Heiligenpaar Sergius und Bacchus dient Homosexuellen als Vorbild

Die Verbrüderungsliturgie – ein Segen für gleichgeschlechtliche Liebe?

Aktualisiert am 31.12.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Derzeit wird in der katholischen Kirche um einen Segen für homosexuelle Partnerschaften gerungen. Doch gab es in der Kirchengeschichte bereits Segnungen für Liebende des gleichen Geschlechts? Ein Blick auf die Auseinandersetzung um die Verbrüderungsliturgie und das Heiligenpaar Sergius und Bacchus.

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"Liebe gewinnt" – unter diesem Motto wurden im Mai in vielen Kirchen in Deutschland homosexuelle Paare gesegnet. Doch nicht erst seit dieser Aktion oder dem Synodalen Weg, bei dem sich ein Forum mit der Erneuerung der katholischen Sexualmoral befasst, wird die Frage nach einer kirchlichen Segnung schwuler und lesbischer Partnerschaften gestellt: Bereits mehrere Jahrzehnte lang fordern reformorientierte Gläubige eine liturgische Würdigung gleichgeschlechtlicher Liebe – die es in der katholischen Kirche offiziell bislang nicht gibt. Doch hat es in der Vergangenheit bereits einen Segen für homosexuelle Beziehungen gegeben? Diese These vertrat jedenfalls John Boswell. Der US-amerikanische Historiker sah in den Legenden über die beiden frühchristlichen Heiligen Sergius und Bacchus einen Beleg dafür, dass die Kirche homosexuellen Beziehungen früher nicht immer feindselig gegenüberstand.

Von den beiden Märtyrern aus dem 4. Jahrhundert ist überliefert, dass sie als Offiziere in den Grenztruppen der römischen Armee in Syrien gedient haben. Sie wurden um das Jahr 303 wegen ihres christlichen Glaubens an ihre Vorgesetzten verraten und sollten zum Beweis ihrer Treue zu Kaiser und Reich vor einer Statue des Gottes Jupiter Opfer darbringen. Als sie sich weigerten, folgte die Hinrichtung: Nach der Folter wurde Bacchus zu Tode gepeitscht und Sergius enthauptet, nachdem er das Leiden seines Freundes mitansehen musste. Bei ihrem Martyrium wurden sie gezwungen, zur Demütigung Frauenkleider zu tragen. Am Grab der beiden Glaubenszeugen in Resafa im Norden Syriens entstand ein reger Märtyrerkult, der zur Verbreitung des Christentums in der Region beitrug und bis nach Westeuropa ausstrahlte. So wird Sergius etwa bis heute in der italienischen Stadt Triest verehrt, wo sich seine Hellebarde befinden soll, die der Legende nach nicht rostet und ihre Vergoldung ewig beibehalten wird.

Mehr als eine typische Heiligenlegende?

Was wie eine typische Heiligenlegende aus den ersten Jahrhunderten der Kirche klingt, beschreibt nach Ansicht von Boswell eine besonders enge Beziehung zwischen Sergius und Bacchus. Denn in dem ältesten Bericht über das Martyrium der beiden Heiligen aus dem 5. Jahrhundert werden sie als "durch die gegenseitige Liebe miteinander vereint" bezeichnet. Auf einer Darstellung knapp 200 Jahre später wird das Heiligenpaar sogar mit Stilmitteln gezeigt, die in der römischen Kunst für Bildnisse von Eheleuten verwendet wurden. Schließlich machte Boswell eine Verbindung der beiden Märtyrer mit einem heute nahezu vergessenen kirchlichen Ritus aus: der Verbrüderungsliturgie.

Sergius und Bacchus
Bild: ©Shakko (Wikimedia Commons)

Eine Ikone aus dem 6. oder 7. Jahrhundert zeigt die Heiligen Sergius und Bacchus. Das Bild befindet sich im Khanenko-Museum in Kiew (Ukraine).

Der "Adelphopoiesis" genannte Ritus diente dazu, zwischen zwei Männern – seltener zwei Frauen – ein künstliches Verwandtschaftsverhältnis herzustellen, das von der Kirche besiegelt wurde. Diese auf Dauer angelegte Beziehung zwischen zwei Personen konnte parallel zu einer Ehe bestehen und hatte neben der Festigung der Freundschaft der künftigen "Brüder" auch ganz praktische Gründe: So versprachen sich die teilnehmenden Männer gegenseitig Waffenschutz oder die Versorgung der Hinterbliebenen des jeweils anderen. Damit ist die Verbrüderung teilweise vergleichbar mit der gesellschaftlichen Funktion der Patenschaft, die oft bis heute neben dem religiösen Aspekt den Zweck hat, ein Kind beim Tod seiner leiblichen Eltern abzusichern. Nicht umsonst heißt sie auf Latein "compaternitas", also Mit-Elternschaft.

Liturgische Zeichen der Verbundenheit

In byzantinischen Manuskripten vom 9. bis zum 15. Jahrhundert finden sich Beschreibungen der Verbrüderungsliturgie, die der russische Theologe Pawel Florenski 1914 in ihren Kernelementen zusammenfasste. Die beiden zu verbrüdernden Männer stellten sich vor dem Altar in einer Kirche auf, wobei jedoch nicht immer ein Geistlicher anwesend sein musste. In Gebeten und Litaneien wurde darum gebetet, dass beide durch die Liebe zueinander vereint würden. Dabei wurde auch auf bekannte Heiligenpaare hingewiesen, die als leuchtende Vorbilder der Freundschaft galten, wie die heiligen Cosmas und Damian, die Apostelfürsten Petrus und Paulus oder besonders die Märtyrer Sergius und Bacchus. Zum Zeichen der Vereinigung wurden die "Brüder" mit einem Gürtel aneinandergebunden, während ihre Hände das Evangeliar berührten.

Lesungen aus dem Hohenlied der Liebe des Ersten Korintherbriefs und aus dem Gebet Jesu für die Einheit seiner Jünger im Johannesevangelium gingen dem gemeinsamen Vaterunser voraus. Anschließend wurden die beiden Männer um den Altar herumgeführt, während sie sich an den Händen hielten. Vor dem Ende der Liturgie wurden zudem freundschaftliche Küsse ausgetauscht. Da einige Riten und Texte der "Adelphopoiesis" mit denen der Eheschließung in der Orthodoxie übereinstimmten, hielt Boswell sie in Veröffentlichungen der 1990er-Jahre für eine Form der kirchlichen Anerkennung von homosexuellen Beziehungen. Er ging davon aus, dass sogar sexuelle Handlungen innerhalb dieser Verbindung von der Kirche geduldet wurden.

Ruinen in Syrien
Bild: ©Bertramz (Wikimedia Commons), CC BY 3.0

Die Basilika des heiligen Sergius in Resafa (Syrien) ist heute eine Ruine. In der Spätantike war sie ein bedeutender Wallfahrtsort der Region.

Kritiker warfen dem Historiker, der als einer der Begründer der Queer Studies gilt, eine bewusste Umdeutung der Quellen vor: Boswell sehe einen nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen ritueller Verbrüderung und Ehe, weil er Belege finden wolle, dass die Kirche in der Vergangenheit auf Homosexualität tolerant reagiert habe. Von orthodoxer Seite wurde ihm eine totale Unkenntnis der Liturgie der Ostkirche vorgehalten. Außerdem schlossen Theologen einen kirchlichen Segen für sexuelle Beziehungen zum gleichen Geschlecht konsequent aus: Es gebe keine Zweifel daran, dass die Verbrüderungsliturgie eine "keusche Freundschaft" zum Ziel gehabt habe. Boswell würde durch seine falsche Interpretation des Ritus "kulturelle Aneignung" betreiben. Er projiziere auf anachronistische Weise Vorstellungen von Paaren, die ihre Homosexualität offen ausleben könnten, aus dem 20. Jahrhundert in die antike Vergangenheit, die ein solches Lebensmodell nicht gekannt habe. Diese Debatte unter Historikern und Theologen schlug sogar Wellen bis in Politik und Gesellschaft hinein.

Sergius und Bacchus auf Ikone bei Christopher-Street-Day

Auch wenn nach Ansicht vieler Forscher die historischen Fakten dafürsprechen, dass die Verbrüderungsliturgie von der Kirche nicht als Würdigung homosexueller Liebe gedacht war, sehen Segens-Befürworter auch Hinweise darauf, dass sie von gleichgeschlechtlichen Partnern bewusst eingegangen wurde. So seien etwa auf englischen und irischen Friedhöfen vereinzelt Gräber von zwei Männern zu finden, die durch die "Adelphopoiesis" verbunden waren und auf ihrem Grabstein Liebesbotschaften verewigten. In bestimmten Kreisen der Schwulen- und Lesbenszene gelten aufgrund der Theorien Boswells die Heiligen Sergius und Bacchus als eines der ersten homosexuellen Paare der Kirchengeschichte und genießen Kultstatus. Der Franziskaner Robert Lentz fertigte vor einigen Jahren sogar eine Ikone an, die die Märtyrer als Partner zeigt und bei einem Parade zum Christopher-Street-Day mitgeführt wurde.

Ob die Verbrüderungsliturgie zur Frage eines offiziellen kirchlichen Segens für gleichgeschlechtliche Paare belastbare Hinweise liefern kann, ist fraglich. Doch ihre Liturgie könnte als Vorbild für einen neu zu ersinnenden Ritus dienen, der homosexuelle Liebe würdigt. Denn aus heutiger Sicht kann sie durchaus als romantisches Liebesbekenntnis verstanden werden. Boswell selbst kann keinen Beitrag mehr zu dieser Diskussion leisten: Er starb 1994 im Alter von 47 Jahren an den Folgen von Aids. Zeit seines Lebens sah er seine Aufgabe in der Widerlegung der Ansicht, dass der christliche Glaube die Ursache von Intoleranz gegenüber Homosexuellen sei. Boswell, der mit 15 Jahren zum Katholizismus konvertierte, soll täglich die Heilige Messe besucht haben. In einem Grab an der Seite seines langjährigen Partners fand er die letzte Ruhe. Seine Bemühungen haben dazu beigetragen, die Verbrüderungsliturgie wieder ins Bewusstsein von Gesellschaft und Kirche zu tragen – und waren ihm dabei auch ein sehr persönliches Anliegen.

Von Roland Müller