Die ankommenden Flüchtlinge verändern den Islam in Deutschland

Arabischer und vielfältiger

Aktualisiert am 08.11.2015  –  Lesedauer: 
Islam

Mainz ‐ Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan bringen aus ihrer Heimat eigene religiöse Vorstellungen mit. Damit verschieben sich die Gewichte in der islamischen Gemeinschaft in Deutschland. Muss ein innerislamischer Dialog her?

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Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der mit Abstand größte islamische Verband. Daher sei die Wahrnehmung des Islams in Deutschland bislang türkisch geprägt, sagt der Mainzer Islamwissenschaftler Marwan Abou Taam. "Durch die Flüchtlinge aus Syrien kommt es zu einer zunehmenden Arabisierung des Islams in Deutschland." Dies werde vermutlich den Zentralrat der Muslime stärken.

Abou Taam erwartet, dass die Syrer schon aus sprachlichen Gründen den Anschluss an arabische Gemeinden suchen werden. Diese seien oft stärker politisiert als die Ditib. Das Spektrum des sunnitischen Islams arabischer Prägung reiche von einer volkskonservativen Richtung über die Muslimbruderschaft bis in den Salafismus hinein. "Welche Richtung sich am Ende durchsetzt, hängt entscheidend davon ab, auf welche Rahmenbedingungen sie hier treffen." Daher hätten die islamischen Verbände eine große Verantwortung, "die positiven Einflüsse zu stärken und negative einzudämmen", sagt der Wissenschaftler in Diensten des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz.

Moscheegemeinden gehen auf FLüchtlinge zu

Die Moscheegemeinden in Deutschland gehen meist offen auf die Neuankömmlinge zu. "Wir laden die hier eintreffenden Flüchtlinge zum Freitagsgebet ein", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Ditib-Landesverbands Rheinland-Pfalz, Cihan Sen. Dabei stehe das Beten und das Gespräch mit den muslimischen Brüdern und Schwestern im Vordergrund. Die Versammlungen seien für alle offen, der Unterschied zwischen Türken und Arabern spiele da keine Rolle.

Mitglieder der Moscheegemeinden seien auch vielfach zu Besuch in den Unterkünften der Flüchtlinge, um Geschenke oder Essen zu verteilen. "Auch außerhalb der Gottesdienste werden wir uns unseren muslimischen Geschwistern, welche Sprache sie auch immer sprechen mögen, nähern, mit ihnen fühlen, empathisch sein", heißt es im Flüchtlingskonzept der Ditib.

Bild: ©dpa

Mit der Integration der geflüchteten Menschen könnte die Vielfalt der Verbände in der islamischen Gemeinschaft in Deutschland zunehmen.

Die Frankfurter Flüchtlingshelferin Sultana Shamal steht vor allem Afghanen bei, die wie sie Dari sprechen - manchmal bis in den Kreißsaal hinein, wenn eine geflüchtete Afghanin ein Kind zur Welt bringt. Ihr Glaube gebe ihr die für den ehrenamtlichen Einsatz nötige Kraft, sagt die 24-Jährige, deren Familie aus Afghanistan stammt. "Es werden harte Zeiten auf sie zukommen, ihr Leben wird wahrscheinlich nicht so sein wie es damals in ihrem Herkunftsland war", sagt die Studentin. "Aber im Koran steht: 'Mit der Erschwernis kommt Erleichterung her'".

"Alles was beim Ankommen hilft, ist positiv, dazu gehören auch die religiösen Angebote", sagt der rheinland-pfälzische Migrationsbeauftragte Miguel Vicente. Mit der Integration der geflüchteten Menschen könnte die Vielfalt der Verbände in der islamischen Gemeinschaft zunehmen - "das ist eine Dynamik, die wir jetzt noch nicht absehen können". Interessant seien dabei Ansätze für ethnisch und konfessionelle übergreifende Gemeinschaften. Mit Blick auf einen Islam, der sich im Werterahmen der westlichen Gesellschaft einen Platz suche, sei "eine Entkoppelung von den Heimatländern" ein Vorteil.

"Vielfalt ist positiv - aber..."

Irakische Flüchtlinge könnten dem schiitischen Islam in Deutschland Auftrieb geben, der bisher vor allem vom Islamischen Zentrum Hamburg vertreten wird. Allerdings ist dieses bislang sehr iranisch geprägt. Abou Taam hält es daher für denkbar, dass es zu Neugründungen von irakisch-schiitischen Gemeinden kommen könnte.

"Vielfalt ist positiv", sagt Abou Taam. "Aber je vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto notwendiger ist es, dass man Gemeinsamkeiten aushandelt." Die in den vergangenen Jahren entstandenen Treffen, Konferenzen und Runden Tische dienen vor allem dem interreligiösen Dialog oder dem Austausch zwischen islamischen Verbänden und politischen Akteuren. "Wir haben aber keinen islamischen Dialog, das wäre absolut notwendig", sagt Abou Taam. "Der Anstoß dafür müsste von den islamischen Verbänden kommen."

Themenseite: Auf der Flucht

Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.
Von Peter Zschunke (dpa)