Standpunkt

Mut und Wut: Corona lässt Ost-West-Konflikte hervortreten

Schachfigur
Bild: Fotolia.com/Roma

32 Jahre liegt der Mauerfall inzwischen zurück. Heute jährt sich erneut jene denkwürdige Pressekonferenz mit Günther Schabowski, die in der Folge Mauern niederriss und Freiheit schenkte. Eine ganze Generation ist in einem Land groß geworden, das Wohlstand für alle verspricht und erlebbar macht, wie aus verschiedenen Meinungen ein Konsens gefunden werden kann, der – bei aller Verschiedenheit – eine ganze Gesellschaft in Freiheit trägt.

Aber wenn Sachsen und Thüringen das bundesweite Inzidenzranking – mit Abstand – anführen, die Landkarte bei Bundestagswahl sich fast flächendeckend blau färbt und im Fußballstadion des Zweitligisten Aue ein Großbanner mit der Aufschrift "Kretschmer, du willst Sachse sein? Verhältst dich wie ein Wessischwein" kaum mehr für Empörung sorgt, dann sollte die Republik intensiver darüber diskutieren, wie wir übereinander sprechen, wie wir füreinander Verständnis finden und an welchen Stellen wir uns ehrlich sagen müssen, dass es so nicht weitergeht. Nach dem Aufruhr im Osten der Republik in Folge der Migrationswelle wird die Pandemie zum erneuten Anlass, eine vollständige Systemunzufriedenheit zur Schau zu tragen. Sie stellt aber keinen Ausdruck von Freiheitsdrang dar, sondern delegitimiert mit ihrer Wut sich selbst und dynamisiert Gewaltausbrüche, die über das Verbale hinausgehen.

Die vierte Welle der Pandemie macht gerade im Kernland der Friedlichen Revolution deutlich, dass zu viele nicht mit der für sich proklamierten "Eigenverantwortung" umgehen können. Schon in den kommenden Tagen wird das Leid sichtbarer und die Krankenhäuser zum Ausfliegen von Patienten genötigt sein. Es wird jener Zeitpunkt sein, wo zu wenige sehen, wie sehr die Solidarität in diesem Land über die Grenzen eines Freistaats hinaus tragen kann. Und wie hilfreich es gewesen wäre, wenn man nicht stolz auf den eigenen Widerstand gewesen wäre, sondern demütig die Gefahr von Corona anerkannt hätte. Wut und Mut sind eben nicht zwangsweise zusammengehörig. Es ist eben nicht eine Selbstermächtigung wie 1989, sondern die Beherrschung einer Pandemie im Jahr 2021.

Und die Kirchen? Es wird schwer für sie werden, in dem polarisierten gesellschaftlichen Umfeld Räume zu schaffen, um über Verantwortung, Vergänglichkeit, Schuld und Solidarität zu sprechen –  und damit sowohl die Geimpften als auch die ungeimpft Genesenen anzusprechen. Es zu versuchen, sollte die Maxime im vierten Jahrzehnt des Mauerfalls sein. Denn es geht nach der Pandemie – weiter und vielleicht noch viel mehr – um Versöhnung.

Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.