Vom Fasten zu Rebhühnern

Urlaub und Erholung in der Bibel

Aktualisiert am 24.07.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Arbeit ist ein hohes Gut – auch in der Bibel. Doch sie steht nicht allein. Das Ausruhen gehört ebenso dazu im Leben. Doch Entspannen ist nicht nur ein all-inclusive-Urlaub, die Ruhe hat im Glauben noch eine weitere, tiefere Bedeutung.

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"Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du." (Dtn 5,14)

Wer meint, dass sich in den Gesetzestexten des Alten Testaments nur schwer zu erfüllende Gebote finden, der irrt gewaltig! Denn neben den Gesetzen, die es freilich braucht, um das Zusammenleben in einer Gesellschaft zu regeln, kennt gerade das Buch Deuteronomium auch noch ein anderes Gebot: Genauso, wie man fleißig arbeiten soll, muss man auch feiern und sich ausruhen. Herausragend ist hierbei das Sabbat-Gebot: Am wöchentlichen Feiertag darf man keine Arbeit verrichten – das ist nicht nur ein frommer Ratschlag, sondern es ist sogar verboten. Und das gilt nicht nur für den gesetzestreuen Israeliten, sondern für alle Menschen, für alle Tiere und für die ganze Schöpfung. Alles soll stillstehen am Sabbat. Der wöchentliche Feiertag soll eine Ruheinsel für alle sein.

Das "du darfst keine Arbeit tun" ist keine Einschränkung, es ist vielmehr ein Geschenk: Es gibt eine Zeit, die ganz und gar der Erholung und dem Aufatmen gewidmet ist. Das ist etwas, was wir Menschen in diesen bewegten Zeiten sehr dringend brauchen! Und es ist auch etwas, das wir wieder neu lernen müssen. Denn manche empfinden es gar als Belastung, an einem Tag in der Woche nichts tun zu dürfen. Doch die biblische Perspektive ist eine andere: Du musst dich an einem Tag in der Woche ausruhen, und zwar richtig entspannen, um an den anderen Wochentagen wieder kräftig arbeiten zu können. Ein solcher Tag ist ein Geschenk und keine Belastung!

Ein biblischer locus classicus

"Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen." (Mk 6,30f)

Die beiden Verse aus dem Markusevangelium sind so etwas wie der biblische locus classicus für die Predigt zum Beginn der Sommerferien. Es ist schon erstaunlich, wie menschlich dieser Jesus manchmal sein kann. Man meint doch, dass Jesus und seine Apostel immer arbeiten, unermüdlich das Evangelium verkünden, ständig ganz und gar für die Menschen da sind. Aber wer ein solches Jesus-Bild hat, der täuscht sich gewaltig! Denn für Jesus geht es nicht an, dass Menschen immer nur arbeiten oder von der Frohbotschaft gewissermaßen erdrückt werden. Menschen brauchen Freiräume, brauchen Zeiten der Erholung und des Aufatmens. Jesus weiß darum. Er selbst zieht sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, um zu beten. Er kennt die Not die Menschen und weiß, dass es anstrengend sein kann, immer seiner Predigt zu lauschen. Die menschlichen Bedürfnisse sind ihm nicht fremd.

Bild: ©picture alliance / Yvan Travert / akg-images

Das Glasfenster "Die Aussendung der Apostel" (um 1210/25) in der französischen Kathedrale Notre-Dame in Chartres.

Und doch ist die Einladung, auszuruhen, kein Freifahrtsschein für den entspannten all-inclusive-Urlaub. Jesus schickt seine Apostel nicht in die unterschiedlichen Ecken des Landes, damit sie irgendwo im Liegestuhl am Roten Meer relaxen. Jesus zieht sich zusammen mit seinen Aposteln zurück. Das ist der entscheidende Punkt: Es geht um das Ausruhen zusammen mit Jesus. Die Apostel sollen draußen bei den Menschen das Evangelium verkünden. Dazu sendet sie Jesus aus. Aber sie dürfen auch die andere Seite der Medaille nicht vernachlässigen: Immer neu die Nähe Jesu zu suchen und in seiner Gegenwart zu verweilen. Bei Jesus sein, in seiner Nähe neu Kraft tanken: Das ist die Urlaubsperspektive des Markusevangeliums! Aber es ist doch wirklich ein Urlaub, denn Jesus lastet den Aposteln keine neuen Arbeiten auf. Sie sollen einfach bei ihm sein, bei ihm ausruhen. Und oftmals reicht das, einfach bei Jesus zu sein. Sich beschenken zu lassen von seiner Gegenwart und zu wissen, nichts leisten zu müssen, sondern einfach nur da sein zu dürfen. Das ist Urlaub!

Fasten und Rebhuhn

"Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn." (Teresa von Ávila)

Die "große Teresa" hat sich jetzt nicht explizit zum Urlaub geäußert. Aber ihr Zitat lässt doch eine gute Grundhaltung erkennen, die auch für die Zeit der Erholung sehr wichtig ist. Es geht ihr darum, die Dinge, die gerade anstehen, ganz zu tun und ordentlich zu erledigen. Nicht halbherzig soll man fasten, sondern wenn gefastet wird, dann richtig. Doch Teresa legt damit keinen Wert darauf, ausschließlich Askese zu halten. Es gilt vielmehr auch das Gegenteil: Wenn die Zeit zum Feiern ist, dann soll man auch richtig feiern und nicht Angst haben, dass man eigentlich gar nicht so viel essen dürfte, weil man ja morgen wieder fasten muss. Tu das, was gerade getan werden muss – und zwar so, als ob es gerade gar nichts anderes gäbe. So könnte man Teresas Gedanken zusammenfassen.

Bild: ©andrea-goeppel.de

Gian Lorenzo Berninis "Verzückung der heiligen Teresa" in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria.

Was das für den Urlaub bedeutet, ist eigentlich ganz einfach: Wenn Urlaubszeit ist, dann musst du richtig Urlaub machen! Das ist die Haltung, die Teresa den Menschen ans Herz legt. Allzu oft erleben wir das Gegenteil: Dass der Urlaub nie richtig Entspannung ist, weil man immer einen Blick aufs Smartphone hat, weil immer die Mails gecheckt werden müssen. Ein Stück Arbeitsalltag ist für viele Menschen im Urlaub ein ständiger Begleiter. Teresa aber sagt: So soll es eben nicht sein! Wenn die Zeit zum Arbeiten da ist, dann muss man arbeiten. Aber im Urlaub soll man sich doch erholen und entspannen – und zwar ausschließlich! Was nützt schon der beste Urlaub, wenn man die Hälfte der Zeit in Gedanken am Arbeitsplatz hängt? Die schönste Urlaubsstimmung kann so schnell vergiftet werden und von Erholung ist am Ende nicht viel übrig. Deswegen gilt der Rat Teresas für so viele Lebensbereiche (und eben unter anderem auch für den Urlaub): Erledige das, was gerade ansteht, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Oder anders: Wenn Erholung, dann Erholung!

Ein Beispiel aus der Landwirtschaft

Gewähre Erholung: Ein erholter Acker gibt reichlich zurück! (Ovid)

Der antike römische Dichter Ovid greift auf ein Beispiel aus der Landwirtschaft zurück: Dort gibt es das sogenannte "Brachjahr", das schon im Alten Testament bezeugt ist. Der Gedanke, der dahintersteht, ist relativ einfach. Ein Ackerboden, der ständig bewirtschaftet wird, ist irgendwann ausgebeutet. Alle Nährstoffe, alle Energie, die im Acker steckt, ist weg. Der Acker braucht Zeit, um sich zu regenerieren, damit wieder Früchte auf ihm gedeihen können. Deshalb ist es wichtig, dass Landwirte ihre Äcker regelmäßig brach liegen lassen, also nur bedingt bebauen. Was auf den ersten Blick wie ein Verlustgeschäft aussieht, rechnet sich dafür im nächsten Jahr: "Ein erholter Acker gibt reichlich zurück."

Für Ovid ist es mit dem menschlichen Leben nicht anders. Man kann immer arbeiten und schaffen, aber irgendwann ist die Energie, die man besitzt, nicht mehr da. Die menschlichen Kräfte sind eben bedingt und ausgeschöpft, wenn dem Körper über einen längeren Zeitraum zu viel zugemutet wird. Der Rat, den Ovid gibt: Mensch, gewähre dir eine Zeit, in der du brach liegst! Oder mit anderen Worten: Menschen brauchen Zeiten zur Erholung, wenn ihre Arbeit wieder Frucht bringen soll. Krafttanken, Energiespeicher auffüllen, dazu sind Ruhezeiten unabdingbar. Aus der Landwirtschaft kann man etwas fürs eigene Leben lernen: Ein ausgebeuteter Acker bringt nur noch kleine Früchte hervor. Was auf ihm angebaut wird, gedeiht nicht mehr richtig. Ein erholter Acker bringt eine reiche Ernte hervor, die Früchte werden wieder groß – und am Ende ist man zufrieden, weil man sich die Zeit des Brachjahres gegönnt hat.

Von Fabian Brand