Tag gegen Gewalt an Frauen

Haslbeck: Missbrauch in der Kirche kann Glauben von Frauen verdunkeln

Veröffentlicht am 25.11.2025 um 00:01 Uhr – Von Ayleen Over – Lesedauer: 

Bonn ‐ Auch erwachsene Frauen erfahren in der Kirche Gewalt, vor allem in der Seelsorge. Obwohl das Problembewusstsein gestiegen ist, kritisiert Barbara Haslbeck im katholisch.de-Interview: Die Unterstützung ist immer noch entwicklungsbedürftig.

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Wenn von Missbrauch in der Kirche die Rede ist, denken die meisten an minderjährige Betroffene. Frauen, die als Erwachsene missbraucht werden, wird oft eine Mitschuld an der Tat unterstellt. Barbara Haslbeck, Theologin und Beraterin in der Anlaufstelle "Gegen Gewalt in Kirche", erklärt im katholisch.de-Interview, wie Täter die kirchlichen Räume für den Missbrauch ausnutzen und wie Betroffene mit der Tat umgehen.

Frage: Was für Gewalterfahrungen machen Frauen im kirchlichen Raum?

Haslbeck: Bei vielen Frauen, die als Erwachsene in der Kirche Gewalt erfahren, ist diese eingebettet in eine Seelsorgebeziehung. Da ist das Typische, dass Seelsorgende als vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Dieses Vorschussvertrauen wird dann im Missbrauch, der stattfindet, ausgenutzt. Gerade Frauen, die in der Seelsorge sexuell missbraucht wurden, schildern einen schleichenden Prozess vom Aufbau des Vertrauensverhältnisses hin zum Missbrauch. Bei diesem Vorgang, auch Grooming genannt, merken die Frauen zwar, dass etwas nicht stimmt, aber ihre Wahrnehmung wird verwirrt. Das hat viel mit der Manipulation durch die Tatpersonen zu tun, die die Situation der Nähe und Abhängigkeit ausnutzt. Zum Beispiel indem der Täter sagt: "Das ist Teil der geistlichen Begleitung" oder "Das ist Gottes Wille". Neben dem sexuellen Missbrauch geht es in der Kirche auch um spirituellen Missbrauch.

Frage: Welche Folgen hat das für die Betroffenen?

Haslbeck: Auf der psychischen Ebene wirkt sich das natürlich verheerend aus, weil eine Person merkt: Dadurch, dass ich mich geöffnet habe, habe ich mich verletzbar gemacht und genau das wurde ausgenutzt. Es bilden sich auch schwere Scham- und Schuldgefühle. Einerseits ist da das Gefühl, mit der Erfahrung komplett alleine zu sein und darüber schweigen zu müssen. Andererseits kommt auch der Eindruck hinzu, nicht nein gesagt zu haben und deswegen in irgendeiner Weise am Missbrauch Schuld zu sein. Letzteres wird oft auch durch das sogenannte victim blaming befeuert, also dass das Umfeld den Betroffenen eine Beteiligung unterstellt. Zum Beispiel wird gerade bei Erwachsenen sowas gesagt wie: Die kann doch nein sagen, die ist doch erwachsen.

Bei Frauen, die in der Kirche Missbrauch erleben, kommt noch eine weitere gravierende Folgeerscheinung dazu: Der Kern des Glaubens wird durch den Missbrauch verdunkelt. Die Frauen suchen Glauben, Heimat und Zugehörigkeit in der Kirche und eine Person der Kirche schädigt sie. Das kann den Glauben vergiften. Hinzu kommt, dass die Frauen natürlich auch vor der Gefahr stehen, schwanger zu werden. Das löst für Betroffene enorme Ängste und Sorgen aus. Bis hin dazu, dass das bedeuten kann, dass sie zur Abtreibung gezwungen werden.

Frage: Wie gehen die Betroffenen mit dem Missbrauch um?

Haslbeck: Also ich beobachte, dass Frauen den Missbrauch irgendwann offenlegen. Da gibt es so einen Moment, wo sie realisieren, dass das, was ihnen da geschehen ist, nicht in Ordnung war. Der Auslöser dafür ist oft Berichterstattung über Missbrauch. Oder Betroffene hören einen Vortrag und realisieren: Das könnte etwas sein, was mit mir zu tun hat. Das löst für viele dann erst mal eine ganz hohe psychische Belastung aus, weil die Erinnerungen wieder hochkommen. Für viele Betroffene ist es wichtig, sich dann intensiv damit auseinanderzusetzen. Damit sie verstehen können, wie das geschehen und warum ihr Vertrauen so ausgenutzt werden konnte. Das geschieht durch Lesen, durch Beratung, durch Psychotherapie oder durch neue geistliche Begleitung. Manche Betroffene regeln das mit sich selbst oder mit einer einzigen Person. Andere sprechen mit mehreren. In der Regel ist es wirklich ein längerer Prozess der Auseinandersetzung

„Ich halte es für ganz zentral, einer Person, deren sexuelle und spirituelle Selbstbestimmung verletzt wurde, zu ermöglichen, diese Selbstbestimmung neu zu stärken.“

—  Zitat: Barbara Haslbeck

Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich aus solchen Fällen? Erstatten die Frauen häufig Anzeige?

Haslbeck: Es gibt Frauen, für die das Erstatten einer Anzeige ein Weg ist, für sich selbsteinzustehen. Allerdings machen Frauen da oft die sehr schwierige Erfahrung, dass das, was dann am Ende rauskommt, nicht das Gefühl von Gerechtigkeit herstellt und keine Aufarbeitung passiert. Deswegen ist es so besonders wichtig, dass Beratung angeboten wird, die diese inneren Prozesse begleitet. Dafür ist die Anlaufstelle da. Also dass Frauen wissen, wo wende ich mich mit welchem Anlegen hin? In diesem Prozess ist es auch wichtig, mit der Betroffenen die Konsequenzen vor jedem Schritt abzuwägen, damit sie selber entscheiden kann, was für sie das Richtige ist. Ich halte es für ganz zentral, einer Person, deren sexuelle und spirituelle Selbstbestimmung verletzt wurde, zu ermöglichen, diese Selbstbestimmung neu zu stärken.

Frage: Wie sehr ist das Problembewusstsein inzwischen bei den kirchlichen Entscheidungsträgern angekommen?

Haslbeck: Mit Blick auf die Entwicklung seit 2010 ist es so, dass zuerst vor allem das Thema des Missbrauchs Minderjähriger in der Kirche im Blick war. Und hier fällt ja die hohe Zahl von männlichen betroffenen Minderjährigen auf, was kirchenspezifisch ist. Die Frage betroffener erwachsener Frauen, die kam erst später auf. Die deutschen Bischöfe veröffentlichten zum Beispiel 2022 ein Seelsorgepapier, in dem jeglicher Missbrauch in der Seelsorge verurteilt wird. Auch in der Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz wurden ein Jahr später Maßnahmen zur Prävention und Intervention vorgestellt. All das, nachdem Frauen sich öffentlich dazu geäußert haben. Dass wir heute über Missbrauch an Frauen in der Kirche sprechen können, ist dem Sprechen Betroffener zu verdanken.

Die Kirche kann an sexuellem und spirituellem Missbrauch an Frauen nicht mehr vorbeischauen. Zuletzt wurde in den Medien auch viel über den Fall des slowenischen Priesters Marko Rupnik berichtet, der eine ganze Gruppe von erwachsenen Frauen sexuell und spirituell missbraucht hat. Das Problembewusstsein ist in den letzten Jahren insgesamt gestiegen. Dennoch machen Frauen bei kirchlichen Stellen und Leitungspersonen schwierige Erfahrungen, da diese in der Regel auf die Situation geschädigter Minderjähriger spezialisiert sind. Auch die rechtlichen Regelungen und Verfahrensregeln für sexuellen und spirituellen Missbrauch sind immer noch entwicklungsbedürftig.

Frage: Welche Maßnahmen zur Unterstützung und Prävention gibt es bereits? Wo wünschen Sie sich noch mehr?

Haslbeck: Die Anlaufstelle "Gegen Gewalt in der Kirche" der Deutschen Bischofskonferenz, bei dir ich tätig bin, stellt ein spezifisches Angebot an erwachsene Betroffene dar und schließt damit eine Lücke. Daneben gibt es in immer mehr Bistümern Ansprechpersonen oder auch Seelsorgende, die den Betroffenen wertvolle Beratung und Hilfestellung geben. Dennoch bleiben Betroffene immer noch häufig mit dem Gefühl zurück, nicht über das Erlebte sprechen zu können. Erfahrungen geschädigter Frauen kommen wenig vor, das zeigen die Studien in den Bistümern.

Wichtig wäre es, für die Ausbildung und Fortbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorger ganz viel in die Reflexion der eigenen Rolle zu investieren. Es muss ganz klar sein, dass es in der Seelsorge keine sexualisierten Übergriffe oder sexuellen Handlungen geben darf. Deswegen gibt es ja auch die Forderung danach, Seelsorge rechtlich gesehen dem Setting von Psychotherapie gleichzustellen, wo es mit dem Paragrafen 174c eine rechtliche Regelung gibt, dass jede sexuelle Handlung in der Psychotherapie als strafbar gekennzeichnet wird. Und das wäre auch für den Kontext der Seelsorge hilfreich. Es muss klar sein: Seelsorge schafft ein Abhängigkeitsverhältnis und deshalb sind sexuelle Handlungen tabu.

Von Ayleen Over