Bundesbildungsministerin Annette Schavan spricht am 30.01.2013 vor der Kabinettssitzung in Berlin mit Kanzleramtsminister Ronald Pofalla.
Katholisch.de-User diskutieren den Fall Schavan

Sünderin oder Sündenbock?

Plagiatsaffäre - Der Fall Schavan ist tragisch. Ein Leben für die Wissenschaft, ein Leben für einen unaufgeregten Politikstil. Ganz anders als beispielsweise Karl-Theodor zu Guttenberg. Und doch steckt die Bundesbildungsministerin nun mit dem ehemaligen Shootingstar aus Franken in der gleichen Schublade. In der der Betrüger. Annette Schavan verliert ihren Doktortitel , das hat die Universität Düsseldorf am Dienstagabend entschieden. Durch ist das Thema damit aber noch lange nicht.

Bonn - 06.02.2013

Umgehend kündigte die CDU-Politikerin an, gegen die Entscheidung des Fakultätsrats der Philosophischen Fakultät zu klagen. Der Fall Schavan polarisiert - auch die User von katholisch.de.

"Gerade bei einer Bildungsministerin habe ich kein Verständnis für eine inkorrekte Promotion. Politiker sollten in ihrem Fachgebiet Vorbilder sein", schreibt Alba Daraban auf der Facebook-Seite von katholisch.de. Dass Politiker eine Vorbildfunktion haben, sagt auch Raphael Cz und weiter: "Leider gibt es kaum einen Politiker, der dem gerecht wird. Der Fall Schavan ist dabei wieder ein gutes Beispiel, wie es in der Politik läuft. Ich finde die Entscheidung gerechtfertigt."

Henrik Bröckelmann hingegen sieht viel weniger in der Doktorarbeit ein Problem als in den Aussagen Schavans zum Plagiatsfall Guttenberg ("Ich schäme mich nicht nur heimlich." Anm. d. Red.). "Vielmehr ärgert mich, dass Frau Schavan gegen andere gerne den moralischen Zeigefinger erhebt, selbst aber offensichtlich auch nicht tadellos ist." Diese Doppelmoral sei "schäbig", so Bröckelmann. Für Anette Korte Flinkow wäre es daher auch besser gewesen, Schavan hätte zu Guttenberg geschwiegen.

"Die Entscheidung ist, so wie sie gefallen ist, richtig", findet Marcel Roddeck. "Wenn Frau Schavan zu ihrer Verantwortung als Bundesministerin für Bildung und Forschung stehen würde, sollte Sie den Entzug ihres Titels hinnehmen und daraus auch politische Konsequenzen ziehen und zurücktreten."

Auch Rückendeckung

Rückendeckung erfährt die CDU-Politikerin unter den katholisch.de-User allerdings auch. Zum Beispiel von Miroslav Fleischmann. Seiner Ansicht nach ist die Entscheidung der Universität Düsseldorf nicht gerechtfertigt. "Auch wenn ich mich nicht als Freund von Frau Schavan sehe, meine ich, dass der Entzug aus anderen Gründen nicht gerechtfertigt ist: Eine Gesellschaft ist zwingend darauf angewiesen, dass irgendwann einmal ein verlässlicher Rechtsfrieden herrscht", sagt Fleischmann. "Dies ist nicht der Fall, wenn eine Dissertation mehr als dreißig Jahre nach Abgabe auf Plagiate überprüft wird."

Ihre Meinung ist gefragt

Ist die Entscheidung der Universität Düsseldorf gerechtfertigt? Diskutieren Sie auf Facebook ?

"Wo kann ich denn mein Diplom abgeben?", fragt Altfried G. Rempe. Nach 34 Jahren ließe sich bestimmt auch in seiner Diplomarbeit die eine und die andere Stelle finden, "in der ich ein Zitat oder eine Paraphrase nicht eindeutig belegt habe." Es sei lächerlich, dass ein "hergelaufener Computerspieler so eine Arbeit zerpflückt." Für Rempe ist die eine "grenzenlose und gnadenlose Anmaßung", zumal Schavan ja als Politikerin Ministerin sei und nicht als Promovierte.

Ein Sündenbock?

Tobias Böcher plädiert dafür, dass man alle Dissertationen aus dem Schreibmaschinen-Zeitalter, "in dem man noch nicht mal eben eine Quelle oder Fußnote hinzufügen konnte, noch einmal gründlich überprüft." Es könne nicht sein, dass jetzt nur einzelne Politiker angeschwärzt würden. Er fragt sich, wie schlampig die Promotionen damals eigentlich überprüft wurden.

Holger Stiegler ist der Ansicht, dass sich das Gremium der Uni Düsseldorf es sich sicherlich nicht leicht gemacht habe, "einer angesehenen Politikerin den Doktortitel abzuerkennen." Und wie auch schon im Fall Guttenberg gebe es hier wieder ein Glaubwürdigkeitsproblem, das natürlich Auswirkungen auf den Ruf einer Bildungsministerin habe.

Für Matthias Rein, selbst promoviert, stellt sich unter anderem die Frage, ob Schavan der Sündenbock dafür sein müsse, dass "unsere Studenten ihre Arbeiten aus dem Internet und aus gescannter Literatur kopieren und zusammenschustern."

In einer ersten Stellungnahme hat Annette Schavan erklärt, dass sie gegen die Entscheidung der Universität Düsseldorf klagen wolle. Als Ministerin zurücktreten wolle sie nicht. Ungeachtet der gesellschaftlichen und politischen Debatte muss sie ihr weiteres Vorgehen mit sich und ihrem Gewissen ausmachen. Übrigens: Der Titel der 1980 eingereichten Dissertation lautet: "Person und Gewissen".

Von Christoph Meurer

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