Standpunkt

Die neue katholische Unsitte der Offenen Briefe

Aktualisiert am 30.08.2022  –  Lesedauer: 
Ein Bischof schreibt
Bild: © KNA-Bild

Bonn ‐ Von Bischofskonferenzen bis zu "Maria 1.0": Offene Briefe aus konservativen Kreisen sind in der Kirche aktuell gefragt. Doch drücken die Verfasser tatsächlich nur ihre Sorge aus? Björn Odendahl sieht andere, weniger noble Motive.

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Die Idee des Offenen Briefes ist nicht neu. Im Gegenteil. Seit mehr als 2.000 Jahren existiert diese Form der Kommunikation. In jüngster Zeit sprießen – vereinfacht durch die niederschwellige Verbreitung im digitalen Zeitalter – vermehrt auch in kirchlichen Kreisen solche Briefe aus dem Boden: Die nordischen und polnischen Bischöfe kritisieren den Synodalen Weg, über 70 Bischöfe und Kardinäle aus Amerika und Afrika fürchten aufgrund des Reformprozesses gar das Schisma und "Maria 1.0" fordert den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz öffentlich auf, die Zusammenarbeit mit der ZdK-Präsidentin wegen deren Aussagen zum Thema Abtreibung zu beenden.

All diese Schreiben belegen eine neue katholische Unsitte: Scharfe Kritik wird verpackt in eine vermeintlich vertrauliche und persönliche Ansprache des jeweiligen Adressaten, dann aber doch öffentlich gemacht. Natürlich aus Sorge! Diese suggerierte "große Sorge"– so oder so ähnlich steht es auch inhaltlich in allen Briefen – über die Situation der Kirche in Deutschland unterstreicht das vermeintlich noble Anliegen der Autoren noch einmal. Man will nicht torpedieren, sondern helfen.

Die eigentlichen Ziele der Briefe aus konservativer Ecke sind jedoch ganz andere: Die Öffentlichkeit soll emotional statt inhaltlich von der Position der Verfasser überzeugt werden – auch, weil die eigenen (theologischen) Argumente zum großen Teil substanzlos sind. Sie wollen den Synodalen Weg als Ganzen diskreditieren, aber auch und vor allem den persönlichen Druck auf Bischöfe wie Laien mit reformorientierten Positionen erhöhen. Sie wollen auch skandalisieren, indem Texte und Beschlüsse des Synodalen Weg bestenfalls erst überspitzt, schlimmstenfalls falsch wiedergegeben und dann kritisiert werden. Es geht um öffentliche Denunziationen. So nennt es auch der Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Mario Grech.

Jeder Katholik – vom Kardinal bis zur "einfachen Gläubigen" – darf Offene Briefe schreiben. Was dessen 2.000-jährige Geschichte allerdings gelehrt hat: Wirklich erfolgreich ist das Konzept in den meisten Fällen nicht. Hoffen wir, dass es auch bei diesen Briefen so bleibt.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.