Streit um Spenden an eine vatikannahe Stiftung

Die Schweizergarde sorgt in der Schweiz für politischen Sprengstoff

Aktualisiert am 25.09.2022  –  Lesedauer: 

Luzern ‐ Die Schweizergarde möchte eine neue Kaserne bauen – und wirbt dafür auch in der Schweiz um Spenden. Das sorgt für politischen Sprengstoff, denn der Vatikan hat in dem Alpenland nicht nur Fans. Bei einem Referendum zeigt sich nun das gewandelte Bild von Kirche in der Gesellschaft.

  • Teilen:

Seit etwas mehr als 500 Jahren wird der Papst von Schweizern bewacht. Mit ihren bunten Uniformen sind sie ein gern gesehenes Fotomotiv und fallen eigentlich nicht durch große Konflikte auf. Doch momentan ist die Schweizergarde in der Schweiz ein zum Teil hochpolitisches Thema – und im Kanton Luzern am Sonntag sogar Gegenstand einer Volksabstimmung.

Doch von vorn: Die 135 Schweizergardisten sind sämtlich unverheiratete katholische Männer aus der Schweiz und leben in einer eigenen Kaserne direkt neben den weltberühmten Kolonaden beim Petersdom. Doch der etwa 150 Jahre alte Bau wurde seit seiner Fertigstellung nie wirklich auf den neuesten Stand gebracht: Dort gibt es noch Stockbetten, Gruppenduschen, Etagentoiletten und ein großes Schimmelproblem. Kein haltbarer Zustand mehr, fand man im Vatikan und entschloss sich zu einem umfassenden Neubau der Kaserne. Der kostet insgesamt 50 Millionen Franken. Das Geld bringt der Vatikan aber nur zu einem sehr kleinen Teil selbst auf: Er zahlt die fünf Millionen, um die Gardisten während des Umbaus anderweitig unterzubringen und einen Teil der Planungskosten. Die restlichen 45 Millionen Franken sollen durch Spenden eingenommen werden, das hat der Vatikan bei seinen Bauprojekten schon häufiger so gemacht.

Es wurde vor sechs Jahren in Solothurn eine Stiftung gegründet, die das Geld organisieren soll. 42 der nötigen 45 Millionen sind schon zusammengekommen, etwa die Hälfte davon von anderen Stiftungen und Privatleuten. Aber die Kasernenstiftung ging auch auf die öffentliche Hand in der Schweiz zu: Der schweizerische Bund gibt fünf Millionen, dazu kommen unterschiedliche Summen der einzelnen Kantone, 16 der 26 wollen etwas beisteuern. In den meisten ging diese Entscheidung relativ ruhig über den Tisch, man griff auf Lotterieerlöse zurück.

Ärger über 400.000 Franken

Doch unter anderem in Luzern gab es Ärger: Nachdem die Kantonsregierung Mitte Januar 400.000 Franken zugesagt hatte, regte sich Kritik. Gegen die Entscheidung, zu der das Parlament – wie in vielen anderen Kantonen auch – nicht befragt worden war, formierte sich Widerstand. Zuletzt setzte sich die Freidenker-Vereinigung der Schweiz erfolgreich für ein Referendum ein, zahlreiche Oppositionsparteien unterstützen das Vorhaben. Am 25. September steht das Vorhaben nun gemeinsam mit anderen Referenden zur Abstimmung. Der Ausgang ist offen, die Kantonsregierung bleibt bei ihrem Kurs und empfiehlt, sich für die Spende auszusprechen.

Bild: ©picture alliance/dpa/Oliver Weiken

Die Kaserne der Schweizergarde ist in die Jahre gekommen.

Dass sich der Streit gerade im Kanton Luzern derart verfestigt, ist bemerkenswert. Zahlreiche Kommandanten kamen von hier, 24 der bisher 35, auch der momentane Chef Christoph Graf ist ein Luzerner. Die Bande hier sind zur vatikanischen Eingreiftruppe also besonders eng. Gerade deshalb spricht die Kantonsregierung von einem "Solidaritätsfranken", denn der Betrag entspricht etwa einem Franken pro Einwohner des Kantons. Ein kleiner Betrag, der im Haushalt Luzerns eigentlich kaum auffällt. Umso mehr geht es in der Auseinandersetzung um Grundsätzliches.

Die Befürworter, die sich mittlerweile bereits in einem eigenen Komitee organisiert haben, betonen, dass die Schweizergarde urschweizerische Werte wie Zuverlässigkeit, Loyalität, Pflichtbewusstsein und Beständigkeit verkörpere. Zudem sei sie eine gute Werbung für die Schweiz und gerade für den Kanton Luzern. "Wer den Solidaritätsfranken ablehnt, lehnt auch urschweizerische Werte ab", formulierte es etwa die SVP-Kantonalpräsidentin Angela Lüthold.

Bevorzugung der Kirche?

Die Gegner wenden ein, dass durch eine Spende eine Religionsgemeinschaft, die katholische Kirche, den anderen über die Maßen vorgezogen werde. Dabei sei der Bevölkerungsanteil der Katholiken seit langem Rückläufig und werde bald unter die 50-Prozent-Marke fallen. Nicht zuletzt habe der Vatikan mit mehreren Milliarden Euro Vermögen ohne weiteres die Mittel, die Kaserne allein zu bauen. Schließlich habe er den selbstverschuldeten Immobilienskandal auch überlebt. "Wer steinreich ist und trotzdem auf Betteltour geht, verhöhnt uns. In Luzern stehen viel dringendere Investitionen an. Jetzt haben wir die Möglichkeit, diesen Mist zu versenken", formuliert etwa die Freidenker-Geschäftsführerin Lisa Arnold.

Nicht zuletzt argumentieren die Gegner, dass das Geld keineswegs Schweizer Interessen zugutekomme, sondern jenen des Vatikan. Dieser betreibe damit seinen Sicherheitsapparat. Einem anderen Land bei dem Ausbau des eigenen Militärs helfen? Bei anderen Staaten völlig undenkbar. Nicht zuletzt ist die Geschichte der Schweizergarde nicht nur von Ruhm bestimmt. Die Schweizer galten Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts als beste Söldner der Welt. Die Kriegstreiberei war zeitweise der zweitgrößte Wirtschaftszweig der Schweiz. Dies jedoch zu einem hohen Preis: Die Kriege im Ausland bedeuteten für die meisten Rekruten Trauma, Heimweh, Verstümmelung und Tod, denn ein Drittel kehrte nie nach Hause zurück.

Bild: ©picture alliance/dpa/Katarzyna Artymiak / Handout

Christoph Graf ist Luzerner und der Kommandant der Schweizergarde.

Luzern ist mit der Diskussion nicht allein: In Kantonen, in denen das Thema auf die Tagesordnung des Parlaments kam, folgten zum Teil zu emotionalen Diskussionen, etwa in Zug, St. Gallen oder im Wallis, von wo eine Million Franken an die Kasernenstiftung gehen.

Die Debatten um die neue Kaserne zeigen zweierlei: Zum einen hat sich das Bild von Kirche in der Gesellschaft und den Verbindungen zu ihr gewandelt. Das Handeln des Vatikan und seiner Institutionen wird mehr und mehr hinterfragt, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Skandale der vergangenen Jahre. Gewohnte Bande werden nicht mehr von jedem als selbstverständlich wahrgenommen. Zum anderen sagt die Diskussion aber auch über die Schweiz etwas aus: In dem Land, in dem Katholiken und Protestanten jahrhundertelang um die die Vorherrschaft rangen, ist die verfasste Religion auf dem Rückzug. Das sorgt für Fragen – die manchmal durch ein Referendum beantwortet werden müssen.

Von Christoph Paul Hartmann