Papst Franziskus hatte ihn im Dezember zum Kardinal gemacht

Ein Kardinal in Weiß statt Rot – Timothy Radcliffe wird 80

Kardinal Timothy Peter Joseph Radcliffe
Bild: KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani

Bei der feierlichen Kardinalserhebung, dem Konsistorium vergangenen Dezember, und dem Konklave im Mai zog er die Blicke auf sich – der englische Kardinal Timothy Radcliffe (80). Und das nicht nur wegen seiner Körpergröße, sondern auch wegen seines weißen Habits statt des Kardinalsrots. Besonders skeptisch waren die Blicke, als die Kardinäle in Rot einzogen und er – ganz in Weiß, beinahe päpstlich – dazwischenstand. Radcliffe, der Papst? Beim Konklave wurde er jedoch nicht zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt – stattdessen wurde es Robert Francis Prevost, Leo XIV. Radcliffe erschien schlicht in seinem weißen Dominikaner-Habit, das er täglich trägt. Dies hatte ihm der am Ostermontag dieses Jahres verstorbene argentinische Papst Franziskus ermöglicht. 

Alles bleibt also weiß – könnte man meinen. Doch auf einer anderen Ebene gibt es eine Änderung: Radcliffe ist heute 80 Jahre alt geworden. Mit Erreichen dieser Altersgrenze scheidet er aus dem Kreis der Papstwähler aus. Derzeit zählt das Kardinalskollegium 248 Mitglieder, von denen 129 stimmberechtigt sind. Radcliffe war im Mai beim Konklave der einzige Papstwähler ohne Bischofsweihe. Schon im Jahr 2000 galt der aus London stammende Theologe, Geistliche und Publizist als möglicher Nachfolger von Kardinal Basil Hume als Erzbischof von Westminster – dazu kam es jedoch nicht. Ganze 24 Jahre später folgte schließlich seine "Beförderung": Zwar wurde er nicht zum Bischof ernannt, doch Papst Franziskus entschied noch während der Weltsynode im vergangenen Herbst, neue Kardinäle zu kreieren – darunter auch Radcliffe und seinen Ordensbruder Jean-Paul Vesco, den Erzbischof von Algier. 

Comeback nach Krebs-OP

Von 1992 bis 2001 war der Engländer Radcliffe Generalmeister des Dominikanerordens und bereiste in dieser Funktion alle Kontinente. Seine Erfahrungen und Gedanken veröffentlichte er in zahlreichen Büchern und Vorträgen, weshalb er als gefragter Redner und Prediger gilt. Eine Krebserkrankung unterbrach jedoch seine vielfältigen Tätigkeiten. Doch nach einer schweren Krebs-OP im Jahr 2021 kehrte er gestärkt zurück – gefragter denn je. Franziskus berief ihn daraufhin als Prediger für die Besinnungstage vor der Weltsynode 2024. Dort sprach Radcliffe mit britischem Humor über Spannungen in der Kirche und bereitete die Teilnehmenden – Bischöfe, Priester, Ordensleute sowie Laien – auf Großes vor: "Wir sind nicht hier, um eine karge Mahlzeit einzunehmen, sondern um die Haute Cuisine des Reiches Gottes zu genießen." 

Der Dominikaner Timothy Radcliffe
Bild: © Lola Gomez/CNS photo/KNA

Bei den Besinnungstagen sprach Radcliffe mit britischem Humor über Spannungen in der Kirche und bereitete die Teilnehmenden auf Großes vor: "Wir sind nicht hier, um eine karge Mahlzeit einzunehmen, sondern um die Haute Cuisine des Reiches Gottes zu genießen."

Seine Klarheit zeigte sich nicht nur in diesen Besinnungstagen, sondern auch beim Auftakt der zweiten Sitzungsperiode der Weltsynode: "Wir brauchen uns vor Meinungsverschiedenheiten nicht zu fürchten, denn der Heilige Geist ist in ihnen am Werk." Ebenso forderte er: Niemand habe während einer solchen Synode das Recht zu schweigen. Doch zugleich müsse jeder zuhören, sonst "werden wir die Trommeln der Ideologie schlagen, sei es die der Linken oder die der Rechten". Von bloßen Floskeln hält er allerdings wenig. Wer sich nur auf die Vorsehung Gottes verlasse, ohne eigene Überzeugungen einzubringen, handle unverantwortlich und nicht erwachsen. 

Wie bei der Frage nach dem Dialog, so auch in der Frage nach der Rolle der Frau zeigte Radcliffe Haltung. Immer wieder betonte er, dass innerhalb der Kirche Frauen stärker in den Mittelpunkt rücken müssten. "Es gibt so viele Theologinnen, auch im Vatikan. Das ist wunderbar!" sagte er einst. Frauen und Laien bräuchten eine aktivere Rolle im Leben der Kirche. Dass Klerikalismus die Kirche vergifte, könne er zwar bestätigen, doch forderte er zugleich eine "attraktive und positive Theologie des Weihepriestertums". Denn ohne die tatkräftige Unterstützung des Klerus gehe es nicht weiter – diese fehle jedoch oft. 

Mehr Debatten und Meinungsverschiedenheiten

Auch heikle Themen mied Radcliffe nicht. So würdigte er homosexuelle Katholiken in festen Beziehungen und schrieb in der Vatikanzeitung "L’Osservatore Romano", die Herausforderung Homosexueller sei – wie bei allen Liebenden – darin zu lernen, Liebe angemessen auszudrücken und die Würde des anderen zu achten. Er sprach in diesem Zusammenhang von einer Entwicklung der kirchlichen Lehre, die sich durch "gelebte Erfahrung" erneuere. "Homosexuelle werden nicht mehr nur im Hinblick auf sexuelle Handlungen gesehen, sondern als unsere Brüder und Schwestern, die nach Papst Franziskus gesegnet werden können." 

Radcliffe ist mehr als nur ein Name – er steht für eine Kirche, die offen diskutiert, Meinungsverschiedenheiten zulässt und Debatten einfordert. All das verbindet er mit einer Prise Humor. So staunt er selbst noch über seine Berufung zum Kardinal und scherzte: "Vor dreieinhalb Jahren war ich schwer krebskrank und wusste nicht mal, ob ich eine Operation überleben würde. Nach der OP dachte ich, ich könnte jetzt ein schönes ruhiges Rentnerleben haben. Aber plötzlich bin ich wieder mittendrin. Was das für die Zukunft heißt – keine Ahnung. Ich werde dem Papst dienen, was immer er von mir erwartet." 

Mario Trifunovic