Psychologen und Trauerbegleiter fürchten Traumatisierungen

Wie Trauerprozesse unter der Corona-Pandemie gelitten haben

Eine Seniorin schaut traurig aus dem Fenster
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Am Anfang war alles knapp. Masken, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung – sogar Kliniken hatten zu wenig davon, als sich das Coronavirus vor gut anderthalb Jahren ausbreitete. Plötzlich waren Besucher dort nicht mehr erwünscht, zu groß das Risiko, dass sie – lange vor Schnelltests, FFP2-Masken oder gar einer Impfung – das Virus in die Einrichtungen tragen könnten. In der Folge starben viele Menschen ohne Begleitung durch ihre Angehörigen. Auch für Trauerfeiern gab es zeitweise strenge Beschränkungen.

Für viele Hinterbliebene eine traumatische Erfahrung, darüber sind sich Seelsorger, Trauerbegleiter und Psychologen einig. Oft sei die Vorstellung, was der oder die Verstorbene in den letzten Stunden erlebt habe, viel schlimmer als das, was wirklich geschehen sei, sagte die Psychologieprofessorin Birgit Wagner vor kurzem dem "Spiegel". Forschungen deuteten außerdem darauf hin, dass auch ein Blick auf den Leichnam des geliebten Menschen bei der Verarbeitung der Trauer helfen könne, genauso wie eine gelungene Abschiedsfeier.

"Schneise des Leidens und Sterbens" in Pflegeeinrichtungen

Schon im Frühjahr forderte der Kulturreferent der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Jakob Johannes Koch, mehr Unterstützung für die Betroffenen. Er sehe Psychotherapeuten ebenso gefragt wie die seelsorgliche Begleitung durch die Kirchen. In der katholischen Tradition gibt es das Jahresgedächtnis, mit dem am ersten Todestag an den Verstorbenen erinnert wird. "Es wäre eine Aufgabe für die Kirchen, in dieser Tradition zusätzlich zum Gottesdienst besondere Formen anzubieten", so Koch. Einen Abschied gewissermaßen nachzuholen, sei momentan besonders vielen Menschen ein Bedürfnis.

Was man verpasst hat, könne man nicht nachholen, gibt die Trauerforscherin Carmen Birkholz zu bedenken. Dennoch könnten Rituale helfen, um eine Erfahrung zu vergegenwärtigen und Wunden zu heilen. Auch hätten manche Einrichtungen vorbildlich gehandelt – und beispielsweise schon sehr früh auf digitale Kommunikation gesetzt, viel mit Angehörigen telefoniert, sie mit Bildern oder Videotelefonaten auf dem Laufenden gehalten.

Von "Chaos" sprach der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Seit Beginn der Pandemie ziehe sich eine "Schneise des Leidens und Sterbens durch die Pflegeeinrichtungen", die mehr Räume für das Abschiednehmen hätten schaffen müssen.

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Besonders alte und kranke Menschen litten während der Corona-Pandemie unter Einsamkeit. Zeitweise hatten selbst Seelsorgerinnen und Psychologen keinen Zugang zu den Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen.

Die Einrichtungen seien sehr unterschiedlich mit den Vorgaben umgegangen, bestätigt Birkholz: "Manche haben ihre Spielräume genutzt." In anderen Fällen sei es nahezu unmöglich gewesen, sich der "Macht der Institutionen" zu entziehen – insbesondere für jene alten, kranken, manchmal desorientierten Menschen, deren Leben letztlich geschützt werden sollte.

Birkholz, die auch im Bundesverband Trauerbegleitung aktiv ist, arbeitet an einem Forschungsprojekt zu diesen Erfahrungen. Nicht allen Trauernden ist es demnach gleich ergangen: Manche hätten sich mit der Situation zu arrangieren versucht, während andere das Pflegeheim am liebsten gestürmt hätten. Grundsätzlich könnten plötzliche Todesfälle traumatisch wirken, so die Expertin: "Wichtig ist, ob die Umstände diese Reaktion abfedern." In Corona-Zeiten sei oft das Gegenteil der Fall gewesen.

Laut der Telefonseelsorge war es schon zu Beginn der Corona-Zeit die Angst vor Isolation, die die Menschen am meisten umtrieb. Birkholz sagt, sie hätte sich gewünscht, dass neben Virologen auch mehr Psychologen oder Seelsorger in den Medien zu Wort gekommen wären und dass neben erschreckenden Zahlen auch Best-Practice-Beispiele präsentiert worden wären, um konkrete und kreative Unterstützung zu bieten.

Gesellschaftliche Versäumnisse in der Pandemie aufarbeiten

Die Forscherin sieht in diesem Zusammenhang auch Versäumnisse der Kirchen: "Wo war die kirchliche Stimme, die sich für diejenigen stark gemacht hat, die ansonsten übersehen werden?" Sie wolle über niemanden den Stab brechen, betont die evangelische Theologin. Aber: "Wir müssen uns fragen, welche Alters- und Alternsbilder in einer Gesellschaft zur ärztlichen und psychosozialen Nichtversorgung sterbender alter Menschen im Heim führen."

Was geschehen ist – gerade zu Beginn der Pandemie unter dem Eindruck einer noch unbekannten Gefahr –, müsse aufgearbeitet werden, fordert Birkholz. Gedenkfeiern wie der Trauergottesdienst mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gehörten dazu, aber wichtiger sei, sensibel zu bleiben für die vielen Verwundungen. So bildeten sich derzeit Selbsthilfegruppen zum Thema "Trauer ohne Abschied". Der Bedarf an Begleitung sei hoch.

Eine solche Aufarbeitung sei auch wichtig, um für künftige vergleichbare Lagen zu lernen, betont Birkholz. Andere Experten sehen es ähnlich: So legte der Forschungsverbund Palliativversorgung in Pandemiezeiten (PallPan) bereits im Juni einen Leitfaden vor, damit eine solche Situation künftig anders gemeistert werden kann. Eine zentrale Erkenntnis: Das Bedürfnis nach Nähe in schwerer Krankheit und beim Sterben sei für Patienten und Angehörige so existenziell, dass sie ihre Menschenwürde verletzt sehen, wenn es aus Gründen des Infektionsschutzes nicht erfüllt werden kann.

Paula Konersmann (KNA)