Pro Jahr rund 40 Anfragen von Menschen, die sich für besessen hielten

Weihbischof über seinen einzigen Exorzismus: Es war wie im Film

Aktualisiert am 26.04.2022  –  Lesedauer: 

Zürich ‐ "Der Exorzist" und andere Horrorfilme haben das Bild vieler Menschen vom Befreiungsdienst der Kirche geprägt. Weihbischof Martin Gächter hat damit 30 Jahre Erfahrung und in dieser Zeit nur einen vergleichbaren Fall von Besessenheit erlebt.

  • Teilen:

Der emeritierte Baseler Weihbischof Martin Gächter hat sich über den einzigen Exorzismus geäußert, den er in den vergangenen 30 Jahren im Rahmen des Befreiungsdienstes durchgeführt hat. Die Reaktionen der mutmaßlich besessenen Frau seien wie im Film "Der Exorzist" gewesen, sagte Gächter dem Nachrichtenportal kath.ch am Montag im Interview. Die Frau habe sich nicht in einem Raum aufhalten können, in dem ein Kruzifix oder Bilder der Gottesmutter Maria hingen, ihr Körper habe ich sich während des Exorzismus gewunden und bei der Besprengung mit Weihwasser habe die Frau "Uh, das brennt" geschrien. Nach 15 Sitzungen sei die Frau befreit gewesen und habe anschließend das Kreuz umarmt: "Da wussten wir, dass sie befreit ist", so Gächter. Einmal sei auch der damalige Basler Bischof und heutige Kurienkardinal Kurt Koch dabei gewesen.

Die Zusammenarbeit mit Psychiatern sei grundlegend für einen Exorzisten, sagte der 82-jährige Gächter weiter. Es gebe auch unseriöse Geistliche im Befreiungsdienst, etwa "in manchen freikirchlichen Kreisen", die der Meinung seien, "dass Psychiater nichts taugen". Diese Ansicht ist nach Meinung des emeritierten Basler Weihbischofs nicht zutreffend, zumal der Vatikan vor einem Exorzismus die Konsultation von Psychiatern vorschreibe. In den Schweizer Diözesen gebe es zu diesem Thema einen Austausch innerhalb einer Gruppe von Priestern, Theologen und Psychologen.

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Er selbst erhalte im Jahr rund 40 Anfragen von Menschen, die sich für besessen hielten, so Gächter. "Viele kommen aus Kroatien, Italien oder aus afrikanischen Ländern." Meist spreche er mit den Personen und bete ein Befreiungsgebet über sie. Viele seien zuvor schon bei einem Psychiater gewesen. "Doch es ist einfacher zu sagen, dass ich wahrscheinlich vom Teufel besessen bin, als sich einzugestehen, dass ich psychisch krank bin", erläuterte der Weihbischof die Motivation vieler Menschen, sich an ihn zu wenden. "Viele denken, dass man schnell mal zum Priester geht, der soll dann einen Exorzismus machen und dann wird alles wieder gut. So läuft das aber nicht." Er wolle die Menschen motivieren, "Gott mehr zu vertrauen", da er stärker als Krankheiten oder Dämonen sei. Wer psychische Leiden habe und auf Medikamente angewiesen sei, solle diese jedoch keinesfalls absetzen.

Die katholische Kirche versteht unter dem Begriff "Exorzismus" die Bitte an Gott, den Menschen von der Macht des Bösen zu befreien. Ein sogenannter großer Exorzismus an mutmaßlich von Dämonen besessenen Menschen darf nur von einem dafür beauftragten Priester in Rücksprache mit dem Diözesanbischof durchgeführt werden. Das Ritual, das in der heutigen Form auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, besteht aus Gebeten sowie Segens- und Beschwörungsformeln und kann ausschließlich für Personen gebetet werden, bei denen die Symptome der Besessenheit nicht auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen sind. Einfache Gebet um die Befreiung vom Bösen können über alle Menschen gesprochen werden und sind etwa auch Bestandteil des Taufritus. (rom)