Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

Wie wird der Himmel sein?

Veröffentlicht am 25.11.2023 um 12:05 Uhr – Lesedauer: 
Ausgelegt!

Venne bei Münster ‐ Verführt die Angst dazu, das Evangelium als überfordernd zu erleben und sich die Frage zu stellen, was ich tun muss, um in den Himmel zu kommen? Schwester Anne Kurz findet im heutigen Evangelium eine Antwort auf die Frage, wie der Himmel sein wird.

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Angst ist verführerisch. Wer Angst schürt, kann Menschen dazu bringen, Sachen zu tun und zu denken, die ihnen fremd sind. Wir stehen viele Ängste aus wie: Nicht dazuzugehören, Anforderungen nicht gerecht zu werden, zu versagen. Im Griff dieser Ängste sind wir verführbar, lenkbar, anfällig dafür, dass andere uns weismachen, was gut und richtig ist, was böse und falsch ist.

Mit Heilsangst ist im Laufe der Kirchengeschichte viel Schindluder getrieben worden. Das "Letzte Gericht" ist dabei den Menschen drohend vor Augen geführt worden. Im heutigen Evangelium wird diese Gerichtsszene beschrieben: Die einen kommen in den Himmel, die anderen in die Hölle. Auffällig ist, dass beide Gruppen nachfragen, um ihr Los zu verstehen. Das einzige Kriterium, das der Richter nennt, ist das Leben von Güte und Menschenfreundlichkeit. Das allein.

Sofort schleicht sich die Sorge ein: Schaffe ich das? Werde ich dem gerecht? Ein ganzer Katalog von Möglichkeiten wird aufgezeigt – aber an wie vielen Menschen, die krank, obdachlos oder hungrig sind, gehen wir trotz guten Willens vorüber?  Oft mit schlechtem Gewissen. Dazu kommt, dass viele Notleidende erst gar nicht in unser Blickfeld geraten. Sie werden übersehen. Bedrückend.

Verführt die Angst dazu, das Evangelium als überfordernd zu erleben? Schnell wird es unter dem Blickwinkel gelesen: Was muss ich tun, um in den Himmel zu kommen? Aber diese Rede Jesu gibt auch auf eine andere Frage Antwort, nämlich wie der Himmel sein wird. So wird der Himmel sein: Kranke, Bedürftige und Schuldiggewordene atmen auf. Sie werden besucht. Ihnen wird das Haus geöffnet. Sie tragen endlich die Kleider, die sie bedecken. Sie essen und trinken. Mein Gott, ist das schön! Das wird am Ende sein. Warum hören wir diese Verheißung nicht?

Vielleicht kommen uns Erinnerungen. Auch wir waren bedürftig – und jemand ist einfühlsam mit uns umgegangen. Wir waren heillos verstrickt – und jemand verurteilte uns nicht. Wir waren krank oder konnten Leistungen nicht erbringen – und jemand hat uns angenommen. Das sind keine Selbstverständlichkeiten. Da leuchtet etwas auf von Wohlwollen, Güte und Menschenfreundlichkeit – das Angesicht Gottes.

Dieses Angesicht Gottes wird unser Gericht und unser Himmel sein. In einem Lied heißt es: "Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht…dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er jetzt schon in unserer Welt, ja, dann schauen wir heut´ schon sein Angesicht". Der Himmel beginnt schon. Das ist der "geheime Jubel inmitten der Tränen" (Karl Rahner). Nicht die Angst, sondern das Verkosten dieses Jubels, der einmal für immer sein wird, weist den Weg. Daraus wird Gemeinschaft auferbaut, auch Kirche und Menschheitsfamilie. Sie ist nicht gespalten in "Gebende" und "Bedürftige", sondern empfängt ihre Dynamik vom Leben und Erleben der Menschenfreundlichkeit. Dann wird das letzte Gericht noch immer überraschend sein, aber doch auch ein Heimkommen. Die letzte Zeile des Liedes "Morgenglanz der Ewigkeit" passt zum heutigen Christkönigsfest: "Führ uns heim aus dem Gericht in Dein Licht".

Evangelium nach Matthäus (Mt 25,31-46)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden,
wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.

Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen:
Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist!

Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben
oder durstig und dir zu trinken gegeben?

Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben?
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Darauf wird der König ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Dann wird er zu denen auf der Linken sagen:
Geht weg von mir, ihr Verfluchten,
in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden auch sie antworten:
Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt
oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

Darauf wird er ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt,
das habt ihr auch mir nicht getan.
Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei. Sie ist Referentin für Liturgie im Bistum Hildesheim, Geistliche Begleiterin und Supervisorin in Ausbildung.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.