Kultur in der Kirche habe sich sichtbar verändert

Ex-Abt: In Franziskus' Amtszeit alles zu spät – dennoch viel Bewegung

Aktualisiert am 10.01.2022  –  Lesedauer: 

Zürich ‐ Franziskus habe sein Amt "inmitten unzähliger Baustellen" übernommen: Für große Änderungen in der Kirche sei es eigentlich schon zu spät, meint Martin Werlen, früherer Abt von Einsiedeln. Dennoch habe sich unter dem amtierenden Papst einiges bewegt.

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Nach den Worten des früheren Abtes des Schweizer Benediktinerklosters Einsiedeln, Pater Martin Werlen, hat sich die Kultur in der Kirche unter Papst Franziskus verändert, auch wenn es für tiefgreifende Änderungen bereits zu spät sei. "Unter seinen Vorgängern war es über Jahrzehnte nicht erlaubt, Baustellen zu benennen oder Vorschläge für den Weiterbau zu entwerfen, ohne dafür bestraft zu werden", schreibt Werlen in einem Gastkommentar für das Internetportal "kath.ch" (Freitag). Franziskus habe bei seinem Amtsantritt 2013 eine Führungsaufgabe "inmitten unzähliger Baustellen" übernommen. "Wer in einer solchen Situation die Verantwortung übernimmt, kann eigentlich nur scheitern", so Werlen. Dennoch beeindrucke ihn, dass Franziskus die Ruhe bewahre und Schritt für Schritt gehe. "Sein großes Verdienst ist gewiss, dass er eine neue, vom Evangelium geprägte Kultur ermöglicht und fördert."

Ein großes Zeichen sei, dass Franziskus synodale Prozesse in der Kirche zulasse und fördere, schreibt Werlen weiter. "Die latente Angst vor dieser wesentlich zur Kirche gehörenden Dimension macht sich immer wieder manifest bemerkbar." Es bleibe zu hoffen, dass sich Franziskus von einer "latenten Angst vor dieser wesentlich zur Kirche gehörenden Dimension" nicht beeindrucken lasse. Als weiteres Zeichen nennt Werlen zwei von der deutschen Benediktinerin Philippa Rath herausgegebene Bücher: den im vergangenen Jahr erschienenen Sammelband "…weil Gott es so will: Frauen erzählen von ihrer Berufung zur Diakonin und Priesterin" sowie die dieses Jahr erscheinende Replik "Frauen ins Amt! Männer solidarisieren sich". Ein solches Buch, unter dessen Autoren unter anderem ein Kardinal und Bischöfe, sind, wäre vor zehn Jahren nicht denkbar gewesen, so Werlen.

Martin Werlen OSB (59) war von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Seit Anfang 2020 ist er Propst von St. Gerold in Vorarlberg (Österreich). (mal)