Wie klingt gute Kirchenmusik?
Zwischen gregorianischem Choral und Popsong

Wie klingt gute Kirchenmusik?

Über die Jahrhunderte wurde in den Kirchen der Welt schon viel Musik gespielt. Aber wie klingt "richtige" Kirchenmusik? Für diese Frage lohnt ein Blick in die Vergangenheit – und zu einem Papst, der seine ganz eigenen Vorstellungen durchsetzen wollte.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 16.04.2020

"Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht", ruft es in Psalm 98 – und tatsächlich ist die Musik aus dem Gottesdienst wie dem gesamten Christentum nicht wegzudenken. Schon die Christen der frühen Kirche haben bei ihren Feiern gesungen, eine Übernahme aus dem Judentum. In den Synagogengemeinden sind seit jeher Sprechgesänge bekannt. Die Christen singen nun ihre eigenen Texte. Schon im 1. Jahrhundert entwickeln sich aus dem gesungenen Sprechen eigene Melodien, die sich am Anfang noch sehr stark am Textrhythmus orientieren. Nach und nach verselbstständigen sie sich und eine eigene Musik entsteht. Der gregorianische Choral. Er gilt bis heute als die Kirchenmusik schlechthin.

Einen bei der Amtskirche beinahe ebenso guten Ruf hat die klassische Vokalpolyphonie: Das ist im Gegensatz zur einstimmigen Gregorianik mehrstimmige Chormusik ohne begleitende Instrumente, die sich in der Renaissance entwickelt. Ihr bekanntester Vertreter ist der italienische Komponist Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594), der mit seiner Vertonung des Messordinariums "Missa Papae Marcelli" (1555) nachhaltigen Eindruck auch auf nachfolgende Klerikergenerationen macht und sie für seine Musik einnimmt.

Diese beiden Musikformen spielen eine besondere Rolle in einem Motu proprio, mit dem Papst Pius X. 1903 seine Vorstellungen guter Kirchenmusik festhält. Demnach sollte sie zur Liturgie passen, "heilig" sein, künstlerisch wertvoll sowie "allgemein" sein, also über Kulturgrenzen hinweg funktionieren. Laut Pius X. erfüllt der Gregorianische Choral diese Vorgaben am Besten. Daher sei er der Gesang der römischen Kirche. "Eine Kirchenkomposition ist um so mehr kirchlich und liturgisch, je mehr sie sich in ihrer Anlage, ihrem Geist und ihrer Stimmung dem Gregorianischen Gesang nähert; umgekehrt ist sie um so weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem Vorbilde entfernt." Fast genauso gut kommt die Vokalpolyphonie weg. Im Text wird ersichtlich, dass Pius seine Anordnung vor allem angesichts damals beliebter Opernmusik schreibt. Deren Formen greifen auch auf die Kirchenmusik über. Der damalige Papst missbilligt das, für ihn ist das der "unheilvolle Einfluss, den die weltliche Kunst und die Bühnenkunst auf die Kirchenkunst ausübt". Um diesen Einfluss zeitgenössischer Musik zurückzudrängen, haben sich schon im Laufe des 19. Jahrhunderts Komponisten daran gemacht, Messen im Stile der Polyphonie zu komponieren. Zugleich entstehen vermehrt Kirchenchöre aus Laien, die diese Musik pflegen.

Verschiedene Formen beeinflussen die Kirchenmusik

Was Pius übergeht: Die Formen der Kirchenmusik – und deren Teilbereich der Musik für den Gottesdienst – sind seit vielen Jahrhunderten sehr vielfältig. Denn seit dem 16. Jahrhundert entsteht auch das von der Gemeinde gesungene Lied in deren Muttersprache. Besonders prominent sind die Gemeindelieder durch Martin Luther geworden, der selbst einige Lieder dichtet und vertont. Doch auch die Katholiken sind nicht untätig. Nur unwesentlich später als bei den Protestanten entstehen  etwa durch den bekannten Gegner der Hexenverfolgung, Friedrich Spee, deutsche Kirchenlieder, die es mit den Werken der großen evangelischen Kirchenlieddichter Paul Gerhardt und Gerhard Tersteegen aufnehmen können. Das deutsche Kirchenlied entwickelt sich innerhalb der katholischen Kirche zu einer "traditio legitima", also einer legitimen Tradition einer Teilkirche, hier der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum.

Diese Lieder orientieren sich oft nicht am gregorianischen Choral, sondern an Melodien aus dem Volksliedgut, besonders in der Epoche des Humanismus. Schon hier lässt sich ein Vorgang beobachten, den Pius X. später als unangemessen abtun wird: Die Verbindung von geistlicher und weltlicher Musik. Denn Kirchenlieder entstehen häufig, in dem auf bereits bekannte Schlager der Zeit lediglich ein frommer Text gelegt wird. Fachsprachlich wird dieser Vorgang "Kontrafaktur" genannt.

Friedrich Spee, deutscher Dichter und Kritiker der Hexenprozesse. Ölbild von Martin Mendgen (1938) im Städtischen Museum Simeonstift Trier.
Bild: © KNA

Lieder von Friedrich Spee sind bei Katholiken wie Protestanten beliebt. Ölbild von Martin Mendgen (1938).

Nicht nur diese Übernahmen machen es schwer zu beschreiben, wie "Kirche" eigentlich klingt: Komponisten werden immer von ihrer zeitgenössischen Musik beeinflusst. Sind das etwa bei den Oratorien Händels die Opern der Zeit, haben Komponisten der Klassik Symphonien im Kopf und die Komponisten von heute die Popmusik auf den Bühnen der Welt. Den kirchlichen "Touch" gibt oft erst die Orgelbegleitung.

Schon früh beginnen die unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften, ihre Lieder untereinander auszutauschen. Schon im 19. Jahrhundert wandern Lieder anderer Konfessionen in die Gesangbücher ein. Katholiken singen Luther-Melodien, Protestanten Spee-Texte. Es wird gesungen, was gefällt und den spirituellen Geist der Menschen widergibt. In der Musik wird die Ökumene sehr früh im Alltag ganz unspektakulär praktiziert.

Zwei Arten Kirchenmusik

Dass der Gemeindegesang etwa mit dem Gregorianischen Choral in der Wertigkeit auf eine Stufe gestellt wird, ist allerdings noch eine recht neue Entwicklung. Nach altem Verständnis waren die von Klerikern gesungenen vertonten Ordinariumstexte Teil der Liturgie. Sobald die Laien sangen, handelte es sich nur noch um umrahmende Musik. Das führte zu einer Paraliturgie, also zwei gleichzeitig gesungenen Melodien: Während die Gemeinde ihr Lied in der Muttersprache sang, musste der Priester mit halblauter Stimme seine Melodie zum lateinischen Text beten, damit die entsprechende Handlung liturgische Gültigkeit besaß.

Das ändert sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Die Konstitution "Sacrosanctum Concilium" von 1963 unterscheidet nicht mehr zwischen Priester- und Gemeindemusik. Zudem hält sie fest: "Dabei billigt die Kirche alle Formen wahrer Kunst, welche die erforderlichen Eigenschaften besitzen, und lässt sie zur Liturgie zu." (SC 112) Die Gregorianik wird zwar lobend erwähnt, gleichzeitig wird die Musik unterschiedlicher Traditionen als ein "Reichtum von unschätzbarem Wert" bezeichnet.

Lothar Kosse spielt Gitarre und singt auf einer rot beleuchteten Bühne.
Bild: © Lothar Kosse

Worship-Musik wird oft von Bands gespielt.

Nicht zuletzt seit den 1960er Jahren hat es wieder eine neue Welle an Kirchenliedgut gegeben, die musikalisch neue Wege beschreitet. Begonnen mit Jazzmessen und Kirchenliedern im Pop-Gewand hat sich diese Bewegung bis zu Lobpreismusik ausdifferenziert, die von eigens dafür formierten Bands zum Teil in englischer Sprache aufgeführt wird. Diese christliche Popularmusik kann ihre Wurzeln bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen, als mit der Liturgischen Bewegung das Kirchenlied neue Impulse erhält, um die Gläubigen zu einem aktiveren Teilnehmen am Messgeschehen zu bewegen.

Umstrittene Lieder

Die neuen geistlichen Lieder treffen nicht nur auf wohlgesonnene Ohren – und stellen ein weiteres Mal die Frage, was "gute" Kirchenmusik ist. Wobei "gut" für den Kirchenmusiker und Liturgiewissenschaftler Jochen Kaiser keine probate Kategorie ist. Er spricht lieber von "passender" Musik: "Manche Musik ist in einem Augenblick gut und im nächsten völlig unangemessen", sagt er. So sei es wichtig, dass die Musik in einem Kindergottesdienst eine altersgemäße Sprache spreche. Schon eine halbe Stunde später könnte in der gleichen Kirche die gleiche Musik vollkommen deplatziert sein, wenn dann eine Andacht mit einer Bachkantate auf dem Plan stehe.

Kaiser spricht sich für eine individuelle Passung jedes Liedes aus: Bei einem Gottesdienst im Freien an einem See, nach dem etwa die Teilnehmer eines Zeltlagers alle ins Wasser springen, kann das Lied "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" große Emotionen auslösen, während es an anderer Stelle zu schlicht erscheint. Grundlegende Vorbehalte gegen neue Lieder hält er für falsch: "Lieder werden für eine konkrete Zeit und für konkrete Menschen geschrieben, manchmal sogar für einen konkreten Ort." Das meiste Liedgut werde mit der Zeit vergessen – das gelte auch für die Vergangenheit. So hat der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, um die 2000 Lieder geschrieben – im heutigen evangelischen Gesangbuch finden sich noch ganze vier.

Zwischen Vorgaben und Gewohnheit

Ein paar Einschränkungen hat der Referent der Deutschen Bischofskonferenz für Kunst, Kultur und Erwachsenenbildung, Jakob Johannes Koch, aber doch: So gebe es etwa bei der Eucharistiefeier feste liturgische Vorgaben, in die sich Lieder einpassen müssten. "Da kann man von der liturgischen Funktionsgerechtigkeit her nicht jede beliebige Musik nehmen." Ansonsten plädiert er dafür, die große Vielfalt an Kirchenmusik weiter zu pflegen. Es komme bei der Wahl der musikalischen Mittel allerdings auch auf die Hörassoziationen der Gemeinde an. So war das Saxofon als Instrument vor 100 Jahren im Hörgedächtnis der Leute noch fest mit Nachtclubs und Bordellen verbunden, das machte es für Kirchenmusik ungeeignet. Durch die Weiterentwicklung der Musik ist dieser Hintergrund heute verschwunden, nichts spricht mehr gegen ein Saxofon im Gottesdienst. Dafür wäre Koch etwa bei der Frage nach Hardcore-Hip-Hop in der Kirche vorsichtiger. Diese Musik sei – vor allem in Gestalt des stilistisch verwandten Gangsta Rap – in den Köpfen der Menschen mit rassistischen und frauenverachtenden Inhalten verbunden. Deshalb seien im Moment die Hardcore-Formen des Rap kein probates Mittel für die katholische Kirche. Aber das kann sich ändern.

Der bekannteste Fall für diesen Änderungsprozess ist die Orgel. In der Antike stand sie als Instrument der römischen Amphitheater für Hedonismus. Doch über die Höfe Konstantinopels, an denen sie die Majestät der Könige ausdrückte, kam sie etwa im 13. Jahrhundert in die Kirche. Dort ist sie heute nicht mehr wegzudenken. Von unpassender zu heiliger Kirchenmusik kann ein Ton also das ganze Spektrum durchlaufen.

Von Christoph Paul Hartmann