Corona-Krise: Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge
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Pandemie für viele Menschen auch ein psychischer Stresstest

Corona-Krise: Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge

Die Corona-Pandemie ist für die meisten Menschen neben den wirtschaftlichen Herausforderungen ein psychischer Stresstest. Das merkt auch die Telefonseelsorge. Das bundesweite Hilfsangebot der Kirchen verzeichnet deutlich mehr Anrufe.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 08.04.2020

Strenge Ausgangsbeschränkungen, häusliche Isolation in einem vielleicht problematischen familiären Umfeld und Nachrichten über rasant steigende Infektions- und Todeszahlen: Die Corona-Pandemie ist für die meisten Menschen auch ein psychischer Stresstest. Das zeigt sich in diesen Tagen auch bei der von den beiden großen Kirchen gemeinsam organisierten Telefonseelsorge. Das bundesweite Beratungs- und Gesprächsangebot, das rund um die Uhr unter den Telefonnummern 0800-1110111 (evangelisch) und 0800-1110222 (katholisch) sowie per Webmail und Chat im Internet erreichbar ist, verzeichnet seit der Ankunft des Coronavirus in Deutschland eine deutlich erhöhte Nachfrage. Viele Beratungsstellen berichten derzeit von bis zu 50 Prozent mehr Anrufen als an normalen Tagen.

Zum Beispiel in Hamburg. "Wir registrieren etwa 50 bis 60 Prozent mehr Anrufe", so Frank Reuter, der Leiter der Telefonseelsorge in der Hansestadt, gegenüber der "Neuen KirchenZeitung". Fast die Hälfte aller Anrufe, die in diesen Tagen von den 45 ehrenamtlichen Telefonseelsorgern in der Stadt entgegengenommen würden, beträfen die Gefahren und Auswirkungen des Virus. Viele Anrufer hätten etwa Angst, im Notfall nicht ausreichend versorgt zu werden oder sich beim Klinikpersonal anzustecken. Andere wiederum fürchteten sich angesichts der seit mittlerweile rund zehn Tagen geltenden Kontaktsperre vor Einsamkeit.

"Corona in all seinen Facetten ist ein großes Thema"

Ähnliches berichtet auch Gunhild Vestner von der Telefonseelsorge in Recklinghausen. "Corona in all seinen Facetten ist ein großes Thema. Beispielsweise bedeutet für Menschen, die ohnehin Ängste haben und unter Depressionen leiden, diese Situation eine heftige Verstärkung", wird Vestner auf der Internetseite des Bistums Münster zitiert. Aber auch Menschen, die zu Hause zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung an ihre Grenzen stießen, riefen an. "Wir erleben die, die damit Schwierigkeiten haben. Auch das Thema Isolation spielt bei vielen eine Rolle", betont die Seelsorgerin. Sport und Bewegung fielen als Ausgleich zum Alltag derzeit weg, bewährte Alltagsrituale griffen nicht. Umso wichtiger sei es, gemeinsam mit den Anrufern Ressourcen aufzuspüren, um sie zu unterstützen.

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"Was wir jetzt gerade erleben, ist wirklich einmalig", ergänzt Stefan Schumacher, der die Telefonseelsorge im westfälischen Hagen leitet. Pausen gebe es für die vielen ehrenamtlichen Telefonseelsorger angesichts der erhöhten Nachfrage derzeit kaum. Auf der anderen Seite, so Schumacher, höre er von seinem Team, "dass die Menschen sehr dankbar sind, weil das Reden wirklich hilft".

In Berlin haben sich angesichts der Herausforderungen der Virus-Pandemie mehrere Einrichtungen zu einem speziellen Corona-Seelsorgetelefon (030-403665885) zusammengeschlossen. Auch dieses Angebot, das von der Notfallseelsorge/Krisenintervention Berlin gemeinsam mit der Telefonseelsorge und der Krankenhausseelsorge betrieben wird, verzeichnet seit seinem Start am 20. März steigende Anrufzahlen. Im Vordergrund stünden derzeit vor allem die Sorgen und Ängste der Menschen vor weiteren Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, so die Betreiber.

Zuhören am Telefon als "erste Hilfe für die Seele"

Derzeit können den Angaben zufolge knapp 50 Seelsorger die Anrufe am Corona-Seelsorgetelefon entgegennehmen. Auch bei den Notrufen der Polizei und der Feuerwehr in der Hauptstadt sei die Nummer des Seelsorgetelefons hinterlegt. "Gerade in diesem Ausnahmezustand lassen wir niemand alleine. Zuhören und am Telefon erste Hilfe für die Seele leisten ist uns jetzt besonders wichtig", sagt der Beauftragte für Notfallseelsorge in Berlin, Pfarrer Justus Münster. Viele Telefonhotlines böten Rat und Hilfe, aber kein dezidiert seelsorgliches Angebot. "Das fehlte, glaube ich", ergänzt Norbert Verse vom Erzbistum Berlin. "Diese Lücke können wir mit dem Corona-Seelsorgetelefon schließen", hofft er.

Angesichts der großen Nachfrage haben viele Telefonseelsorgestellen ihr Personal in den vergangenen Tagen aufgestockt. "Wir sind sowohl im Chat als auch am Telefon durch Doppelbesetzungen und erweiterte technische Voraussetzungen besser erreichbar", erläutert Gunhild Vestner. Gut 100 Ehrenamtliche garantierten, dass das Angebot rund um die Uhr besetzt sei. Mehr noch: Es meldeten sich auch ehemalige Telefonseelsorger, um ihre Unterstützung anzubieten. Somit verfüge das Hilfsangebot in Recklinghausen über mehr Ressourcen als üblich. "Die wir auch einsetzen. Die Motivation unserer Leute ist top", lobt Vestner.

Eine Seniorin schaut traurig aus dem Fenster

Viele Menschen leiden in diesen Tagen der bundesweiten Ausgangsbeschränkungen unter Einsamkeit und Ängsten.

Ein Problem aber haben fast alle Telefonseelsorgestellen: Viele ihrer Ehrenamtlichen gehören aufgrund ihres Alters selbst zur Corona-Risikogruppe der über 60- und 70-Jährigen. "Einige lassen deshalb ihre Tätigkeit ruhen", erzählt der Hamburger Frank Reuter. Dennoch seien zumindest in der Hansestadt derzeit alle Tagesschichten besetzt. "Das ist ein Top-Engagement", so Reuter. Nur nachts entstünden momentan Lücken.

Soziale Isolation als "psychischer Jetleg"

Großen Seelsorgebedarf sieht der Düsseldorfer Telefonseelsorger Ulf Steidel in der momentanen Krise vor allem bei geselligen und aktiven Menschen. Diese hätten "eine sehr große Anpassungsleistung zu erbringen." Die Anpassung an die soziale Isolation, oft verbunden mit Einsamkeit und Ängsten, sei ein "psychischer Jetlag". Große Unterschiede beobachtet Steidel im Umgang der Generationen mit der gegenwärtigen Situation. Die Nachkriegsgeneration und vor allem die "Vollkasko-Generation" der Jüngeren seien gewohnt, immer alles verfügbar und sofort zu haben. "Für die entsteht plötzlich Stress beim Blick in leere Regale, das ist eine enorme Umstellungsleistung: Wie gehe ich damit um?" Dagegen könnte die Älteren sowie Menschen aus Ostdeutschland mit Mangelsituationen besser umgehen, sie hätten "Einlagerungskompetenzen" entwickelt. Die viel kritisierten Hamsterkäufe seien so gesehen nicht nur negativ zu bewerten.

Nach Beobachtung des Düsseldorfer Telefonseelsorgers löst die Krise zwei unterschiedliche Phänomene aus: Während bei den einen Sorgen, Ängste und psychische Probleme "getriggert" würden, zeigten viele andere deutliche Resilienzfaktoren wie Nachbarschaftshilfe und Gemeinsinn. "Corona hilft uns, den Horizont zu erweitern und aus der Individualisierung heraus in den sozialen Raum zu gehen", so Steidel.

Von Steffen Zimmermann