Sind wir bereit für die letzten Fragen?
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Gastbeitrag von Bischof Gebhard Fürst zu Aschermittwoch

Sind wir bereit für die letzten Fragen?

Zum Beginn der Fastenzeit sagt uns der Aschermittwoch schonungslos auf den Kopf zu: Bei allem Gelingen und allem Glück steht unser Leben doch stets "im Schatten des Todes", so der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst in seinem Gastbeitrag.

Von Gebhard Fürst |  Rottenburg - 10.02.2016

Am Aschermittwoch bezeichnen wir uns mit dem Aschekreuz. Es bleibt von nun an unser Bild für die kommende Zeit. Und auch die Liturgie des Aschermittwochs ist voll von poetischen Bildern: "Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst." Mit diesen Worten aus dem Buch Genesis (Gen 3,19) wird uns am heutigen Aschermittwoch in bildhaft-poetischer Sprache und dennoch ebenso schonungslos auf den Kopf zugesagt: Bei allem Gelingen, allem Glück und bei allem Genuss, der mit unserem Leben hoffentlich verbunden ist, steht unser Leben doch stets "im Schatten des Todes".

Der Aschermittwoch ist der Einschnitt in eine bisher ausgelassene Woche. Es ist eine Umpolung geradezu: von der lockeren Heiterkeit zur Beherrschung, von zwangloser, unverbindlicher Fröhlichkeit zur nüchternen Sicht auf das, was der Mensch auch ist, nämlich beschränkt in vieler Hinsicht - begrenzt in letzter Hinsicht durch den Tod. Nun kommen wir mit Asche in Berührung. Asche ist schlechthin das Symbol für das, was wir waren und was unser Körper einmal sein wird. Mit der Asche, mit der wir uns bezeichnen lassen, holen wir die Erinnerung an unser irdisches Ende in die Gegenwart: und zwar als Einsicht darüber, wie kostbar und einzigartig unser Leben doch ist.

Das Aschekreuz als Erinnerung an das Wort Gottes

Und gleichzeitig spüren wir mit dem Aschekreuz die Erinnerung an das Wort Gottes - die Erinnerung an Jesus Christus -, der nach Leiden und Tod zu neuem Leben auferweckt wurde. Er ist das Abbild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15), sein Wort (Joh 1,1), das das Feuer Gottes auf die Erde brachte (vgl. Lk 12,49), das die Liebe Gottes zu uns Menschen gezeigt und gelebt hat (vgl. Joel 2,18). In ihm - in Christus - brennt Gottes leidenschaftliche Liebe auf der Erde. In den kommenden Wochen werden wir wieder hören, dass ihn diese Liebe zu uns Menschen ans Kreuz bringen wird.

Linktipp: Bedenke, dass du Staub bist

Zum Beginn der Fastenzeit erinnert das Aschekreuz als Symbol an die Vergänglichkeit des Menschen. "Am Aschermittwoch ist alles vorbei…", so heißt es in einem bekannten Karnevalslied. Der Tag, an dem das närrische Treiben vorbei ist, markiert zugleich den Beginn einer wichtigen Zeit.

In der Lesung zum Aschermittwoch ruft uns der Prophet Joel auf, umzukehren zur "herzzerreißenden" Liebe Gottes. "Zerreißt eure Herzen" fordert Joel ein bedrängtes Volk auf. "Zerreißt nicht eure Kleider und kehrt um zum Herrn Eurem Gott, denn (...) groß ist seine Güte." Joels Worte beschreiben in wunderbarer Wortgewalt, den innersten Kern des Wesens Gottes. Aus Gottes Güte, aus Gottes Barmherzigkeit kann ein neuer Weg in die Freiheit erwachsen. Sie ist das Schlüsselwort in der Heiligen Schrift "um Gottes Handeln uns gegenüber zu beschreiben" sagt Papst Franziskus über die Barmherzigkeit.

Vielerorts begeht die Kirche den Aschermittwoch der Künstler. Die Künste verbinden sich mit dem Aschermittwoch deshalb so gut, weil sie mit Symbolik und Dramatik umzugehen wissen. Kunst, Musik und Literatur können als Brücken dienen. Sie öffnen unsere Sinne. In Bildern, Worten und Klängen können sie Gott hörbar, sichtbar und berührbar machen - vorausgesetzt, Künstler und Betrachter geben ihm Raum.

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Im Licht des Glaubens ist das Kreuz bleibendes Zeichen, dass wir das Gespräch mit Gott nicht für beendet betrachten, so Bischof Gebhard Fürst.

"Die Lage der Kunst ist seit jeher eine unschlüssige", sagt der Schriftsteller Botho Strauß: "Es ist die Samstagslage zwischen dem Freitag mit Kreuzestod und grausamen Schmerzen und dem Sonntag der Auferstehung und der reinen Hoffnung. Weder am Tag des Grauens noch am Tag der Freude wird große Kunst geschaffen. Wohl aber am Samstag, wenn das Warten sich teilt in Erinnerung und Erwartung."

Das Kreuz in der "Samstagslage"

Kunst ist Bindeglied zwischen den Wirklichkeiten, den Wahrheiten - ebenso, wie wir Menschen selbst. Allerdings erfordert es unsere Bereitschaft, uns zu öffnen und sich überwältigen zu lassen. Es erfordert Stärke und Widerstandslosigkeit zugleich, Kunst auf sich wirken zu lassen. Und es verlangt Bedachtsamkeit, um es nicht gleich durch bloße Ratio zu entschlüsseln.

Und was für die Kunst im Allgemeinen gilt, gilt auch für das "Bild", mit dem wir uns am Aschermittwoch bezeichnen. Das Kreuz aus Asche befindet sich in der von Strauß beschriebenen "Samstagslage". Mit der Asche weisen wir auf den Karfreitag hin, auf die Vergänglichkeit und den Tod. Indem wir uns mit ihr bezeichnen, nehmen wir vorweg, was sich an Karfreitag ereignet. Und gleichzeitig weist das Kreuz auf Ostern, auf die Auferstehung und das ewige Leben. Im Licht des Glaubens ist das Kreuz bleibendes Zeichen, dass wir das Gespräch mit Gott nicht für beendet betrachten. Denn es weist uns Glaubende hin zum Sinn unseres Lebens. Es ist Wegweiser zum Heilshorizont, der für uns Christen Ostern heißt. Sind wir bereit für diese letzten Fragen?

Der Autor

Gebhard Fürst (*1948) ist seit dem Jahr 2000 Bischof von Rottenburg-Stuttgart. Außerdem ist er Vorsitzender der Publizistischen Kommission und der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz.

Von Gebhard Fürst