Kennen Sie unversöhnliche Menschen, die sich selbst, anderen, dem Schicksal, ja vielleicht sogar Gott nicht vergeben können? Wenn ja, dann wissen Sie, dass diese Menschen nicht nur unglücklich und bitter sind, sie vergiften um sich herum auch die Atmosphäre.
Jesus rät im Sonntagsevangelium sehr eindrücklich dazu, das Verzeihen und Vergeben immer wieder einzuüben. Für uns Christen ist dies DIE spirituelle, ethische und auch eine ganzheitlich für Frieden sorgende Haltung und Einstellung. Dieses im Frieden leben lernen kann dann in ein aufgeräumtes und friedliches Sterben münden, wie ich es Gott sei Dank auch immer wieder als Klinikpfarrer erleben darf. Der innere und äußere Friede ist die Frucht von Verzeihung, Vergebung und Versöhnung. Diese drei Haltungen sind innere Einstellungen, die zu äußerem Verhalten führen.
Wer nicht verzeihen und vergeben kann, der kreist immer wieder und immer engführender um die erlittene Verletzung, die Person, welche die Verletzung zufügte, die eigene Opferrolle und um das Prinzip der Vergeltung. Verzeihung, Vergebung und Versöhnung bauen dabei aufeinander auf.
In Kürze: Verzeihung verzichtet bewusst auf Vorwürfe, Vergeltung und Rache. Sie akzeptiert nach einem inneren Reifungsprozess die Situation, ohne sie zu billigen. Die Verletzung wird dabei nicht vergessen, sie ist aber nicht mehr bestimmend. So befreit man sich von der Fremdbestimmung und wird wieder "Herr im eigenen Haus". Verzeihen ist der erste Schritt hin zu Vergebung und Versöhnung.
Vergebung ist ein innerseelischer Prozess. Groll, Hass, Wut und Ähnliches werden abgelehnt. Negative Gefühle werden somit beherrschbar. Dies geschieht primär innerlich. Der Neurologe, Psychiater und Psychosomatiker Konrad Stauss benennt sechs Phasen der Vergebung: Was war das Schlüsselerlebnis? – Heilung der Ich-Beziehung – Heilung der Du-Beziehung – Heilung der Beziehung zum ewigen Du – Durchführung eines Vergebungsrituals und Aufrechterhaltung der Vergebung.
Die siebte Phase ist dann der Versöhnungsprozess, der gemeinsam zwischen Verletzer und Verletztem geschieht. Einsicht, Reue, Entschuldigung, Wiedergutmachung durch die Person, welche die Verletzung zufügte, sind dabei die Voraussetzung. Das Vergangene annehmen, Abstandnehmen von Rache und gemeinsames Gestalten einer positiven Zukunft sind Teilziele.
All die Kriege bringen nur innere und äußere Zerstörung sowie die Tendenz zu Rache und Revanche. Siebzigmal siebenmaliges, also permanentes Verzeihen und Vergeben führen zu echter Versöhnung.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 18, 21–35)
In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denáre schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn
und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern,
bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.
Der Autor
Der Franziskanerpater Christoph Kreitmeir arbeitet in der Klinikseelsorge am Klinikum Ingolstadt, in der Erwachsenenbildung und bei Lebenshilfesendungen im Radio Horeb.
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