Serie: Kirchen mit besonderem Profil – Teil 6

Sofas statt Chorgestühl: In dieser Kirche gibt die Jugend den Takt an

Aktualisiert am 27.11.2021  –  Lesedauer: 

Münster ‐ Ein Gotteshaus ausschließlich für Jugendliche? In vielen Bistümern gibt es eigene Jugendkirchen als Zentrum der diözesanen Pastoral für junge Menschen. Im Bistum Münster befindet sich diese lebendige Gemeinde in einer der ältesten Kirchen der Bischofsstadt. Ein Besuch in der Jugendkirche Münster.

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Die Kirche St. Martini ist eines der ältesten Gotteshäuser in Münster. Doch der Sakralbau, dessen Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, beherbergt die vom Altersdurchschnitt her wahrscheinlich jüngste Gemeinde der westfälischen Diözese: Denn das Gebäude mit der charakteristischen Turmhaube aus der Barockzeit ist die Heimat der "Jugendkirche Münster". Wer die nur knapp 500 Meter vom Dom entfernte Innenstadtkirche St. Martini betritt, mag sich im ersten Moment in einer protestantischen Kirche wähnen. Der helle Kirchenraum wirkt nüchtern, fast karg, denn weder sind Wände oder Decken ausgemalt noch schmückt eine Vielzahl von Heiligenstatuen das Innere – wie man es bei einer katholischen Kirche erwarten würde. Der Blick des Besuchers ist auf den einfachen Altar zentriert, der ein wenig erhöht aus dem Chor in das Hauptschiff hineinragt. Am auffälligsten ist jedoch, dass komplett auf Kirchenbänke verzichtet wird und lediglich einige Stuhlreihen als Sitzgelegenheit zur Verfügung stehen. Dadurch gewinnt die dreischiffige Hallenkirche eine Weite und Dynamik, die für die Liturgien der Jugendkirche von großer Bedeutung sind.

"Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen viel Freiheit zum Beispiel bei der Gestaltung der Gottesdienste haben", sagt Thorsten Löhring. Der 31-jährige Pastoralreferent und Leiter der Jugendkirche bezieht sich dabei zum einen auf die räumliche Situation: "Vor kurzem haben wir die Stühle weggeräumt und mit Sofas sowie Strandliegen ein gemütliches Setting geschaffen", so Löhring. Auch im Chorraum würden immer wieder Sofas stehen, die gemeinsam mit etwas Dämmerlicht eine "Chill-Area" bilden. "Die vielen positiven Rückmeldungen nach den Gottesdiensten zeigen, dass es bei den Jugendlichen gut ankommt, den Kirchenraum anders zu erfahren." Zum anderen liegt dem Hauptamtlichen-Team um Löhring viel daran, jungen Gläubigen einen Möglichkeitsraum für das Ausprobieren neuer Gottesdienstformen zu geben. "Die Jugendkirche ist dazu da, dass Jugendliche in ihr Verantwortung übernehmen und sie immer neu mitgestalten können." Sie seien die "Takt- und Impulsgeber" in St. Martini.

Thorsten Löhring
Bild: ©Jugendkirche Münster

Pastoralreferent Thorsten Löhring leitet die Jugendkirche Münster.

Jeder im Alter zwischen 14 und ca. 25 Jahren kann sich in der Jugendkirche engagieren, hebt Löhring hervor. "Meist sind es Schülerinnen und Schüler oder Studentinnen und Studenten, die sich für einen längeren Zeitraum oder auch nur punktuell einbringen." Der "harte Kern" der Jugendkirche besteht aus einem Kreis von 30 bis 40 jungen Menschen, unter denen eine große Vielfalt herrscht. "Etwa die Hälfte ist auch in ihren Pfarreien verwurzelt und bringt sich sowohl dort als Messdienerin und Messdiener oder Jugendleiterin und Jugendleiter als auch in der Jugendkirche ein", weiß Löhring. Die anderen Engagierten kommen aus einem eher kirchenfernen Umfeld und haben die Liturgien oder anderen Angebote in St. Martini im Rahmen von Schulgottesdiensten, durch die Firmkatechese oder auf Empfehlung von Freunden kennengelernt.

Jugendkirche musste sich in der Pandemie neu erfinden

"Viele Jugendliche lernen uns auch im Schülercafé 'Lenz' kennen, direkt neben der Kirche." Löhring, der seit 2016 bei der Jugendkirche arbeitet und sie seit vergangenem Jahr als erster Nicht-Priester leitet, verantwortet auch die offene Jugendarbeit im "Lenz", die Schülern am Nachmittag einen Ort zum "Chillen und Quatschen" bietet, wie es auf der Internetseite der Jugendkirche heißt. In den vergangenen Jahren sind die Überschneidungen der engagierten Jugendlichen zwischen Schülercafé und Jugendkirche gestiegen, stellt Löhring fest. Die meisten von ihnen kommen aus dem Stadtgebiet von Münster oder der näheren Umgebung. Doch ein positiver Effekt der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Digitalisierung sei gewesen, dass man auch junge Leute aus anderen Regionen des Bistums habe ansprechen können. "Nun stehen wir vor der Herausforderung, wie wir diese Jugendlichen auch über die Pandemie hinaus weiterhin erreichen und ihnen ein Engagement ermöglichen können."

Während Corona musste sich die Jugendkirche neu erfinden: Die Gottesdienste wurden etwa als Videoübertragungen ins Internet verlegt. Gemeinsam mit dem Kreis der Engagierten überlegten die Hauptamtlichen, zu denen derzeit neben Löhring eine weitere pastorale Mitarbeiterin und ein Küster gehören, was die Jugendlichen jetzt brauchen. "Bei unseren regelmäßigen Treffen entscheiden wir alle gleichberechtigt, egal ob Jugendliche oder Hauptamtliche", sagt Löhring. Beteiligung und Übernahme von Verantwortung durch die jungen Gläubigen werden in der Jugendkirche großgeschrieben, auch wenn es sich bei dem Kreis der Engagierten nicht um ein gewähltes Gremium handelt. Es wurde im vergangenen Jahr zum Beispiel schnell klar, dass den Jugendlichen in der Pandemie Konzerte und Festivals fehlen. "Ein damals 18-Jähriger aus der Jugendkirche organisierte daher fast allein ein kleines Livestream-Festival aus unserer Kirche", so Löhring.

Bischof Genn in der Jugendkirche Münster
Bild: ©Jugendkirche Münster

Im Instagram-Format "Ask the bishop" stellt sich der Münsteraner Bischof Felix Genn den Fragen der Jugendlichen.

Ein weiteres Format aus der Corona-Zeit ist die Veranstaltungsreihe "Ask the bishop", die im sozialen Netzwerk Instagram gestartet ist, bei dem sich der Münsteraner Bischof Felix Genn Fragen der Jugendlichen stellt. Klassische "heiße Eisen" wie das Thema Pflichtzölibat kommen ebenso vor wie persönliche Fragen ("Hat ein Bischof noch Zeit, seine Freunde zu besuchen?"). Mittlerweile finden die Veranstaltungen monatlich in der Jugendkirche und an anderen Orten in den Regionen des Bistums statt. Dabei sitzt der Bischof auf einem Sofa, während die Kirche in Neon-Farben ausgeleuchtet wird. Musik und Gebete rahmen die Veranstaltung, zu denen aktuell auch Besucher in der Jugendkirche zugelassen sind. "An diesem Format nehmen besonders Firmgruppen teil", so Löhring.

Wie junge Erwachsene aus Engagement in Jugendkirche herausbegleiten?

Nicht nur gezwungen durch Corona verändert sich die Jugendkirche Münster. "Wir befinden uns seit 2019 in einem großen Relaunch-Prozess", berichtet Löhring. "Wir wollen unser Konzept grundlegend neu aufstellen, um vor allem der Zielgruppe selbst eine größere Mitverantwortung bei der Gestaltung und Durchführung von Angeboten zu ermöglichen." Einer der ersten Schritte war, den Namen "effata!" abzulegen, den die Jugendkirche im Bistum Münster seit ihrer Gründung 2002 trug. Dieser Name ist zu einem großen Teil mit stimmungsvollen Gottesdiensten am Sonntagabend verbunden, die von moderner Kirchenmusik begleitet werden. Als das Team der Jugendkirche im Oktober 2019 verkündete, wegen der Neuausrichtung etwa die "effata!"-Messen am Sonntagabend nicht mehr veranstalten zu wollen, führte das auch zu großem Unmut in der Gottesdienstgemeinde, der die etwas anderen Liturgien so wichtig geworden war. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet und ein großes Team von Ehrenamtlichen verantwortet unter dem Hastag "#feiernwir" die Gottesdienste am Sonntagabend, die nach wie vor jede Woche in der Martinikirche gefeiert werden.

Für Löhring stellt sich inmitten der Phase der Neukonzipierung der Jugendkirche die Frage, wie man einen guten Start- und vor allem Endzeitpunkt für ein Engagement bestimmt: "Wir müssen junge Erwachsene auch aus ihrem Engagement an der Jugendkirche auf eine gute Weise herausbegleiten." Für den Familienvater ist klar, dass eine hohe Fluktuation bei einem Ort wie der Jugendkirche Münster immer mitgedacht werden muss, damit das pastorale Angebot am Puls der Jugendlichen bleibt. Zu letzterem gehört für ihn auch eine große Freiheit: "Wir müssen uns von bestimmten traditionellen Formaten freimachen, wie etwa der Vorstellung, dass es jeden Sonntag oder an allen Hochfesten eine Messe oder einen Gottesdienst in der Jugendkirche geben muss." Seit Löhring die Leitung der Jugendkirche übernommen hat, wurden bislang ausschließlich Wortgottesdienste gefeiert.

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Der Religionspädagoge sieht das nicht unbedingt als Nachteil: "So sind wir freier in der Gestaltung der Liturgien und können die Ideen der Jugendlichen bei den Themen und Abläufen einfacher umsetzen." Außerdem würden nicht mehr alle jungen Menschen die Eucharistie als "höchste Form der Liturgie" verstehen. "Eine einfachere Form ist daher zur Heranführung an die Messe wesentlich angemessener und ein Experimentierfeld für eine würdige Feier der Liturgie." Doch natürlich würde man auch einen Priester zur Feier der Eucharistie einladen, wenn die Jugendlichen das wünschten. Das Bistum Münster gebe der Jugendkirche einen großen Vertrauensvorschuss und freie Hand zu entscheiden, so Löhring. Die Jugendlichen würden dieses Vertrauen auch nicht enttäuschen.

In einigen Monaten ist der Veränderungsprozess abgeschlossen, bei dem die junge Gemeinde an St. Martini von Experten des Zentrums für angewandte Pastoralforschung der Universität Bochum begleitet wird. Für Löhring steht bei der Neuausrichtung das im Fokus, was den Erfolg einer Jugendkirche ausmacht: "Das sind nicht hohe Besucherzahlen, sondern die Übernahme von Verantwortung durch die jungen Menschen." Die junge Gemeinde soll ein Ort sein, an dem Jugendliche Kirche immer wieder neu als an ihrem Leben interessiert und Ort der Beteiligung erfahren. "Kirche muss ihnen etwas zutrauen", sagt Löhring.

Von Roland Müller