"Mitleid ist die höchste Form der Liebe – vielleicht die Liebe selbst." (Heinrich Heine) Immer wieder lesen wir in den Evangelien davon, dass Jesus Mitleid mit den Menschen hatte – beispielsweise mit der Mutter des jungen Mannes von Nain, mit den Menschen, denen er unterwegs begegnete, mit dem Aussätzigen oder mit den beiden Blinden, die er heilte. Immer wieder ließ sich Jesus vom Schicksal der Menschen berühren, ja, zutiefst erschüttern – und darin zeigt sich seine grenzenlose Liebe.
Die Bibel kennt dafür ein eigenes Wort: σπλαγχνίζομαι – splanchnizomai. Es bedeutet so viel wie "innerlich bewegt sein" oder "in den Eingeweiden ergriffen werden". Für die Griechen galten die Eingeweide als der Ort, an dem sich besonders verletzliche und tief empfundene Gefühle zeigen. Auch uns ist diese Bildsprache nicht fremd. Wir kennen Ausdrücke wie "Es schlägt mir auf den Magen", "Es zerreißt mir das Herz" oder "Ich habe Schmetterlinge im Bauch".
Der Ausdruck σπλαγχνίζομαι – splanchnizomai beschreibt mehr als ein flüchtiges Mitgefühl. Gemeint ist eine so tiefe innere Ergriffenheit, dass sie unweigerlich zum Handeln führt. Genauso begegnet Jesus den Menschen. Sein Mitleid bleibt nie bloßes Bedauern, sondern wird zur helfenden Tat.
Das zeigt sich besonders eindrucksvoll in der Speisung der Fünftausend. Jesus sieht den Hunger der Menschen und schickt sie nicht fort. Stattdessen bezieht er seine Jünger mit ein: "Gebt ihr ihnen zu essen". Damit macht er deutlich: Das Reich Gottes ist kein Zuschauerprojekt. Es ist ein Geschenk Gottes, das wir uns weder verdienen noch erarbeiten können. Zugleich lädt Gott uns ein, an seinem Reich mitzubauen. Es lebt davon, dass Menschen sich mit dem einbringen, was ihnen gegeben ist – und sei es noch so wenig. Und darin liegt das Wunder: Aus dem Wenigen wird genug für alle. Aus Mangel entsteht Fülle, weil Menschen das, was sie haben, nicht für sich behalten, sondern miteinander teilen. Wo sich Gottes Segen mit menschlicher Bereitschaft verbindet, wächst Leben.
Darin liegt auch eine Einladung an uns. Statt zu fragen: "Was kann ich denn schon bewirken?", dürfen wir unsere Gaben und Möglichkeiten dankbar annehmen und sie zum Wohl anderer einsetzen. Niemand hat alles, aber jeder hat etwas beizutragen. So kann jeder an seinem Platz mit seinen Kräften dazu beitragen, dass Gottes Liebe sichtbar wird. Oder mit den Worten Theodore Roosevelts: "Tu, was du kannst, mit dem, was du hast, dort, wo du bist."
Evangelium nach Matthäus (Mt 14, 13–21)
In jener Zeit, als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, zog er sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück. Aber die Volksscharen hörten davon und folgten ihm zu Fuß aus den Städten nach.
Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken.
Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!
Jesus aber antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische hier.
Er antwortete: Bringt sie mir her!
Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten und alle aßen und wurden satt.
Und sie sammelten die übrig gebliebenen Brotstücke ein, zwölf Körbe voll.
Es waren etwa fünftausend Männer, die gegessen hatten, dazu noch Frauen und Kinder.
Die Autorin
Schwester Regina Greefrath CSA gehört dem Orden der Augustiner-Chorfrauen an. Sie unterrichtet am klostereigenen Gymnasium die Fächer katholische Religion und Spanisch und engagiert sich in der AG Berufungspastoral der Orden (AGBO).
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