Pariser Kathedrale Notre Dame wird 850 Jahre alt

Neue Glocken zum Geburtstag

Aktualisiert am 12.12.2012  –  Lesedauer: 
Architektur

Paris ‐ Quasimodo - bucklig, hässlich, treu bis in den Tod. In der Ecke der Orgelwerkstatt unter dem Dachstuhl der Pariser Kathedrale Notre Dame bewacht das steinerne Abbild des Glöckners den Eingang. "Dort sitzt er und guckt uns bei der Arbeit zu", sagt Bertrand Cattiaux, 57 Jahre alt. Er steht in Pulli und Jeans an seinem Arbeitstisch und nickt dem Gesicht am Türpfeiler freundlich zu. Dann nimmt er eine Orgelpfeife vorsichtig zwischen die Finger und poliert sie sorgfältig.

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Bertrand Cattiaux muss es wissen. Schließlich arbeitet der Mann mit Nickelbrille und Schnurrbart seit 40 Jahren als Orgelbauer für Notre Dame. Und tatsächlich sieht die Fratze, die sich mit melancholischem Blick in die Türnische presst, der Romanfigur von Victor Hugo ähnlich. Einen echten Glöckner gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr in der Pariser Kathedrale - dafür aber bald neue Glocken: Anlass ist der 850. Geburtstag im Jahr 2013. Am 12. Dezember beginnen die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst. Sie sollen ein ganzes Jahr dauern. Die Renovierung der Grand Orgue, mit der Orgelbauer Cattiaux beschäftigt ist, ist ein weiteres Geburtstagsprojekt.

Dass es die Kathedrale heute noch gibt, daran hat auch Quasimodo seinen Anteil. "Das Buch von Victor Hugo hat Notre Dame gerettet", sagt Benedicte Esnault, Jubiläumsdirektorin der 850-Jahr-Feiern. Verfechter der Französischen Revolution stürmten 1791 und 1792 das Gotteshaus, holten die Glocken von den Türmen und schmolzen sie ein. Nur die tontiefste Glocke "Emmanuel" von 1658, die sich bis heute im Südturm der Kirche befindet, überstand den Aufstand.

Nach dem Dornröschenschlaf

Danach kam "Unsere liebe Frau", wie die Kirche auf Deutsch heißt, in die Jahre. Erst der Roman von Hugo, der 1831 erschien, weckte wieder das Interesse der Pariser für ihre Kathedrale und trug dazu bei, dass sie umfassend restauriert wurde. Auch neue Glocken bekam die Kirche nun. 1856 wurde der Nordturm der Kirche mit vier Glocken bestückt, die "Emmanuel" im Südturm begleiten sollten.

"Das klang nicht immer gut", sagt Benedicte Esnault. Die Glocken seien wegen der verwendeten minderen Metallqualität verstimmt gewesen. Neun neue Glocken werden deshalb zur Zeit in Gießereien in Frankreich und den Niederlanden angefertigt. Sie sind den durch die Revolution zerstörten Glocken nachempfunden und sollen den Grand Bourdon "Emmanuel" mit ihrem Läuten begleiten - mit etwas tieferen Klängen als die bisherigen. Zwei Millionen Euro kostet die Erneuerung, die aus Spenden finanziert wird.

Wasserspeier (Gargoyle) auf der Kathedrale Notre Dame in Paris und die Basilika Sacre Coeur im Hintergrund.
Bild: ©dpa/Richard Nebesky

Zunge raus: Ein Wasserspeier (Gargoyle) auf der Kathedrale Notre Dame in Paris. Im Hintergrund sieht man die Basilika Sacre Coeur.

Die Namen der Glocken sind ganz bewusst ausgewählt. Da gibt es zum Beispiel "Marie", die zusammen mit "Emmanuel" im Südturm aufgehängt werden soll. Sie ist nach der Gottesmutter Maria benannt. "Damit Emmanuel - wie Jesus als Sohn Gottes in der Bibel genannt wird - nicht so allein ist", sagt Benedicte. "Seine Mutter Maria soll bei ihm sein."

Rein musikalisch korrespondiert "Marie" auf der anderen Seite außerdem mit "Gabriel". Er ist mit 1,83 Metern Durchmessern die größte Glocke im Nordturm. Auch dieser Name ist mit der biblischen Geschichte verknüpft, verkündet doch Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie ein Kind erwartet.

Eine Glocke nach Papst Benedikt XVI. benannt

Neben dem Notre-Dame-Gründer Maurice de Sully, der den Bau 1163 initiierte, geben außerdem noch zwei berühmte Geistliche zwei neuen Glocken ihre Namen: der ehemalige Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger und Papst Benedikt XVI. - in der Glockensprache salopp "Jean-Marie" und "Benoit-Joseph" genannt. Zwei kleinere Glocken, die in Paris in Zukunft gemeinsam den Ton angeben, zum Angelus-Gebet oder zur Weihnachtsmesse rufen.

Im Februar sollen die Glocken geweiht, am Vorabend von Palmsonntag zum ersten Mal geläutet werden. Der Pariser Kardinal André Vingt-Trois wird in einer feierlichen Zeremonie von außen an die Pforte von Notre-Dame klopfen und damit das Zeichen für den Einsatz des Geläuts geben. Dann wird "Quasimodo" wieder in Gang gesetzt - denn so heißt der Computer, der das Geläut programmiert.

Von Nina Schmedding