Libysche Kämpfer des Islamischen Staats.
Experten suchen nach Gegenmaßnahmen zur IS-Propaganda

Nahezu unmöglich

Terrorismus - Mädchen, die auf einmal ein Kopftuch tragen; Jungen, die sich plötzlich einen Bart wachsen lassen. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität? Austesten von Grenzen? Oder ein Alarmzeichen? Diese Fragen treiben nicht nur Eltern und Freunde von Betroffenen um, sondern auch die Politik.

Bonn - 30.03.2015

Ministerien, Schulen und Wissenschaftler suchen nach Antworten auf die drängendsten Fragen - und nach Wegen, um der Propaganda von Terrorgruppen wie dem "Islamischen Staat" (IS) etwas entgegenzusetzen. Relative Einigkeit besteht über die Ursachen, warum Jugendliche sich von den grausamen IS-Videos angesprochen fühlen - und im Extremfall in den Krieg nach Syrien oder den Irak ziehen. 650 sollen laut Bundesinnenministerium ausgereist sein. Die meisten hätten sich zuvor diskriminiert und nicht wertgeschätzt gefühlt, sagt Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle "Radikalisierung" im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Zudem holen Terroristen junge Menschen dort ab, wo sie stehen. Der IS greife in seinen Videos gezielt Elemente aus Filmen und Computerspielen heraus, so der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker. Zugleich werde Jugendlichen in Krisen eine klare Lösung angeboten: "Es gibt einen deutlich definierten Feind und eine deutlich definierte Wir-Gruppe, die als erfolgreich wahrgenommen wird."

Vor dem Terror der Miliz Islamischer Staat (IS) gerettete Jesiden im Nordirak.

Vor dem Terror der Miliz Islamischer Staat (IS) gerettete Jesiden im Nordirak.

Einschreiten von Internet-Anbietern gefordert

Schwieriger scheint die Frage nach einem Gegenmittel. Aufklärungsarbeit in Familien , eine offene gesellschaftliche Diskussion - diese Vorschläge sind oft zu hören. Wissenschaftliche Tagungen häufen sich, die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat mehrere Ratgeber herausgegeben.

Sie fordert ein konsequenteres Einschreiten von Internet-Anbietern, auf deren Plattformen dschihadistische Inhalte eingestellt werden. Neben der Video-Plattform Youtube betrifft das vor allem Twitter. Auf dem Kurznachrichtendienst verbreiten die Terroristen sogenannte memetische Beiträge - eingängige Bilder, Sprüche oder beides in Kombination -, die schnell um die Welt gehen. "Der IS hat auch deswegen so breite Wirkung, weil jeder Anhänger das Material weiterschickt", sagt Wissenschaftler Lohlker, "die Jugendlichen basteln daraus eigene Videos oder bearbeiten die Bilder weiter."

Kritik an Programm aus den USA

Die USA versuchen es mit sogenannten Gegenerzählungen. Unter dem Motto "Turn Away, Think Again" (dt. "wende dich ab, denk noch einmal nach") kommentieren Experten des Außenministeriums die IS-Propaganda. Es dauerte nicht lange, bis Netzexperten die Initiative als peinlich und kontraproduktiv kritisierten. Man schenke den Terroristen weitere Aufmerksamkeit, so die Kritik, zudem fehle es den Akteuren der "Counter Narratives" an Glaubwürdigkeit in der Zielgruppe.

Anfang des Jahres erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, auch Deutschland müsse "andere Geschichten erzählen", etwa die von Dschihad-Aussteigern. In der bpb gibt es Überlegungen, ausgehend von früheren Erfahrungen wie der "Youtuber gegen Nazis"-Kampagne entsprechende Formate zu entwickeln, um radikalen Tendenzen zu begegnen.

Eine authentische Ansprache solle "junge, politikferne Zielgruppen" erreichen und sie gegen Islamismus und Salafismus sensibilisieren, erklärt Kommunikationsreferentin Miriam Vogel. Anerkannte Youtuber könnten dabei Orientierungswissen vermitteln und "aufklärend und deradikalisierend" wirken.

Abgerutsche Jugendliche kaum noch zu erreichen

Nach Einschätzung von Lohlker braucht es zum Erfolg vor allem eins: muslimische Beglaubigung. "Die jungen Leute auf der Gefühlsebene anzusprechen, reicht nicht", sagt er. "Wer sie erreichen will, braucht diese Legitimität, denn ihre Subkultur beansprucht sie ebenfalls für sich." Die Herausforderung sei nicht mit technisch perfekten Videos oder gut gemeinten Tweets zu lösen, sondern könne nur in einer "Gegen-Subkultur" bestehen. Umgekehrt betont die bpb ihrerseits, politische Bildung solle Aufklärung bieten und gerade nicht als "Gegenpropaganda" missverstanden werden.

Die muslimische Religionspädagogin Lamya Kaddor sieht in der Konfrontation etwa mit Aussteigern durchaus eine Chance. "Solche Gespräche könnten etwas bewegen", sagt sie. Sie müssten jedoch frühzeitig erfolgen: Abgerutschte Jugendliche zu erreichen, sei nahezu unmöglich.

Von Paula Konersmann (KNA)