißt es in dem von mehreren Betroffenen formulierten Schreiben, das auch durch das Bistum verschickt wird. Am Ende des Vernetzungsprozesses "könnte eine eigenständige Betroffenenorganisation, eine Betroffenenbeteiligung und/oder etwas Drittes stehen."

Nach einer Vereinbarung zwischen dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und den katholischen Bischöfen sollen Betroffene in allen deutschen Diözesen an der Missbrauchsaufarbeitung beteiligt werden. (cbr)