Kolumne: Mein Religionsunterricht

"Für das Leben lernen wir": Vom Sinn gut gemeinter Ratschläge

Aktualisiert am 05.11.2021  –  Lesedauer: 

Bonn/Trier ‐ In der Schule soll man Dinge lernen, die einem fürs Leben nützen. Doch es liegt oft ein großer Unterschied zwischen dem, was Lehrer und Schüler darunter verstehen. Elisabeth Maximini-Kirchen berichtet von einer erkenntnisreichen Religionsstunde.

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Bevor ich Ihnen erzähle, wann und warum ich ganz schön ratlos vor einer Gruppe schweigender Jugendlicher saß, will ich von Ihnen etwas wissen, was wir später noch brauchen: Haben Sie schon mal einen Ratschlag bekommen? Und wenn ja – wovon ich ausgehe – wann haben Sie sich darüber gefreut und wann waren Sie einfach nur genervt? Merken Sie sich Ihre Antwort für später.

Nun aber los. Ein Erlebnis aus der letzten Zeit. Meine Klasse: Schülerinnen um die 15 Jahre. Das Ziel ist, in einem Jahr eine Ausbildung zu beginnen. Und aktuell sind sie einmal wöchentlich in einem Praktikum. Ich kann mir nur vorstellen, wie sich diese Lebensphase anfühlen muss. Auf dem Sprung sein, aber nicht so richtig wissen, wohin man kommt. Und zwischendurch immer wieder ins Praktikum und sich beweisen, damit vielleicht eine Ausbildung dabei rausspringt.

Im Unterricht bringe ich deshalb einen ganzen Stapel Bilder mit, es geht um das neue Thema "Halt im Leben". Eine Bilderreihe, die ich schon öfter eingesetzt habe und die – bisher – immer Anklang fand. Die Idee ist die: über die Bilder ins Gespräch kommen. Erkennen, was mir Halt gibt und dass es bei anderen auch so oder ganz anders ist. Dann die Relevanz des Themas für mein eigenes Leben erkennen – fachlich vertiefen. Und so weiter. Nun aber schweigt mich meine kleine Gruppe an. So still war es noch nie im Unterricht. Und so lange blieb auch die letzten Unterrichtswochen keiner auf seinem Platz sitzen. Ich hätte es genießen können, diese ungewohnte Ruhe. Ich aber fühlte mich ratlos, denn ich hatte keine Ahnung, woran es lag und entschied mich, mich zu "outen". "Ich habe gerade keine Ahnung, warum das nicht klappt… Was ist los?"

In der ganzen Vorbereitung darauf, eine Berufsreife aufzubauen, bieten wir unseren Schülerinnen viele Fächer, Inhalte und Themen an, die uns als wichtig erscheinen. Es ist nun einmal die Natur eines Bildungskanons, dass man sich auf Kernelemente einigt. Und bei jedem Thema soll es darum gehen, dass man "es im Leben braucht".

Ich finde das absolut richtig und gleichzeitig so was von falsch. Niemand von uns weiß, was man in der Zukunft brauchen wird. Vor allem nicht, was eine uns fast fremde Person in der Zukunft benötigt, um ein Leben zu führen, das sie im besten Fall als gelungen und glücklich bezeichnen wird. Für diese Klasse und Schulform haben wir uns im Lehrerteam im Vorfeld des Schuljahres den Kopf zerbrochen, Altes überdacht, Neues versucht. Kurz: uns richtig reingehangen.

Und nun steh' ich da, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

„Niemand von uns weiß, was man in der Zukunft brauchen wird. Vor allem nicht, was eine uns fast fremde Person in der Zukunft benötigt, um ein Leben zu führen, das sie im besten Fall als gelungen und glücklich bezeichnen wird.“

—  Zitat: Elisabeth Maximini-Kirchen

Aber meine Schülerinnen helfen mir aus meiner Misere und beklagen, dass sie etwas lernen wollen, was sie "für das Leben" und "das Praktikum" brauchen. Ok, alles klar. Was braucht ihr denn?

Steuern! Wofür man Geld ausgibt! Was soll Frau Maximini denn im Unterricht dazu machen, welche Klamotten du kaufst? Nein, sowas wie Miete zahlen. Was alles kostet eben.

Mathe! Mathe? Euer Ernst? Ihr seid ja die erste Klasse, die unbedingt Mathe machen will!

Für das Praktikum und die Ausbildung braucht man Mathe! "Ich kann da doch nicht das Handy rausholen Frau Maximini, für alles so auszurechnen." Ok, hört sich plausibel an.

Wie man sich ernährt. "Wie meinst du das – wie man sich ernährt?" – "Naja, was man essen kann, damit man gesund bleibt. Das ist doch wichtig. Und überhaupt wie man gesund bleibt und was man macht, wenn einer krank wird. Im Praktikum seh’ ich Menschen, die richtig krank sind." 

Recht haben sie. Kann ich so unterschreiben. Ich erkläre also, was Religionsunterricht leisten kann und dass es Themen gibt, die diese Wunschthemen anschneiden. Ich nenne mehrere Themen, die ich für diese Klasse wichtig finde.

Die Aufzählung meiner – von meinen Ausführungen völlig unbeeindruckten – Schülerinnen geht weiter. Was sie sonst noch als wichtig empfinden: Wie man mit Trauer umgeht. Wer entscheiden darf, wann und wie man stirbt. Wie wichtig Familie ist. Wen man lieben darf. Welche Kulturen es gibt und wie man mit Menschen umgeht, die an etwas Anderes glauben.

An dem Punkt muss ich feststellen: Wenn das nächste Mal der Lehrplan für Katholische Religion überarbeitet wird, können wir uns eine lange Erarbeitungsphase sparen und anstatt dessen in einer Schulstunde mit meiner Klasse Themen sammeln. Ich habe bei einem Großteil der Aussagen das Gefühl, den Lehrplan vor mir zu haben. Und nein, die Schülerinnen sagen mir nicht das, was ich hören will. Das kann ich hier sehr sicher und mit einem Schmunzeln behaupten.

Und jetzt verrate ich Ihnen noch etwas. Das Thema, das wir sechs Wochen lang vor dieser Stunde behandelten, hat sehr viel von dem, was meine Schülerinnen sich wünschten, vereint. Sogar Mathe war mit dabei. Und Gesundheit. Ich habe wirklich lange daran rumgebastelt, um alles unterzubekommen. Und dennoch haben meine Schülerinnen es nicht wahrgenommen und es nicht als relevant erfahren.

Linktipp: Der Religionsunterricht ist Herzensbildung

Die Erkenntnisse des Religionsunterrichts bringen Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung enorm voran, betont Lehrer Heinz Waldorf. Neben Naturwissenschaften und Sprachen hat der Religionsunterricht für ihn daher seine volle Berechtigung.

Ich habe mal wieder etwas dazu gelernt. Ich glaube, es lag daran, weil sowohl meine Unterrichtsreihe als auch mein Bildereinstieg wie ein "guter Tipp" waren, den man ungefragt bekommt.

Haben Sie die Frage am Anfang der Kolumne beantwortet? Wie ist das bei Ihnen? Wenn Ihnen jemand ungefragt etwas rät, was Sie "unbedingt" einmal machen, lassen, ausprobieren sollen. In den meisten Fällen will man dies dann weder wissen noch hören. Und so war es meiner Meinung nach hier auch.

Zur Natur des Religionsunterrichts gehört es nämlich, dass er Themen ermöglicht, die uns angehen. Die existentiell, intim sein können. Und gerade das sind doch Themen, bei denen ich keinen Ratschlag – ungefragt! – haben will. Das unterscheidet dieses Fach sehr oft von anderen Fächern. Und in die Richtung geht es auch, was Faust schon wusste:

… Und ziehe schon an die zehen Jahr'
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Was ist nun aus den schweigenden Jugendlichen geworden? Wir haben ein neues Thema angefangen. Grob: Religionen und Kulturen. Hatte ich sowieso vor, in dem Schuljahr zu behandeln. Auch wenn das Ergebnis das Gleiche zu sein scheint: Es macht einen Unterschied, ob ich das Thema vorgebe, oder wir gemeinsam feststellen, ob es für uns alle relevant ist.

Von Elisabeth Maximini-Kirchen

Die Autorin

Elisabeth Maximini-Kirchen ist Religionslehrerin an einer berufsbildenden Schule in Trier.

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