Louisa Pötter über das Sonntagsevangelium

Warum Aufgeben keine Option ist

Hände versuchen sich zu greifen
Bild: AdobeStock/paul

Beim ersten Lesen des heutigen Evangeliums sind mir gleich mehrere Gedanken gekommen: Warum wird die kanaanäische Frau von Jesus zunächst so harsch zurückgewiesen? Warum lässt sie sich dennoch nicht entmutigen? Und warum wird ausgerechnet diese Frau am Ende für ihren großen Glauben gelobt?

Je länger ich über diese Begegnung nachdenke, desto mehr bleibt mein Blick an der Frau hängen. Nicht an Jesus. Nicht an den Jüngern. Sondern an dieser Mutter.

Und ich finde: Dieses Evangelium hat es in sich. Da wird laut gerufen, ja sogar geschrien. Da wird Not ausgesprochen und um Hilfe gebeten. Da wird geschwiegen. Da werden Grenzen gezogen und Zurückweisungen ausgesprochen. Und mittendrin steht eine Frau, die sich von alledem nicht aufhalten lässt.

Dabei spricht eigentlich alles gegen sie. Sie gehört nicht zum Volk Israel. Sie überschreitet religiöse und gesellschaftliche Grenzen. Die Jünger wollen sie loswerden, und Jesus antwortet ihr zunächst nicht einmal. Trotzdem macht sie sich auf den Weg, bringt ihre Not persönlich vor Jesus und nimmt das Risiko, abgewiesen zu werden, auf sich. Und das alles nur, weil sie gehört hat, dass es da einen gibt, der Menschen hilft. Der heilt. Der Hoffnung schenkt.

Ich glaube, genauso beginnen oft Wege mit Gott. Nicht mit der Gewissheit, dass alles gut ausgehen wird, sondern mit einem ersten Schritt. Mit dem Mut, sich überhaupt auf den Weg zu machen. Mit der Hoffnung, dass da tatsächlich jemand ist, der mich hört. Der meine Not sieht.

Vielleicht kennen Sie solche Situationen auch aus Ihrem Alltag. Wir bitten um Unterstützung und erhalten zunächst keine Antwort. Nach einem Streit suchen wir das Gespräch und stoßen erst einmal auf Ablehnung. Wir bewerben uns, setzen uns für etwas ein oder engagieren uns und hören zunächst nur ein Nein. In solchen Momenten liegt der Gedanke, aufzugeben, oft nah.

Aber genau hier wird der Mut der kanaanäischen Frau sichtbar. Sie geht nicht. Sie hält an ihrer Hoffnung fest. Sie bittet weiter. Sie lässt sich nicht entmutigen von den Rückschlägen.

Das beeindruckt mich. Ich kann mich in der namenlosen Frau wiederfinden. Mit meinen Fragen, meinen Enttäuschungen und meinen Zweifeln.

Jesus nennt am Ende des Evangeliums ihren Glauben groß. Vielleicht nicht deshalb, weil sie keine Zweifel hatte oder weil sie sich ihrer Sache sicher war. Sondern weil sie trotz aller Widerstände den Mut fand, los- und weiterzugehen.

Und vielleicht ist genau das die Botschaft dieses Evangeliums: Großer Glaube zeigt sich nicht immer in großen Worten. Manchmal zeigt er sich im Mut, nach einem Nein nicht direkt aufzugeben.

Evangelium nach Matthäus (Mt 15, 21–28)

Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. 

Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. 

Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!

Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.

Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 

Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt. 

Die Autorin

Louisa Pötter ist ausgebildete Gemeindereferentin und arbeitet derzeit als Referentin für interne Kommunikation im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Osnabrück. Dort ist sie unter anderem für das Intranet verantwortlich.

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