Mit dem heutigen Evangelium hören wir ein Gespräch zwischen Jesus und der religiösen Elite seiner Zeit und seiner Religion mit. Er erzählt ein Gleichnis und bittet die Zuhörenden zu entscheiden, welcher der beiden Protagonisten den Willen des Vaters, den Willen Gottes, erfüllt hat. Die zwei Söhne eines Mannes werden von ihm nacheinander aufgefordert, den Tag über ihm Weinberg zu arbeiten. Der erste Sohn – Matthäus wählt eine ganz liebevolle und vertraute Anrede mit "mein Kind" (Mt 21,28) – lehnt ab, er will nicht. Der zweite Sohn, der genauso angesprochen wird, reagiert anders. Er spricht den Mann sehr förmlich und respektvoll mit "Herr" an und bejaht, den Tag über im Weinberg zu arbeiten – hält sich aber nicht an sein Wort und geht nicht hin. Im Laufe des Tages bereut der erste Sohn seine Entscheidung und geht schließlich doch im Weinberg arbeiten.
Das Gleichnis erinnert an Mt 7,21: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut." (Mt 7,21) Unser Tagesevangelium wirkt wie eine Auserzählung dieser Aussage Jesu. Der erste Sohn, der, den Jesus am Ende des heutigen Abschnitts mit Zöllnern und Sündern identifiziert, der zwar nicht von Anfang an den Willen Gottes erfüllt, aber bereut, umkehrt und danach handelt, er gelangt in das Reich Gottes.
Der zweite Sohn, der so respektvoll von seinem Gott als "Herr" spricht, aber nicht der Handlungsaufforderung folgt, der gibt nur Lippenbekenntnisse ab und gelangt nicht ins Reich Gottes. Den Willen Gottes tun – die erste Lesung nennt es heute auch Gerechtigkeit tun – ist das Zugehörigkeitskriterium zum Reich Gottes. Wie kommt man an den Willen Gottes? Auch das führt Jesus bei Matthäus zum Schluss der Perikope aus: Wer Jesus und denen, die ihn verkünden (hier ist es konkret Johannes der Täufer) glaubt, der kann den Willen Gottes lernen und ihn dann tun.
Zurück zu den Adressaten, den Hohepriestern und Ältesten, denen wir uns heute als Zuhörende angeschlossen haben. Sind wir erbost und zornig, dass uns Lippenbekenntnisse und Heuchelei unterstellt werden, wir im Vergleich mit sündigenden Menschen noch schlechter dastehen sollen? Oder lassen wir uns aufrütteln und zur Umkehr rufen, den eigenen Glauben, die eigenen Bekenntnisse, das eigenen Handeln am Maßstab des Willens Gottes, der Gerechtigkeit, ehrlich zu prüfen? Denn immer, in jeder Situation den Willen Gottes zu tun, das kann wohl kein Mensch reinen Herzens von sich behaupten. Der erste Sohn darf uns in dieser Erkenntnis Mut machen: Nicht die hunderprozentige Erfolgsquote zählt, sondern Reue, Umkehr und dann das Tun des Willens Gottes.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 21,28–32)
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin.
Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Die Autorin
Schwester Jakoba Zöll ist Olper Franziskanerin. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an ihrer Promotion.
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