Impuls von Schwester Jordana Schmidt
Heute ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der Christkönigsonntag. Schon der nächste Sonntag ist der erste Advent. Ein neues Kirchenjahr beginnt. Das Jahr ist fast vorbei. Schon wieder! Bei diesem "Kirchensilvester", wie ich es gerne nenne, werde ich nachdenklich und schaue zurück. In den Medien verfolge ich die Politik, die darum ringt, eine Regierung zu bilden und ihre Ministerposten zu besetzen.
In diese Stimmung hinein lese ich den heutigen Text. Ich habe ihn bewusst das letzte Mal in den Kartagen gehört, als wir daran dachten, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Jetzt an diesem Sonntag lese ich ihn anders – sehe die Größe und Souveränität eines Jesus, der wirkliche Macht hat, sie aber nicht einsetzt, zumindest nicht als menschliches Machtgehabe. Er weiß, dass er sterben wird. Freiwillig. Das wird hier deutlich. Er bettelt nicht um Freiheit, verleugnet nicht seine Mission, schweigt nicht stur. Er lässt sich auf das Gespräch mit Pilatus ein, der nur ahnt, dass hier jemand vor ihm steht, der wirklich Macht hat, anders als er, der Handlanger Roms ist. Leisen Zweifel höre ich aus seiner Frage "Was ist Wahrheit?", vielleicht auch eine Sehnsucht? Er würde Jesus gerne verschonen, aber dazu fehlt ihm der Mut, sich gegen die Menge durchzusetzen. Jesus, der König, der so anders auftritt als jeder weltliche Machthaber, macht ihm Angst.
Jesus der König. Nicht das kleine Kind in der Krippe, nicht der Wanderprediger, Heiler, Messias. Ein Bild mit politischer Dimension. Und so sollte das Fest auch gesehen werden, als es 1925 in den Kirchenkalender aufgenommen wurde. Damals waren die Zeiten unruhig. Ein Krieg war überstanden, Königshäuser entmachtet. Neue Machthaber machten sich bereit. Und in diese Zeit hinein schallt es aus den Kirchen "Christkönig Halleluja". Unschuldig – machtvoll. Es hat auch damals nicht genutzt die weltlichen Mächte zu stoppen und den Tod unschuldiger Menschen zu verhindern. Aber es war ein Statement.
Mir ist das heute alles fremd. Königtum, Herrschaft, Reiche – liebe ich doch die Demokratie und die Freiheit, sich an Politik beteiligen zu dürfen – auch wenn es nur durch eine Wahl ist. Für meinen Glauben aber hole ich mir aus diesem Text die Kraft der Souveränität und der Hinwendung an Gott, der größer ist als all das. Einen Gott, der sich auf Machtspiele nicht einlässt, dafür in den Tod geht und damit bezeugt, dass seine Liebe zu uns Menschen grenzenlos ist. Ich hole mir die Kraft, standhaft zu bleiben, wenn mein Glaube an diesen liebenden Gott in Frage gestellt wird. In diesem Sinne – ein frohes neues Jahr mit dieser Kirche. Möge auch hier das Thema Macht sich wandeln in Macht zur Liebe zu Mensch und Erde.
Evangelium nach Johannes (Joh 18,33b–37)
In jener Zeit fragte Pilatus Jesus: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.
Da sagte Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
Die Autorin
Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel und war zwischen 2012 und 2020 Kinderdorfmutter. Heute lebt sie als SPLG Mutter (Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften) mit zwei Kindern in Krefeld. Momentan sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Zur Seite des KlostersAusgelegt!
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.
Zur Übersicht