Traditionsfirma stattet Staatsakt in Westminster Abbey aus

"Spezialist für Krönungen und Trauerfeiern seit 150 Jahren"

Aktualisiert am 19.09.2022  –  Lesedauer: 

London ‐ Seit fünf Generationen ist Watts & Co. spezialisiert auf Krönungen und Königs-Beisetzungen in Westminster Abbey. Sie tragen den Titel "Innenausstatter der Königin". Dabei war schon der Firmengründer katholisch.

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"ER II., 1926-2022" prangt seit dem Abend des 8. September in Tiefschwarz auf der Website von "Watts & Co.". Ein Muss für ein Traditionsunternehmen, das seit fast 150 Jahren für das englische Königshaus arbeitet. "Wenn die Königsfamilie gekrönt wird, sind wir für die Ausstattung in Westminster Abbey zuständig – und das in fünfter Generation", sagt Geschäftsführer Robert Hoare. "Und ja, das gilt auch für die Trauerfeier der Königin." Deshalb steht der Ururenkel von Sir George Gilbert Scott, der selbst in Westminster Abbey beigesetzt ist, seit dem Tod der Queen unter Dauerstress.

Details zum Staatsakt für Königin Elisabeth II. an diesem Montag in Westminster Abbey darf er natürlich nicht preisgeben. "Das steht unter strikter Geheimhaltung", sagt der 40-Jährige. Nur so viel: Sein junges Team aus 27 Designern, Schneidern, Architekten und Kaufleuten ist seit langem vorbereitet auf die "D-Days". Auch dank fast 150-jähriger Erfahrungen des 1874 gegründeten Unternehmens.

Es begann mit dem Goldenen Thronjubiläum von Königin Victoria

Es begann mit der Ausstattung, die Watts zum Goldenen Thronjubiläum von Königin Victoria 1887 in Westminster Abbey wie auch zu ihrem Diamantenen Jubiläum zehn Jahre später in der St. Paul's Cathedral lieferte: kirchliche Gewänder, Banner, Altardecken und Behänge von erlesener Beschaffenheit und Anmutung. Ebenso war das Unternehmen für die prächtige Ausstattung der Krönung von Edward VII. im Jahr 1902, von George VI. 1937 und natürlich von dessen Tochter, Queen Elizabeth II. im Juni 1953 zuständig. Beim größten TV-Ereignis der damaligen Zeit gingen Bilder der von Keith Murray entworfenen Bischofsgewänder um die Welt; eine mutige Kombination zwischen Modernismus und traditionellem Design.

Heute kann Watts & Co. auf Kathedralen auf fünf Kontinenten verweisen. Auch bei der Herstellung der feinen Altartextilien, liturgischen Gewänder, Stickereien und Handarbeiten wird auf Qualität geachtet. "Während alle Welt in China produziert, machen wir genau das Gegenteil: Alle Textilien sind in England gewoben", sagt Robert Hoare. Auf seiner Website werden 5.000 Produkte angeboten: vom Priesterkragen für umgerechnet 5 Euro über handgeschmiedete Bischofsringe bis zum maßgeschneiderten prachtvollen Bischofsmantel für 6.000 Euro. Als Anerkennung wurde Watts & Co. 1986 zum kirchlichen Ausstatter für Königin Elizabeth II. ernannt.

Bild: ©stock.adobe.com/Photocreo Bednarek

Westminster Abbey in London.

Hoare selbst studierte Europäische Kulturwissenschaften ("European Culture and Society") und hatte eigentlich ganz anderes vor. "Aber mein Vater sagte, ich muss ein Jahr in der Firma arbeiten. Und jetzt bin ich seit zwölf Jahren hier", lächelt der Geschäftsführer.

Als Unternehmensleiter hat er die Sicherheit einer ganzen Dynastie von Architekten und Designern im Rücken. "Sir George Gilbert Scott baute mit 33 Jahren den damals höchsten Kirchturm der Welt, Sankt Nikolai in Hamburg", berichtet er stolz. Gilbert Scott (1811-1878), einer der bedeutendsten Vertreter der viktorianischen Neugotik, wurde für den Gedenkpavillon für Prinz Albert in Kensington Gardens von Königin Victoria in den Ritterstand erhoben. Und als höchste Ehre ist er in Westminster Abbey bestattet, für das er selbst als Architekt und Restaurator wirkte.

"Und ich bin auch Katholik"

Sein Sohn George Gilbert Scott junior (1839-1897) gründete 1874 zusammen mit George Frederick Bodley und Thomas Garner die Firma Watts & Co. Die Entwürfe der drei spätviktorianischen Kirchenarchitekten, allesamt Schüler von Sir Gilbert Scott, sind bis heute auf der ganzen Welt zu finden. Als Scott junior sich mit dem ehemals anglikanischen Kardinal John Henry Newman (1801-1890) angefreundet hatte, konvertierte er 1880 ebenfalls zum Katholizismus, berichtet Robert Hoare. "Und ich bin auch Katholik."

Geschichte schrieben auch Elisabeth Scott (1898-1972), Architektin der Royal Shakespeare Company, und Sir Giles Gilbert Scott (1880-1960), vor allem bekannt als Designer der legendären roten K2 Telefonzelle von 1924. Dafür sind sie im britischen Pass abgebildet, zusammen mit einem guten Dutzend anderer berühmter Briten.

Von Sabine Kleyboldt (KNA)