Neuer Verband will christliche Popularmusik in Deutschland stärken

"Kleines Senfkorn Hoffnung? Das ist nun wirklich nicht repräsentativ!"

Aktualisiert am 17.06.2022  –  Lesedauer: 

Osnabrück/Rottenburg ‐ Ein neuer Verband auf Ebene der Bistümer will die christliche Popularmusik in der Kirche stärken. Im Interview sprechen der Bundesvorsitzende und die Geistliche Begleiterin über die konkreten Ziele des Verbands, den Stellenwert von Popmusik in der Liturgie und die Qualität bekannter NGL-Ohrwürmer.

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Ende März haben rund 30 Musiker, Komponisten, Autoren und Publizisten einen neuen Verband für Christliche Popularmusik in den Diözesen Deutschlands gegründet. Warum braucht es einen solchen Verband? Was sind seine Ziele? Und welche Bedeutung haben christliche Popularmusik und Neues Geistliches Lied in der Liturgie? Darüber sprach katholisch.de mit dem Bundesvorsitzenden des neuen Verbands, Jochen Wiedemann, und der Geistlichen Begleiterin Stefanie Lübbers.

Frage: Frau Lübbers, Herr Wiedemann, gemeinsam mit rund 30 Mitstreitern haben Sie Ende März den Verband für Christliche Popularmusik in den Diözesen Deutschlands gegründet. Was fasst man unter dem Begriff "Christliche Popularmusik" eigentlich genau zusammen? Um welche Musik geht es dabei?

Wiedemann: Christliche Popularmusik kommt ursprünglich aus den USA und heißt dort Christian Contemporary Music. Die deutschsprachige Entsprechung kam in den 1960er Jahren auf mit dem, was meist als Neues Geistliches Lied bezeichnet wird. Dieser Begriff trifft es heute aber nicht mehr so gut, denn die christliche Popularmusik hat sich über die Jahre deutlich weiterentwickelt und umfasst inzwischen viele unterschiedliche Musikrichtungen und -stile. Das reicht von Chören, die ein modernes Gospelrepertoire pflegen, bis hin zu experimentellem Hip-Hop und Rap – und das im Umfeld von Glaube und Religion.

Frage: Sie sagen "im Umfeld von Glaube und Religion". Aber was ist das dezidiert Christliche an christlicher Popularmusik? Bezieht sich das vor allem auf die Texte der Lieder?

Wiedemann: Natürlich spielen die Texte bei der Identifizierung von christlicher Popularmusik eine entscheidende Rolle. Aber auch der Kontext, in dem das Lied gespielt wird, ist wichtig. Ein weltliches Lied etwa, das kein dezidiert christliches Thema behandelt, kann, wenn ich es in einem Gottesdienst einsetze, eine ganz neue Wirkung entfalten und in diesem Kontext durchaus dem Feld der christlichen Popularmusik zugeordnet werden.

Lübbers: Nehmen Sie etwa eine Aussage wie "Du bist für mich der Größte". Da kommt es sehr darauf an, zu wem ich das sage – zu meinem besten Freund, meinem Lebensgefährten, meinem Ehepartner oder zu Gott. Insofern kann man nicht strikt sagen "Nur wenn ein Lied diesen oder jenen Inhalt hat, ist es christliche Popularmusik". Es kommt immer auch auf den Zusammenhang an. Das erlebt man auch bei Hochzeiten oder Jugendgottesdiensten: Da bringen die Leute gerne ihre eigene Playlists in den Gottesdienst mit und die beinhalten in den meisten Fällen keine "klassischen" geistlichen Lieder. Und trotzdem können diese Playlists im kirchlichen Kontext eine christliche Botschaft vermitteln.

„Die Popularkirchenmusik ist mit den Jahren erwachsen geworden, und das sollte sich auch in den kirchlichen Strukturen abbilden.“

—  Zitat: Stefanie Lübbers

Frage: Warum braucht die christliche Popularmusik in Deutschland einen eigenen Verband? Was war der Anlass für die Gründung?

Wiedemann: Die christliche Popularmusik war über drei Jahrzehnte lang über eine jährliche Fachtagung zum Neuen Geistlichen Lied bei der AfJ, der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, angesiedelt. Durch Veränderungen innerhalb der Arbeitsstelle wurde dieses Engagement jedoch beendet, so dass aus unserer Sicht der Bedarf bestand, der christlichen Popularmusik eine neue Heimat zu geben. Eine Rolle hat dabei auch die Corona-Pandemie gespielt. Denn im Zuge der Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen bei der Kirchenmusik wurde deutlich, dass der musikalische Fokus in den Bistümern oftmals noch stark auf klassischer Kirchenmusik und den Bedürfnissen von traditionellen Kirchenchören und Instrumentalensembles lag. Die Bedürfnisse von Jugendbands oder Popgruppen haben nach unserer Wahrnehmung dagegen nur wenig Berücksichtigung gefunden. Ein Ziel unseres Verbands ist es deshalb, die christliche Popularmusik und ihre Protagonisten zu stärken und ihren Anliegen mehr Gehör zu verschaffen.

Frage: Sie haben sich mit Blick auf die AfJ jetzt sehr diplomatisch ausgedrückt. Ist es nicht trotzdem bemerkenswert, dass man das Engagement für Neues Geistliches Lied dort nach so langer Zeit eingestellt hat? Fand man dieses Thema dort nicht mehr wichtig genug?

Lübbers: Nein. Die AfJ war vielmehr der Auffassung, dass das Neue Geistliche Lied und die christliche Popularmusik keine genuinen Jugendthemen sind – und das ist ja auch richtig. Die Popularkirchenmusik ist mit den Jahren erwachsen geworden, und das sollte sich auch in den kirchlichen Strukturen abbilden. Der neue Verband ist ein Mittel dafür.

Bild: ©privat

Stefanie Lübbers.

Frage: Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Verband noch? Was kann und soll er leisten?

Lübbers: Die 27 deutschen Bistümer sind mit Blick auf die christliche Popularmusik noch sehr unterschiedlich aufgestellt. In manchen Diözesen gibt es in diesem Bereich schon viele Initiativen, während das Engagement in anderen Diözesen vielleicht noch ausbaufähig ist. Unser Verband will die verschiedenen Akteure vernetzen und den gegenseitigen Austausch befördern. Außerdem wollen wir ein noch größeres Bewusstsein für die christliche Popularmusik wecken. Teilweise haben die Verantwortlichen in den Bistümern oder den Gemeinden diese Art von Musik nach meinem Eindruck noch gar nicht richtig auf dem Schirm. Aber selbst wenn ein hauptamtlicher Kirchenmusiker keinen direkten Zugang zur populären Musik hat, sollte er Bands und Gruppen aus diesem Bereich natürlich die Möglichkeit geben, etwa in kirchlichen Räumen zu proben und sich weiterzuentwickeln. Um das aber auch klar zu sagen: Es geht uns in keiner Weise um ein Gegeneinander der verschiedenen Musikstile oder Musiker. Es geht uns vielmehr darum, die christliche Popularmusik noch sichtbarer zu machen und allen Engagierten die Möglichkeit zu geben, ihren musikalischen Interessen im kirchlichen Raum nachzugehen.

Frage: Wenn das Stichwort Kirchenmusik fällt, denken wohl die meisten Menschen zuerst an Orgelmusik und Lieder früherer Jahrhunderte. Welchen Stellenwert hat Popmusik in der katholischen Kirche in Deutschland überhaupt?

Wiedemann: An den großen Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten dominiert vielerorts sicher noch die klassische Kirchenmusik. Bei Familiengottesdiensten oder Festen wie Erstkommunion oder Firmung sieht das aber schon anders aus; da treten häufig Bands oder Instrumentalgruppen mit modernen Liedern auf. Oder denken Sie an die Katholikentage – da ist die Popularmusik in vielen Andachten und Feiern vertreten. Und bei den Großgottesdiensten sieht man, dass klassische und populäre Kirchenmusik sich gegenseitig anregen können und nicht ausschließen müssen.

„In fast jeder Kirche steht eine Orgel, für die es nur eine Person braucht, um sie zu spielen. Wenn eine Band auftreten will, ist der Aufwand mit Auf- und Abbau gleich viel größer.“

—  Zitat: Jochen Wiedemann

Frage: Erstkommunion, Firmung und Katholikentag sind allerdings besondere "Events". Im normalen Sonntagsgottesdienst dominieren doch weiterhin die Orgel und klassische Lieder aus dem Gotteslob, oder?

Lübbers: Auch da gibt es von Gemeinde zu Gemeinde große Unterschiede. Aber natürlich ist es vom Aufwand her meist leichter, im Gottesdienst bekannte Lieder aus dem "Gotteslob" zu singen und diese von der Orgel begleiten zu lassen. Vielerorts braucht es sicher noch mehr Mut, sich überhaupt an Popularmusik heranzutrauen. Dazu muss man sich auch ein Stück weit vom "Gotteslob" lösen. Auch wenn sich darin sicher ein paar Schätze des Neuen Geistlichen Lieds finden – christliche Popularmusik ist meist viel gegenwärtiger, als es die Lieder im mittlerweile fast zehn Jahre alten "Gotteslob" sein können. Wenn man sich der Popularmusik ernsthaft zuwenden will, dann verändert sich die "Playlist" sehr schnell, dann sind dieses Jahr an Weihnachten schon wieder ganz andere Lieder "in" als im vergangenen Jahr.

Wiedemann: Es ist zudem eine Frage der technischen Infrastruktur. In fast jeder Kirche steht eine Orgel, für die es nur eine Person braucht, um sie zu spielen. Wenn eine Band auftreten will, ist der Aufwand mit Auf- und Abbau gleich viel größer. Hinzu kommt, dass die meisten Mikrofonanlagen in Kirchen nur für das Sprechen geeignet sind – wenn ich da Musik drüber schicke, klingt das wie am Telefon oder auf dem Bahnhof. Bands brauchen also eine gute technische Infrastruktur, die im Zweifel natürlich zusätzlich Geld kostet.

Frage: Das Stichwort "Neues Geistliches Lied" ist schon mehrfach gefallen. Das NGL ist ja längst nicht mehr so neu, wie es die Bezeichnung suggeriert. Im Gegenteil: Einige Klassiker haben schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Hat das NGL, wenn es um die christliche Popularmusik geht, hierzulande eine ungute Dominanz, die moderne musikalische Entwicklungen ein Stück weit behindert?

Wiedemann: Das würde ich nicht sagen. Aber generell ist das natürlich ein Problem der Repertoirebildung. In Gesangbücher etwa wird immer ein bestimmter Bestand an bekannten Liedern aufgenommen. Und diese Lieder sind dann erstmal als Standard gesetzt und sicher auch mehr im Blick als neuere Lieder, die nicht in Gesangbüchern stehen. Insofern sehe ich es auch als eine Aufgabe für unseren Verband, dass Repertoire der christlichen Popularmusik ständig zu erneuern und zu erweitern. Das kann auch heißen, dass manche "Klassiker" irgendwann verschwinden. Jedes Lied hat seine Zeit und die kann auch vorbeigehen.

Bild: ©privat

Jochen Wiedemann.

Frage: Also irgendwann kein "Kleines Senfkorn Hoffnung" und kein "Danke für diesen guten Morgen" mehr?

Lübbers: Ja, das sind immer die Beispiele, die genannt werden – die sind für das NGL und die christliche Popularmusik aber nun wirklich nicht repräsentativ. "Danke für diesen guten Morgen" etwa habe ich in meinem Leben nur einmal in einen Gottesdienstentwurf geschrieben, und das war als Jugendliche im Zeltlager. Das Lied gehört quasi gar nicht mehr zum heutigen NGL-Bestand. Christliche Popularmusik ist wesentlich komplexer und anspruchsvoller als die paar abgehangenen Lieder, die den meisten Leuten vielleicht im ersten Augenblick einfallen.

Frage: Sie haben gesagt, dass Sie mit Hilfe Ihres neuen Verbands das Bewusstsein für christliche Popularmusik stärken wollen. Es braucht aber doch sicher auch eine Veränderung der Ausbildung in diesem Bereich. Wie kann die Popularmusik in der Ausbildung von Kirchenmusikern künftig eine wichtigere Rolle spielen?

Wiedemann: Keine Frage, im Bereich der Ausbildung muss sich mit Blick auf die Popularmusik sicher einiges tun. Aber das passiert auch schon. Nehmen Sie etwa die Hochschule für katholische Kirchenmusik in Regensburg, wo es seit mittlerweile zwei Jahren einen eigenen Master-Studiengang "Neue Geistliche Musik" gibt. Oder nehmen Sie die popularmusikalische Ausbildung des Amts für Kirchenmusik in meiner Diözese Rottenburg-Stuttgart. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass jede Ausbildung in diesem Bereich mit einem hohen Anspruch verbunden ist. Popularmusik macht man nicht mit links; sie hat ganz eigene Regeln und erfordert eine ganz eigene Herangehensweise. Darauf müssen sich Musiker und Musikerinnen einlassen.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Stefanie Lübbers (*1978) ist Pastoralreferentin und seit 2016 Referentin für liturgische Bildung im Bereich Liturgie und Kirchenmusik im Bistum Osnabrück. Sie ist die Geistliche Begleiterin des Verbands für christliche Popularmusik in den Diözesen Deutschlands.

Zur Person

Jochen Wiedemann (*1971) ist Pastoralreferent im Bistum Rottenburg-Stuttgart und Bundesvorsitzender des Verbands für christliche Popularmusik in den Diözesen Deutschlands.