Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989
Trotz neuer Herausforderungen sei Freude geboten

Deutsche Bischöfe: Mauerfall ist Wunder und bleibender Auftrag

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Eine Sternstunde der deutschen Geschichte, betonen die deutschen Bischöfe. Dennoch dürfe man die damit verbundenen Herausforderungen nicht leugnen. Zudem sei der 9. November auch ein Tag der Mahnung.

Berlin - 09.11.2019

Die deutschen Bischöfe haben am 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer die friedliche Revolution in der DDR vom Herbst 1989 gewürdigt. Damals habe die Welt auf die Ereignisse geblickt, "voller Staunen und Anerkennung, dass eine Revolution ohne Waffengebrauch und Blutvergießen möglich war", sagte der Berliner Erzbischof Heiner Koch am Samstag im rbb-Radio. Daraus erwachse ein bleibender Auftrag für die Deutschen, sich für eine Welt ohne Mauern einzusetzen. "Dabei geht es mir nicht nur um Mauern aus Stein und Stacheldraht, sondern auch um so manche Mauer in den Köpfen", betonte Koch.

Mit Blick auf eine derzeit kritischere Sicht auf die deutsche Wiedervereinigung und deren Folgen fügte der Erzbischof hinzu: "Auch wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt durch neue Probleme und Herausforderungen immer wieder in Frage gestellt ist – wir sollten uns an einem Tag wie heute wieder mehr über die Sternstunde der jüngsten deutschen Geschichte freuen und diese Freude auch zeigen."

Feige: "Freiheit für viele grauer als der Traum von ihr"

Auch laut dem Magdeburger Bischof Gerhard Feige erwächst aus dem friedlichen Mauerfall eine Verantwortung für die Gegenwart. "Inzwischen ist die errungene Freiheit für viele grauer als der Traum von ihr", sagte Feige am Samstag in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Überall in Europa nähmen Ressentiments und Abgrenzungen wieder zu und komme es zu Polarisierungen und Übergriffen.

Feige bat um Gottes Beistand für Politik und Kirchen, "wirksam und geistvoll für Gerechtigkeit und ein menschenfreundliches Miteinander einzutreten". Auch beim Gelingen der friedlichen Revolution in der DDR habe "Gott selbst ein Zeichen gesetzt und unser Tun mit seiner Hilfe begleitet", so Feige. "Hier ist weder Berechenbares noch rein Zufälliges geschehen. Hier war nicht nur das Maß voll und die Zeit reif. Hier sind auch nicht allein Menschen am Werk gewesen", betonte der Bischof. Zugleich rief er dazu auf, "die Erinnerung an die vielen wachzuhalten, die mit dazu beigetragen haben, dass ein Unrechtssystem gewaltlos zu Fall kam, die Einheit unseres Landes wiederhergestellt werden konnte und Europa danach versöhnter denn je in Erscheinung trat".

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Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bezeichnete den Fall der Berliner Mauer als "Wunder". "Aus einem Todesstreifen wurde an vielen Stellen ein grünes, lebendiges Band des Lebens", sagte er am Samstag dem Internetportal domradio.de. Zwar gebe es immer noch Probleme zwischen Ost und West, die er nicht kleinreden wolle und die gelöst werden müssten. Sie seien ihm in seiner Zeit als Berliner Erzbischof vielerorts begegnet. "Aber das trübt nicht unsere große Freude über die Wiedervereinigung", sagte Woelki.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße würdigte bei einer ökumenischen Gedenkfeier in Ratzeburg den mutigen Kampf der Ostdeutschen gegen Unterdrückung und Unrecht in der früheren DDR. "Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall bin ich immer noch ergriffen und begeistert von dem Mut der damaligen DDR-Bürger, mit dem sie einen ganzen Staat zu Fall gebracht haben", sagte Heße. Natürlich habe die Teilung auch Narben hinterlassen, aber genau da beginne die heutige Aufgabe. "Wir müssen uns auch nach 30 Jahren jeden Tag um Heilung und damit um die Einheit bemühen", so der Erzbischof, dessen Bistum auch den ostdeutschen Landesteil Mecklenburg umfasst.

Neymeyr: Den 9. November 1938 nicht vergessen

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr mahnte auch zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Pogrome vor 81 Jahren. Bei aller Freude über die friedliche Revolution in der DDR dürfe nicht vergessen werden, "dass der 9. November auch der Tag des Gedenkens an die Zerstörung jüdischer Gotteshäuser, Einrichtungen und Geschäftshäuser ist", sagte Neymeyr am Samstag in Treffurt-Großburschla. Das Gedenken an den Fall der Berliner Mauer dürfe die "Erinnerungskultur an die Schoa" nicht verdrängen.

Zugleich würdigte Neymeyr die friedliche Revolution als ein "Werk vieler, denen Dank und Anerkennung gebührt und auf die alle Deutschen zu Recht stolz sein können und stolz sein sollten". Der Bischof hob auch die negativen Folgen der Wende für viele DDR-Bürger hervor. "Was verharmlosend als gebrochene Erwerbsbiografie bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine brutale Lebenserfahrung für viele Menschen gewesen, an deren Folgen sie noch immer zu tragen haben: Einarbeiten in einen neuen, oft schlecht bezahlten Beruf, langjährige Arbeitslosigkeit und als deren Folge heute eine geringe Rente oder zerrissene Familien." Er äußerte "die Hoffnung, dass nicht neue Grenzen gezogen werden, sondern dass sich Grenzen öffnen, die Hoffnung, dass die Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, aufgearbeitet werden können, und die Hoffnung, dass innere Einheit unseres Landes weiter vorankommt". (mal/KNA)